KKL: Zu Bach mischt sich Power mit Kunst

Die Erfolgsproduktion «Flying Bach» verbindet erstmals Breakdance mit Musik von Bach im KKL-Konzertsaal. Und gipfelt da in einer mächtigen Überraschung. Heute Freitag ist ihre letzte Show in Luzern.

Urs Mattenberger
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Flying Bach am Dienstagabend auf der Bühne im Konzertsaal. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Flying Bach am Dienstagabend auf der Bühne im Konzertsaal. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

«Die Orgel war überhaupt das Geilste von allem», freute sich ein junger Konzertbesucher nach enthusiastischen Statements über die Tänzer. Er tat es nach der Vorstellung am Dienstagabend im Slang, den man eher mit Breakdance als mit Johann Sebastian Bach verbindet. Und bewies damit, wie erfolgreich dieser Abend vermeintliche Gegensätze zusammenbringt.

Denn die Tanzproduktion «Flying Bach» bietet zu Hardcore-Bach (Auszüge aus dem Wohltemperierten Klavier, gespielt auf Flügel und Cembalo) Breakdance auf internationalem Top-Niveau: mit den vierfachen Breakdance-Weltmeistern Flying Steps aus Berlin. Und zieht damit ein weitgehend jugendliches Publikum an, das sonst «nicht solche Musik» hört, sie aber in diesem Zusammenhang «cool» findet.

Bild: Roger Gruetter / Neue LZ
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Viermal ausverkauft

Dass alle vier Vorstellungen bis am Freitag ausverkauft sind, liegt damit nicht nur an der wirksamen Werbemaschinerie des Sponsors Red Bull, die Publikum aus der ganzen Schweiz nach Luzern lockt. Die diesjährige Produktion bestätigt vielmehr wie das Gastspiel vor zwei Jahren, dass den Flying Steps mit dieser Mixtur von Barockmusik und zeitgemässer Jugendkultur ein Coup gelungen ist. Wie angesagt Breakdance nach wie vor ist, zeigen Luzerner Tanzschulen, die bestätigen, dass man damit sogar Jungs zum Tanzen verführen kann.

Hochgeschwindigkeit mit Bach

Das mag daran liegen, dass dieser Tanz atemberaubend Muskelkraft mit akrobatischer Eleganz und Coolness verbindet. Der Abend ist tatsächlich verschwenderisch gespickt mit entsprechenden Showelementen. Schaukelnde Rotationen auf beiden Armen, prekär ausbalancierte Posen auf einer Hand, schwindelerregende Drehungen auf dem Kopf, Stürze, die durch elegantes Abrollen aufgefangen werden und buchstäblich in einer Auferstehung gipfeln: Allein schon solche «gymnastische» Topleistungen verwandelten das junge Publikum im Saal in eine kreischende und johlende Fangemeinde.

Hinzu kommt, dass solche Powermoves raffiniert mit der Musik von Bach verknüpft werden – wie detailliert, illustriert ein Beispiel mit Partitur im äusserst informativen Programmheft. Im Vordergrund steht dabei die rhythmische Nähmaschinen-Motorik von Bachs Präludien, deren Maschinen-Ästhetik der metallisch klirrende Klang des Cembalos noch betont. Spannend ist das, weil mit deren Geschwindigkeitsrauch selbst die Breakdancer mit trippelnden Fussschritten nicht ankommen und sich ihrem Sog nur mit freihand drehenden Headspins hingeben können.

Das emotionale Gegenstück bietet das romantisierte Klavierspiel von Christoph Hagel, zu dessen Fugen Vartan Bassil raffiniert verzahnte und emotional fliessende Ensemble-Choreografien zeigt. Dazwischen wird Bachs Maschinenästhetik aktuell in elektronische Ambient-Sounds mit mächtig pumpenden Bässen und flackernden Beats übersetzt.

Eine Story wie von der Strasse

Das alles ist verschwenderisch viel und vorzügliches Material, um damit eine spannende Geschichte zu erzählen. In diesem Punkt allerdings bleibt «Flying Bach» hinter den hoch gesteckten Ansprüchen zurück. Die Story, lesen wir im Programmheft, zeigt Tänzer mit einem Lehrer beim Training für einen grossen Auftritt, bei dem Streit, Kampf, Enttäuschung und Freude angeheizt werden durch den Auftritt einer Frau. Zu sehen ist, wie in rasch wechselnden Bildern rivalisierende Männer um diese Frau kämpfen und buhlen, einmal verführerisch, einmal mit bedrohlicher Gewalt. Das erinnert an die Herkunft der Breakdance-Kultur aus Strassengangs, von der sich «Flying Bach» als abendfüllende Tanzproduktion gerade abheben will. Und die Bilder reihen sich etwas beliebig und ohne schlüssige Dramaturgie aneinander: Sie könnten irgendwann abbrechen oder beliebig weitergeführt werden.

Unerhörte KKL-Orgel

Für eine überraschende Steigerung sorgt am Schluss allerdings die von Wolfgang Sieber gespielte Orgel: In der d-Moll-Toccata staunt man über die stählerne Klangkraft des Instruments, das sich auch später gegen die zugeschalteten elektronischen Sounds behaupten kann. So «geil» hat man die KKL-Orgel tatsächlich noch nie gehört. Möglich macht es die diskrete, als solche nicht erkennbare Verstärkung auch dieses Instruments. Und es ist dieses Finale, das die Verlegung des Events vom passenderen Luzerner Saal in den grossen Konzertsaal rechtfertigt.

HINWEIS
Die weitere Vorstellung von heute Freitag ist ausverkauft.