KKL: Zwei Oden an die Freiheit

Ein musikalisches Drei-Gänge-Menü, das es in sich hatte: Klug programmiert und mit herausragenden Solisten präsentierte das Luzerner Sinfonieorchester im KKL vielfältigste Musik aus drei Jahrhunderten.

Katharina Thalmann
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Das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Constantinos Carydis. Neben dem Dirigenten der Sprecher Thomas Quasthoff (links), rechts die Sopranistin Chen Reiss. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 4. Mai 2017))

Das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Constantinos Carydis. Neben dem Dirigenten der Sprecher Thomas Quasthoff (links), rechts die Sopranistin Chen Reiss. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 4. Mai 2017))

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Arnold Schönbergs Kompositionstechnik zur Vorspeise: Die Erläuterungen der Musikredaktorin Mariel Kreis in der Konzerteinführung am Donnerstag im KKL waren anschaulich und charmant, Studierende der Musikhochschule interpretierten unter anderem den letzten Satz von Schönbergs zweitem Streichquartett von 1907. Dort vertont er das Gedicht «Entrückung» von Stefan George. «Ich fühle Luft von anderem Planeten», singt es da; der Part fand in der Sopranistin Nuria Richner eine ideale Besetzung. Wenngleich Schönberg die tradierte Dur-Moll-Harmonik dekonstruiert, so ist die Orientierung an der motivisch-thematischen Arbeit Beethovens doch ohrenfällig.

Hoch expressiver Egmont

Wie passend also, dass der Hauptgang mit Beethovens «Egmont» op. 84 begann. Der Dirigent Constantinos Carydis, bislang besonders für seine Operndirigate bekannt, gestaltete die berühmte Ouvertüre zupackend und leidenschaftlich. Besonders die Fermate vor dem letzten Allegro machte er zum dramatischen Effekt.

Thomas Quasthoff als Sprecher erzählte die Geschichte von dem niederländischen Grafen Egmont und dessen Freiheitskampf mit beispielloser Eindringlichkeit: Seine sonore Stimme liess er mal flüstern, mal poltern, mal fragen. Und stets deklamierte er so klar, dass jede expressive Regung der Handlung mühelos nachvollziehbar wurde. Das Goethe’sche Trauerspiel entfaltete besonders im Melodram «Süsser Schlaf» eine unwiderstehliche Sogwirkung. Als Quasthoff zuletzt konstatierte: «Ich sterbe für die Freiheit, für die ich gelebt und gefochten habe», blieb einem buchstäblich der Atem weg. In den zwei Liedern des Clärchens überzeugte die Sopranistin Chen Reiss mit leichter Tongebung. ­Besonders erhellend waren die Zwischenaktmusiken, die retrospektiv als die Versatzstücke der Ouvertüre begriffen werden konnten.

Stellvertretende Diktatoren

Schönberg komponierte seine «Ode an Napoleon Buonaparte» 1942 im amerikanischen Exil. Mit diesem Stück für Streichquartett, Klavier und Sprecher übt er – wie Beethoven mit seinem Egmont – harsche politische Kritik. Beide äussern sich anhand einer Stellvertreterfigur: Beethoven vertont den Freiheitskampf der Niederländer, meint aber Napoleon. Schönberg vertont Lord Byrons zynische Abrechnung mit Napoleon, meint aber Hitler. Die Priorität und Notwendigkeit, mit der sowohl Schönberg als auch Beethoven diese Diskurse komponieren, ist bis heute von glühender Aktualität.

Das Streichquartett stammte aus den Reihen des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO), und den Klavierpart übernahm Oliver Schnyder, der im Juni mit dem LSO Beethovens fünf Klavierkonzerte aufführen wird. Das Zusammenspiel gelang mühelos und präzis, und der Sprecher Peter Schweiger kostete die grotesken Betonungen des Textes voll aus. Schönbergs schräge Rhythmisierung der Sprache und die unbequeme Musik verbreiten Beklemmung – aus gutem Grund, wenn man den Inhalt bedenkt. Auch hier fällt in der letzten Strophe das Stichwort «Freiheit», und in einem wunderbar musizierten Nachspiel schälte sich aus der verworrenen Vielstimmigkeit plötzlich Es-Dur heraus.

Es-Dur ist auch die Tonart von Mozarts Sinfonie Nr. 39. ­Abgesehen von diesem Bezug schien das Stück zum sonst so stringent programmierten Menü eher Beilage zu sein. Carydis legte den Fokus wieder auf das zweifellos vorhandene dramatische Potenzial des Werks. Das Hauptthema wirkte etwas hastig – wobei es legitim ist, das Relief der Musik mehr zu gewichten, als in die vielen kleinen Schönheiten zu zoomen. Der zweite Satz gelangte bei der Wiederholung des Themas zu einer selten gehörten Leichtigkeit. Wieder spielte Carydis fantasievoll mit theatralisch gedehnten Pausen. Im Trio-Teil des Menuetts führten Klarinette und Flöte einen schalkhaft verzierten Dialog.

Delikater Nachtisch

Chen Reiss’ Nachkonzert, quasi der Nachtisch, schlug einen delikaten Bogen zurück ins 20. Jahrhundert: Alban Bergs «Sieben frühe Lieder» von 1908 interpretierte sie mit ausgewogenem Timbre und ein bisschen opernhaft. Gustav Mahlers «Das himmlische Leben», der vierte Satz seiner vierten Sinfonie, begleitete der Pianist Charles Spencer pudrig und gelassen, und Reiss entwarf die Utopie des himmlischen Lebens mit weitgespannten Legato-Bögen.