KKL: Walzertakte jenseits aller Gemütlichkeit

Zum Auftakt des Festivals «Szenenwechsel» intonierte die Big Band der Musikhochschule Luzern das Werk «Sentimental 3/4». Und zeigte packend, was alles im Dreivierteltakt steckt.

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Der französische Vibrafonist Franck Tortiller entlockte der Big Band der Hochschule Luzern im KKL Höchstleistungen. (Bild Pius Amrein)

Der französische Vibrafonist Franck Tortiller entlockte der Big Band der Hochschule Luzern im KKL Höchstleistungen. (Bild Pius Amrein)

Simon Bordier

In Wien wurde seit dem Wiener Kongress 1815 so viel und heftig Walzer getanzt, dass sich die Obrigkeit ernsthaft Sorgen um die Gesundheit der Tänzer, vor allem aber der Tänzerinnen machte: Der Schwindel, der durch die schnellen Drehbewegungen entsteht, war zu einer Art Droge geworden.

Fliessender Übergang zum Swing

Die Wirkung des Tanzes ist auch rund 200 Jahre später noch zu spüren – nicht nur in «originalen» Walzern, sondern gerade auch im Jazz. In Frankreich etwa, wo man die landestypische Valse musette am Akkordeon pflegt, ist der Übergang zum Swing längst fliessend. Und so kann ein Jazzpionier wie der 1963 im Burgund geborene Franck Tortiller beherzt auf Walzertakte zurückgreifen, wenn er in seinen Stücken seine Jugend zwischen den Weinbergen heraufbeschwören will.

So geschehen in seinem 2009 veröffentlichten Album «Sentimental 3/4». Am Sonntag hat die Big Band der Hochschule Luzern – Musik im Luzerner Saal des KKL die Ouvertüre sowie vier Walzer daraus gespielt, wobei Tortiller persönlich am Vibrafon mitwirkte. Das von der Hochschule und dem Jazz Club Luzern organisierte Konzert bildete den Auftakt zum Musikfestival «Szenenwechsel»: einer Art Werkschau, bei der die Hochschule noch bis Freitag Einblick in ihr Schaffen gibt.

Ausflüge in die Weinberge

Das diesjährige Thema «Grenzenlos» mit «Musik zwischen Exil, Emigration und Rückkehr» wurde beim Big-Band-Konzert glänzend eingelöst. Das «Umtata» des Walzers bildete in Tortillers Stück nämlich kein rhythmisches Korsett, sondern den Traubenkern für weite und herrlich sentimental gefärbte Ausflüge in die Weinberge.

Die Ouvertüre und vier «Walzer» des Werks begannen in der Regel rhythmuslos. So rief Mathieu Friz am Klavier mit feinen Tastenläufen zunächst vage Reisegefühle hervor. Sonja Ott schweifte mit ihrer Trompetenmelodie in die Ferne, ohne sich rhythmisch genau festzulegen. Erst mit dem Einsatz der Schlagzeuger wurden rhythmische Konturen erkennbar. Doch es wollte sich keine bestimmte Taktart einprägen, da das Tempo stark beschleunigt wurde.

Auf dem Höhepunkt des ersten Walzers trat der Saxofonist Noah Arnold an den Bühnenrand. Weder er noch das Publikum schienen zu wissen, ob er die geballte Tanzenergie in der tiefen oder hohen Lage entladen sollte: Er konnte rucken und zucken, wie er wollte – der Druck war immer noch da. Ein hinreissender Auftritt!

Eine Erfahrung, die stählt

Man gewann den Eindruck, dass das Stück dank der jungen Musiker einen besonderen Reiz entfaltete: Vielleicht war nicht immer alles perfekt, aber die Studierenden schienen ihr Talent wie am offenen Feuer zu schmieden und nach bestandenen Soli gestählt ihre Plätze einzunehmen. Franck Tortiller machte es eindrücklich vor: Mit so viel Temperament, starken Impulsen und differenzierten Klangschichtungen hat man das Vibrafon kaum je gehört. Die Wirkung Tortillers ging über sein Tasteninstrument hinaus. Schliesslich hatte er das Stück als Composer in Residence mit der Big Band und dem musikalischen Leiter Edward Partyka einstudiert. Der Auftritt mit den jungen Talenten und Partyka sei ihm eine «besondere Ehre», wie er das Publikum wissen liess.

Die E-Gitarre geweckt

Man spürte und verstand es auch im zweiten Walzer. Dieser begann im ruhigen Dreiertakt, zu dem die Bässe auf den zweiten und dritten Schlag verschlafen wummerten. Auch dieser Satz nahm immer mehr Fahrt auf, bis ein Saxofon Alarm schlug und damit David Hasler an der E-Gitarre weckte: Wild entschlossen pflügte er in seinem grandiosen Solo die Takte um. Danach erklangen die Nachschläge der Big Band wie in einem Hupkonzert; es war eine Energie in den Takten zu spüren, wie man sie in manchen «originalen» Walzern kaum für möglich hielte.

«Szenenwechsel»: Infos zu den weiteren Konzerten unter www.hslu.ch/de-ch/musik