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KKL: Von goldener Mitte zum Delirium

Dem Mozart die Ausgewogenheit, dem Strawinsky die Ekstase – die Berliner Philharmoniker begeisterten in zwei völlig verschiedenen Konzerten.
Roman Kühne
Die Berliner Philharmoniker spielen unter der Leitung von Simon Rattle Werke von Mozart. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Die Berliner Philharmoniker spielen unter der Leitung von Simon Rattle Werke von Mozart. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Die Berliner Philharmoniker sind wohl der Inbegriff der klassischen Grossformation, ein Synonym für weite und wuchtige Orchesterklänge. In den letzten Jahren lässt sich jedoch beobachten, wie Grossorchester vermehrt ihre Besetzung den historischen Gegebenheiten annähern, mit teils drastischen Reduktionen. So interpretierten zum Beispiel 2009 die Chicago Symphony und das Festival Orchestra im Jahr 2011 am Lucerne Festival ihre Mozart-Sinfonien quasi in Kammermusikbesetzung.

Ins Diabolische treibend

Nun war die Reihe an den Berlinern. Die drei letzten Sinfonien Mozarts bespielten sie an ihrem ersten Konzertabend am Mittwoch nur mit der Hälfte ihrer Kräfte. Was dabei herauskommt, ist überzeugend. Schon die Komposition in Es-Dur entfaltet, nach einer längeren Anlaufphase, eine Vorwärtsbewegung, eine Kraft, die den ganzen Abend nicht mehr nachlässt. Vor allem die Schlusssätze der drei Sinfonien werden ans oberste Tempolimit getrieben. Und doch ist es nicht eine Kraft, die sich aus dem Pompösen nährt. Geboren aus schlüssiger Musikalität ist es eine Mischung delikaten Ertastens und permanenten Vorwärtstriebs. Herrlich zögernd das Andante, punktierte Viertel, die sich im Nichts verlieren, langsam einer vorsichtigen Bewegung weichend.

Drängend und treibend die Streicherläufe des «Finale», quasi die elegante Melodie der Holzbläser karikierend. Diese interpretatorische Ausdrücklichkeit greift in den folgenden zwei Sinfonien noch stärker. Ohne je ins Grobe oder gar Plumpe abzugleiten, betont der Dirigent Simon Rattle die Gegensätze, arbeitet an den Details. Heftig pulsiert das «Molto Allegro» des Schwanengesangs in d-Moll, nächtliche Schatten, die ins Diabolische treiben. Unritterlich drückt im zweiten Satz die Nacht ins Mozart’sche Abendrot. Und dann diese Leichtigkeit, mit der die Berliner Philharmoniker die schwierigsten Passagen meistern, schwerelos scheinend und stimmig, von hoher Transparenz. Der Klang ist ein Genuss. Kleine Verschiebungen in Ausdruck und Volumen geben den hervorragenden Holzbläsern Raum und Zeit, ihre Farben zu setzen. Stark, wie die Waldhörner tiefste Lagen intonieren. Oft spielt das ganze Orchester ein Pianissimo, das scheinbar keine Grenzen kennt. Die Melodie, eine Welle, im sandigen Nichts verklingend, gleich darauf umso schöner wieder auferstehend. Ein Vor- und Nachgeben in Tempo und Intensität, ohne je den Fluss zu verlieren. Wenn es denn die ideale Mitte des «Klassischen» gibt, so wäre sie hier in der Aufführung dieser letzten drei Sinfonien gefunden.

Der Rausch des Augenblicks

Am Donnerstagabend dann der fantastische Höhepunkt: Igor Strawinskys «Le Sacre du Printemps», für viele der Startknall der Moderne schlechthin, tankt sich durch den Saal. Fern jeder Patina spielt das Orchester entfesselt, mit Druck und Energie, kein Vergleich zu der kürzlich erschienenen CD-Einspielung. Die Klarinetten- und Flöteneinsätze sind aggressiv. Vibrierende Posaunen, schneidende Trompeten und Hörner, ein höchst flexibler Streichersatz – das 100-jährige Stück tanzt frisch und unverbraucht. Die Kontraste werden von einem inspirierenden Simon Rattle auf die Spitze getrieben, Lautstärken im obersten Bereich, hetzende Tempi jagen den lyrischen Teilen nach. Eine Aufführung wie ein Delirium, der ganze Irrsinn des magischen Opfertanzes in den Händen des Publikums. Abgründe und Fallen statt Brauchtum und Frühlingserwachen.

Trotz dem Tosen bleibt auch hier alles sichtig und klar, fliessen immer wieder wunderschöne Farben in- und durcheinander. Ob dieser Spitzenleistung geraten das sanft getuschte «Verklärte Nacht» von Schönberg, sowie die ebenfalls exzellent dargebotenen Bruchstücke aus «Wozzeck» (Berg) – hervorragend die lange Orchestersteigerung, eine Erquickung die klar artikulierende, gestaltungskräftige Sopranistin Barbara Hannigan – etwas in den Hintergrund.

Zwei Revolutionen

Alte Musik mat. Welches war die grösste musikalische Revolution? Die ausverkaufte Franziskanerkirche Luzern stimmte am Mittwoch für die Alte Musik. Sie zeigte, in welch verschiedene Richtungen der neu entdeckte subjektive Gefühlsausdruck in der Musik um 1600 drängte.

Für die perkussive Linie musikalischer Revolutionen stand Monteverdis erregter «Combattimento», dessen rasante Tonrepetitionen das exzellente Concerto Italiano mit knallenden Bässen und aufgerautem Klang furios zuspitzte. Gesualdos «Moro, lasso» dagegen löste mit fremden Akkordrückungen und einer sich schmerzhaft windenden Chromatik die Funktionsharmonik auf, noch bevor diese etabliert war.

Zum Schluss kam in Monteverdis «Hor ch’el ciel» beides zusammen und in reglosen Nachtklängen zu Beginn eine Art Klangkomposition hinzu, dem das farbig besetzte Continuum eine dunkel grundierte suggestive Färbung gab.

Urs Mattenberger

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