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Klang-Bild-Explosionen in Echtzeit

Werner Meier bannt seit 40 Jahren die Energie des Jazz auf die Leinwand. Jetzt hat der Luzerner Künstler seine Live Jazz-Paintings in einem Buch dokumentiert.
Pirmin Bossart
Der Künstler und Jazz-Maler Werner Meier vor seinen Kunstwerken bei sich zu Hause in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli)

Der Künstler und Jazz-Maler Werner Meier vor seinen Kunstwerken bei sich zu Hause in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli)

Werner Meier gestikuliert. Sein Erzählfluss klingt immer auch visuell, seine markigen Worte mit dem Hinterländer-Akzent bohren sich ins Fleisch. Es ist wie beim Jazz: Man muss den Künstler leibhaftig sehen und erleben, wenn er aus seinem Leben erzählt. Dann spürt man Meier in seinem Element. Ein Gesamtkunstwerk aus Charme, Urkraft, Liebenswürdigkeit und einer theatralischen Energie.

«Ich habe nie Buch geführt über meine Jazz-Bilder. Ich habe sie einfach gemalt und viele von ihnen verkauft.» Enorm zeitaufwendig sei diese Suche nach seinen Bildern gewesen, sagt Meier. « Aber natürlich auch herrlich, all diese Begegnungen.» Da sitzt und erzählt er, die längeren Haare sind wohlgeformt, sein Outfit gepflegt, ein Gilet trägt er seit Urzeiten. Ein Künstler alter Schule, der sich etwas Schalkhaftes und Draufgängerisches bewahrt hat, aber in seinem Leben auch einen instinktiven Geschäftssinn entwickelte, der ihn nie stranden liess.

Eine Reise durch Sound und Zeit

Quer durch die Kantone reiste Meier in den letzten Monaten, um möglichst viele seiner Jazz-Bilder zusammenzutragen. Er entdeckte auch solche, von denen er manchmal selbst nicht mehr wusste, dass er sie gemalt hatte. Jetzt sind 187 davon in seinem Buch «Visual Music» versammelt. Von den frühesten anfangs der 1980er Jahre bis zu ganz aktuellen. Eine wunderbare Reise durch Sound und Zeit.

Auf «mindestens 1000» schätzt der Künstler die Zahl seiner «Live Jazz Paintings». Beeindruckend auch die vielen Musikerinnen und Musiker, die darauf verewigt sind. 1641 sind im Buch alphabetisch aufgelistet, die auf den abgedruckten Bildern mehr und weniger oder im Farbenstrudel gar nicht mehr erkennbar sind. Aber sie waren alle live auf der Bühne, damals, als Meier in Willisau, New York, Bangkok oder Paris oder aufgeregt davorsass und den Zeichenstift flirren liess.

Auflösung von Klängen und Formen

Die Palette der Bilder zeigt unterschiedliche Facetten. Die frühen Bilder sind recht figurativ und lassen die Musiker erkennen. Andere Bilder sprühen vor Farbenkraft, weil in den 1970er und 1980er Jahren viele Musiker mit ihren bunten Kleidern «eine Lebensfreude ausstrahlten», die sich ungefiltert in sein Gewusel aus Strichen und Klecksen integrierte. Und immer wieder gibt es jene Bilder, in denen die Musik förmlich zu explodieren scheint und nur noch energetische Partikel herumflirren, die Meier in improvisatorischer Manier zeitgleich mit dem Konzert bei fortschreitender Auflösung von Klängen und Formen zu einem Ganzen fügte.

Peter Fischer, ehemaliger Direktor Kunstmuseum Luzern und Zentrum Paul Klee Bern, schreibt in seinem Text im Buch: «Die Bilder kommen wie seismographische Aufzeichnungen daher, als Farborgien, Wimmelbilder, als Mandalas. Hier vermitteln sie Dynamik, dort Stillstand – sie peitschen uns an, bringen uns zur Einkehr». Und Niklaus Troxler, an dessen Konzerten in Willisau viele Bilder entstanden, skizziert die musikalische Entwicklung des Jazz und gibt damit einen stilistisch sich öffnenden Leitfaden, dem sich vielleicht in Meiers Bildern nachspüren liesse.

Live Jazz-Painting des Künstlers Werner Meier. (Bild PD)

Live Jazz-Painting des Künstlers Werner Meier. (Bild PD)

Kunstgewerbeschule und Free Jazz

1965 zeichnete Meier in Griechenland erstmals Musiker, denen er spontan bei Konzerten auf der Strasse begegnete. Im gleichen Jahr brachte er Dollar Brand und Bea Benjamin im Volkshaus aufs Papier. Das waren die Vorstudien. 1966 wurde er aus der Kunstgewerbeschule Luzern geschmissen – weil damals noch nicht 1968 war. In diesen Jahren begann er, Jazz-Platten zu kaufen. Ornette Coleman, Albert Ayler, Archie Shepp, wilden Free Jazz Stoff.

«Eine Platte kostete 30 Franken, das war ein Vermögen», sagt Meier. Für meine Zweizimmerwohnung an der Zürichstrasse bezahlte ich 162.50 Franken, und den Becher Bier im «Stiefel» gab es für 45 Rappen.» Dort, in der legendären Beiz, setzte sich der Künstler auch regelmässig ans Klavier und haute seine Musik aus den Tasten.

Später gründete und leitete er zehn Jahre lang die Zeichenschule Luzern. Während insgesamt zwölf Jahren machte er Studienaufenthalte im Ausland, war an Ausstellungen und internationalen Projekten beteiligt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Meier malte Flussbilder, Meerbilder, bewegt Akte oder Süssigkeiten, von denen er ganze Wände voll am Kunstmuseum Luzern ausstellte, aber auch Plastiken und Objekte.

Und immer wieder die Live Jazz-Bilder. Sie entstehen 1:1 während eines Konzertes. Ist der letzte Ton verklungen, ist auch das Bild fertig. Einmal habe er das «Timing» verfehlt, sagt Meier. Das war im Casino Luzern. Die Band hatte aufgehört, und Meier war praktisch fertig, aber etwas Klitzekleines fehlte, um es schlüssig zu machen. «Zuhause nachbessern kam nicht in Frage, das kommt nie gut heraus. Also ging ich hinter die Bühne, gab der Band eine 50er Note und fragte sie, ob sie noch ein Stück spielen.» Und Meier konnte sein Bild beenden.

Der kreative Akt eines Jazzbildes ist aber auch ein konzentriertes Zeit-Raum-Ereignis, das keine Einbrüche duldet. Jedes zehnte Bild «verrecke» ihm, sagt Meier. «Die Anspannung ist so gross. Es ist wie Formel 1 fahren. Sobald du zu denken beginnst, bist du aus der Kurve.» Blitzschnell muss er sich über das grobe Raster klar werden, wie er das Bild einteilt. Sobald er eingreift und erste Linie und Schraffuren setzt, darf er gleichzeitig nicht vorschnell alles schliessen. Denn so wie die Musik, muss auch das Bild fortwährend in Bewegung bleiben – und doch etwas festhalten.

Live Jazz-Painting von Werner Meier. (Bild PD)

Live Jazz-Painting von Werner Meier. (Bild PD)

Ruhiger – und aufregender

Vor vielen Jahren zeichnete er das Staatsballett in Lissabon und wenig später die berühmte Ballettruppe Les Etoiles in der Kuppel der Pariser Opera Garnier. Dass er in seinem Wohnhaus und Atelier in Luzern Jazzkonzerte veranstaltete, wäre eine andere Story. Heute ist das Leben ruhiger geworden, aber nicht weniger aufregend. Mit seinen 76 Jährchen ist der Künstler wach und aufgeregt wie immer. Das Buch! Die Ausstellung! Das Jazzfestival! Meier ist dabei.

28. August 2019, 18 Uhr, Rathaus Willisau: Vernissage «Live Jazz Paintings» by Werner Meier». Die Ausstellung dauert bis am 5. September.

Die ersten 100 Bücher enthalten eine CD mit dem Song «To Werner – a Beautiful and Inspiring Artist», den die amerikanische Jazz-Pianistin und Sängerin Amina Claudine Myers Werner Meier gewidmet hat.

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