KKL: Vielschichtige Geburtstagskonzerte

Die Festival Strings schenkten Sofia Gubaidulina zum 85. Geburtstag ein Porträt- und ein Galakonzert. Gezeigt wurden das breite Schaffensspektrum der leider abwesenden Komponistin sowie der Kontext ihrer Werke.

Katharina Thalmann
Drucken
Teilen
Die Festival Strings mit Konzertmeister Daniel Dodds (oben links) und Trompeter Reinhold Friedrich (unten links). Bild: Roger Grütter (29. Januar 2017)

Die Festival Strings mit Konzertmeister Daniel Dodds (oben links) und Trompeter Reinhold Friedrich (unten links). Bild: Roger Grütter (29. Januar 2017)

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Sakrale Stimmung am Samstag im Luzerner Saal: Bei gedämpftem Licht rezitierte Daniel Dodds, künstlerischer Leiter der Festival Strings, einen Brief von Sofia ­Gubaidulina. Kurzfristig musste die Komponistin ihren Besuch in Luzern aus gesundheitlichen Gründen absagen. Mit persön­lichen Worten wandte sich die Jubilarin an ihr Luzerner Publikum und an die Musiker. Sie wäre zufrieden gewesen mit ihren Geburtstagskonzerten. Dieselbe Ehrfurcht, die man in ihren Werken spürt, dieses behutsame Suchen und Abtasten von Klängen und Linien, prägte auch die Interpretationen ihrer Stücke.

Das Porträtkonzert am Samstag stellte Werke Gubaidulinas und Werke Johann Sebastian Bachs einander gegenüber. Bach war und ist eine wichtige Referenz für die Komponistin. So bewegte sich das Repertoire auf erfrischende Weise an den Rändern der Musikgeschichte mit Bach als Vertreter der kontrapunktischen Kunst des Barocks, und Gubaidulina als avantgardistische Komponistin, die sich immer wieder auf jene alte Kunst bezieht.

Nachdenken über Bachs Geheimnisse

Der Cembalist Vital Julian Frey eröffnete das Konzert mit Bachs chromatischer Fantasie in d-Moll. Seine Virtuosität beeindruckte auch in der folgenden «Meditation über den Choral ‹Vor deinen Thron tret’ ich hiermit›». In diesem Werk für Kammerensemble manifestiert sich Gubaidulinas Nachdenken über Bachs zahlensymbolische Geheimnisse und die Reflexion über die Begeisterung für dessen Werk. Frey und die fünf Streicher widmeten sich dieser Musik mit Ernsthaftigkeit und Hingabe.

Der Einsatz des Cembalos zu Beginn schlug einen schlüssigen Bogen zum letzten Stück des Abends: Wie die «Meditation» zeichnet sich auch «Introitus» für Klavier und Kammerorchester durch einen feinsinnigen dramatischen Aufbau aus. Beide Werken enden mit kraftvollen solistischen Klängen – aufbrausende Perkussivität beim Choral, insistierende Triller in «Introitus». Die Pianistin Alice Di Piazza blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit Gubaidulina zurück und interpretierte den emotionalen «Introitus»-Solopart eindringlich als kontemplativen Gegenpol zum Orchestertutti, wenn auch nicht ganz frei von Pathos.

Gubaidulinas «Reflections on the theme B-A-C-H» für Streichquartett wurden vier Fugen aus Bachs «Kunst der Fuge» gegenübergestellt. Die Festival Strings demonstrierten die berührenden Finessen ihres Zusammenspiels ohne Dirigent. Dynamisch zurückhaltend interpretiert, entfalteten die Fugen eine filigrane Wirkung, wenngleich man sich hie und da eine noch dezidiertere rhythmische Prägnanz hätte wünschen können.

Im Anschluss spielte Reinhold Friedrich mit Simon Höfele und Sebastian Berner Gubaidulinas «Trio für drei Trompeten». Auch dieses Stück knüpft hörbar an Bachs Kompositionstechnik an. Jedoch bereichert Gubaidulina das dynamische, aufregende Werk mit dem Hauch eines Augenzwinkerns: Lustvoll kosteten die drei Trompeter die teils scharfen Dissonanzen aus und schmunzelnd und mit viel Verve gerieten die sprudelnden Kaskaden.

Das Galakonzert im Konzertsaal vom Sonntagabend setzte Sofia Gubaidulinas Werk in den Zusammenhang ihrer russischen Herkunft. Ihrem Orchesterwerk «Concordanza», das von kontrastierenden Gesten der Orchestergruppen lebt, wurde Bachs zweites Brandenburgisches Konzert vorangestellt. In den vier Solisten Daniel Dodds (Violine), Johanna Dömötor (Flöte), Adam Halicki (Oboe) und Reinhold Friedrich (Trompete) fand das Konzert liebevolle und aufmerksame Kammermusikpartner.

Humorvoller Gegenpol auf der Trompete

Dmitri Schostakowitsch gehörte zu den frühesten Förderern Gubaidulinas. Seinem Klavierkonzert Nr. 1 verlieh die aus Moskau stammende Pianistin Elena Bashkirova russische Entschiedenheit und agogisches Temperament, während der humorvolle Reinhold Friedrich mit dem Trompetenpart einen charmanten Gegenpol beisteuerte.

In Tschaikowskys Serenade für Streichorchester rückten die Zusammenhänge zu Gubaidulina eher in den Hintergrund. Jedoch zeigten sich die Strings in der Interpretation des frohsinnigen Werkes von ihrer spielfreudigsten Seite. Das Wochenende zu Ehren von Sofia Gubaidulina erwies als musikalisches Panoptikum aus Besetzungen, historischen Bezügen und namhafter Solisten – ein gelungenes Geburtstagsgeschenk der Festival Strings.