KKL: Viel Synthie mit ein wenig Soul

Er gehört zu den grossen Jazz-Innovatoren: Am Montag in Luzern hat Herbie Hancock aber vor allem alte Hits aufgewärmt. Etwas Virtuosität und Seele kam dann trotzdem auf.

Pirmin Bossart
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Herbie Hancock (74) kann aus einem riesigen Repertoire von Hits schöpfen. (Bild Nadia Schärli)

Herbie Hancock (74) kann aus einem riesigen Repertoire von Hits schöpfen. (Bild Nadia Schärli)

von Pirmin Bosshart

Knapp zwei Stunden lang, inklusive Zugabe, hat Herbie Hancock das zahlreich erschienene Publikum im weissen Saal verwöhnt. Der Tastenzauberer gab sich so redselig wie jamfreudig. «This is our last concert of the year. We just want to be crazy on the stage», sagte er bei seiner Begrüssung, nachdem er sich mit seinem Quartett mal 20 Minuten lang warm gespielt hatte.

Es ist immer wieder erstaunlich, was Hancock alles gemacht und wie vieles er beeinflusst hat. In den 1960ern veröffentlichte er auf Blue Note seine ersten Alben, spielte 1963 bis 1968 im hochkarätigen Miles Davis Quintet, wo er 1968 mit dem Fender-Rhodes-Piano debütierte. Er begann schon damals, Werbe-Jingles zu komponieren und schrieb auch die Filmmusik von «Blow- up» (Michelangelo Antonioni).

Starke Musiker

Ab 1969 setzte Hancock zunehmend Synthesizer und andere elektronische Instrumente ein und wandte sich dem elektronisch-funkigen Fusion-Sound zu. Mit «Headhunters» veröffentlichte er 1973 eines der erfolgreichsten Alben der Jazzgeschichte. In den 1970ern hatte Hancock elf Alben in den Pop-Charts, die auch die Disco- und Hip-Hop-Produzenten inspirierten. Später arbeitete er mit Joni Mitchell und Stevie Wonder. Mit «The Imagine Project» holte sich Hancock 2011 zwei Grammys.

Technisch ist Hancock noch immer klar und versiert präsent, auch wenn das Repertoire im aufgemotzten Fusion-Plastik-Sound an Würde verlor. Am Schlagzeug wirkte der vielseitig engagierte und einflussreiche Vinnie Colauita (Frank Zappa, John McLaughlin, Barbara Streisand, Chaka Khan usw.), der zusammen mit dem souverän grundierenden James Genus die oft langen Improvisationen elastisch hielt.

Von Hancock mit Vorschusslorbeeren eingedeckt wurde der afrikanische Gitarrist Lionel Loueke, der zweifellos ein solides Set bot und mit einer längeren solistischen Einlage seine Loop- und Vocoder-Künste demonstrierte. Das können auch andere Musiker, aber die afrikanischen Tönungen des Gesangs und die perkussiven Gitarrensounds waren eine stimmungsvolle Abwechslung zum muskulösen Elektronik-Fusion-Gedudel des restlichen Repertoires.

Hit in der 30-Minuten-Version

Der Kern des Konzertes drehte sich um neue Aufbereitungen von alten Hits wie «Watermelon Man», «Cantaloupe Island» oder «Chameleon». Aus dem 52 Jahre alten «Watermelon Man» entstand eine 30-Minuten-Version, die von einem längeren Synthie/Sampler-Space-Intro eingeleitet wurde. Das knackige Thema blitzte, soundmässig stark verfremdet, immer mal wieder aus dem Kollektiv-Gewaber hervor.

So solide und einigermassen abwechslungsreich die Hit-Motive in lange Jams verwoben und durchexerziert wurden, so einsilbig wurde mit der Zeit dieser von Synthesizern dominierte und hell jaulende Sound. Sogar die Gitarre klang wie ein Synthesizer. Wenn dann noch Hancock himself mit dem Umhänge-Keyboard auf der Bühne herumspazierte, war das optisch-musikalische Verbrechen perfekt.

Zum Glück aber griff er auch mal in die Tasten des Flügels und brachte mit scharfen Akzenten und wirbligen Läufen etwas Seele in dieses elektroide Genudel. Sonst wäre vom musikalisch-innovativen Gehalt dieses Auftritts nicht mehr allzu viel übrig geblieben.