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KLAGENFURT: Grosser Erfolg für Schweizer Literatur

Nora Gom­ringer, schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin, hat den Bachmannpreis gewonnen. Sie überzeugte die Jury mit ihrem Text «Recherche». Und noch eine Schweizerin jubelte.
Siegerin Nora Gomringer, flankiert von ihrer Schweizer Landsfrau Dana Grigorcea (links, Platz 3) und Valerie Fritsch (Österreich, Plat 2). (Bild: Keystone)

Siegerin Nora Gomringer, flankiert von ihrer Schweizer Landsfrau Dana Grigorcea (links, Platz 3) und Valerie Fritsch (Österreich, Plat 2). (Bild: Keystone)

Irene Widmer, sda

Gomringer nahm Blumen und den Siegercheck über 25 000 Euro in Tränen aufgelöst entgegen. Dabei hatte ihr der österreichische Juror Klaus Kastberger nach ihrer Lesung am Donnerstag gleichsam den Sieg vorausgesagt, sei ihr Text doch auf den Klagenfurter Event regelrecht massgeschneidert.

In der Tat wusste die gewiefte Slam-Poetin, wie man die Zuhörer gefangen nimmt. So begann sie ihre Lesung mit einem Mikrofontest meinte man –, der in Wirklichkeit so in ihrem Text stand, weil ihre Figur Nora Bossong ihn machte. Danach bot sie eine Ein-Frau-Show, unterstrich das Gelesene mit Mimik und Gestik und sprach Dialoge wie ein Stimmenimitator. «Ein Hörspiel, das den ganzen Raum füllt», urteilte Jury-Obmann Hubert Winkels.

«Hello Budapest!» in Bukarest

Mit Rang 3 und dem 3sat-Preis (7500 Euro) an Dana Grigorcea ging eine weitere Auszeichnung an eine Schweizerin. Grigorcea war mit einem Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» angetreten, einer bitterbösen Satire über die Geschichte Rumäniens seit Ceausescu. Eine Schlüsselszene spielt 1992, als Michael Jackson Bukarest besuchte und mit seinem Gruss «Hello Budapest I love you» die angestaute Erlösungshoffnung der rumänischen Fans niederschmetterte. Witzig, anrührend, burlesk, fanden die Juroren.

Der zweite, der Kelag-Preis, in Höhe von 7500 Euro und der vierte, der mit 7000 Euro dotierte Publikumspreis, gingen beide an die österreichische Autorin Valerie Fritsch. Sie gewann die Gunst von Jury und Publikum mit dem Text «Das Bein» über einen jungen Heimkehrer, der sich seinem Vater, einem beinamputierten, zunehmend verzweifelnden Tänzer, anzunähern versucht.

Auch Schwitter und Halter im Final

Die Schweizer Literatur hatte dieses Jahr am Wörthersee wahrhaftig einen Lauf: Mit Monique Schwitter und Jürg Halter schafften es zwei weitere Schweizer Teilnehmer unter die sieben Finalisten. Der Berner Halter profitierte von der uneingeschränkten Unterstützung des Schweizer Jurors Juri Steiner, der als einziger Halter in jeder Abstimmungsrunde neu ins Gespräch brachte.

Bei der gestrigen Preisverleihung passierte ein Malheur, das die Organisatoren explizit verhindern wollten: Die Österreicherin Teresa Präauer, die sich mit der Siegerin Gomringer in der ersten Runde ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert hatte, ging am Ende leer aus. Damit das nicht vorkommt, hatten die Veranstalter eingeführt, dass der Zweitplatzierte in einer Runde automatisch für die nächste gesetzt ist. Dass jemand, wie Präauer, in jeder Runde Zweite machen könnte, daran dachte niemand.

Hahnenkämpfe in der Jury

Dieses Jahr hatten zudem neue Jurymitglieder ihre Premiere. Während der Schweizer Stefan Gmünder und die Deutsche Sandra Kegel noch etwas schüchtern auftraten, versuchte sich der Österreicher Klaus Kastberger als Spielverderber zu profilieren. Nicht genug, dass er seinen Kollegen empfahl, Gomringers nahezu perfekten Wettbewerbstext «nicht auf den Leim zu kriechen». Er schoss sich auch auf den Schweizer Juror Juri Steiner ein. Damit überschritt er das Ausmass des Gefrotzels zuweilen deutlich in Richtung Beleidigung.

Gomringers Freude tat dies alles keinen Abbruch: «Ich rechne nicht mit Preisen, wer das macht ist ein Narr», sagte sie. Die 35-Jährige ist Schwester von sieben Brüdern (ihre Mutter ist Germanistin, ihr Vater Eugen gilt als «Vater der Konkreten Poesie»). Sie ist Deutsche und Schweizerin und eine Grösse in der Spoken-World-Szene der Poetry Slams. Mittlerweile sei sie allerdings als Slammerin seit zehn Jahren nicht mehr aktiv, sondern vorwiegend im Hintergrund tätig, sagt sie heute.

«Operation am offenen Herzen»

Seit 2000 hat sie fünf Lyrikbände und eine Essay-Sammlung publiziert. In dem 2011 erschienenen Büchlein «Ich werde etwas mit der Sprache machen» schreibt Gomringer zu den Regeln der Poesie: «Keiner erfindet das Rad neu. Auch die bei Michelin machen nur immer wieder gute und immer bessere Reifen. So machen das auch die Lyriker.»

Ihr Siegertext handelt von der Recherche einer Autorin namens Nora Bossong (diese Kollegin gibt es auch im wirklichen Leben), die ausgerechnet zur Zeit des Bachmann-Wettlesens in einem Hochhaus Parteien interviewt und sie zum Tod des 13-jährigen Tobias befragt, der von einem Balkon gestürzt ist.

Man bringe einen Text mit, der auf intime Weise entstanden sei, und erlebe «eine Operation am offenen Herzen, sagte sie gestern. «Aber wir Autoren leben von der Aufmerksamkeit und davon, das man sich an uns erinnert.»

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