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KLANG MEGGEN: Klassik aus dem Leben gegriffen

Geselligkeit im Bürgersalon: Das Schweizer Klaviertrio lud zum Hauskonzert bei Schumanns. Und trug hochkarätig zur Festival-Auslastung von 90 Prozent bei.
Dreiecksgeschichten mit dem Schweizer Klaviertrio: Der Pianist Martin Lucas Staub liest Briefe von Clara über Robert Schumann und Brahms. (Bild: Corinne Glanzmann)

Dreiecksgeschichten mit dem Schweizer Klaviertrio: Der Pianist Martin Lucas Staub liest Briefe von Clara über Robert Schumann und Brahms. (Bild: Corinne Glanzmann)

Urs Mattenberger

Das typische Klassik-Publikum trägt Anzug und Krawatte oder Abendkleid. Es verharrt stumm und reglos und bewegt erst, wenn der letzte Satz eines Werks verklungen ist, zum Applaus die Hände. Selbst in die Pause hinein verlängert es die Etikette, indem es gesittet Cüpli statt hemdsärmlig Bier trinkt.

Kammermusikveranstalter versuchen den Anstrich des Elitären, den solche Klischees und Rituale hervorrufen, auf paradoxe Weise aufzubrechen. Gespielt wird, wie in diesen Tagen bei Klang Meggen, in Bürgersalons, aus denen solche Musik herkommt. Das schafft einerseits familiäre Nähe zur Musik, zu den Musikern und zwischen dem Publikum. Anderseits repräsentiert ein Reichtum, wie ihn der Salon auf Schloss Meggenhorn zur Schau stellt, eher die Welt der Auftraggeber der Komponisten als diese selbst.

Zu Gast bei der Familie Schumann

Grossbürgeranlass statt geselliger Schubertiade also? Der Konzertabend mit dem Schweizer Klaviertrio zeigte am Montag exemplarisch, wie man beide Welten ungezwungen zusammenbringen kann. Das begann damit, dass der Intendant Roland Meier nicht einfach Tickets abgab, sondern jeden der rund 70 Besucher quasi persönlich empfing. Das Familiäre ging weiter im Konzert, wo der Pianist Martin Lucas Staub mit einer lebendigen Einführung zum Programm das künstlerische Familienleben im Haus Schumann um 1853 aufleben liess.

Er tat es unter anderem mit Brief­zitaten von Clara Schumann, die zeigten, wie Brahms damals von den Schumanns herzlich empfangen wurde: Als Freund und musikalischer Hoffnungsträger, der bereits im jugendlichen Überschwang eines 20-Jährigen so komponierte, als hätte der liebe Gott ihn fertig auf die Welt gestellt, wie es in einem Brief heisst. Nach dem Konzert, das Werke von Schumann und Brahms aus dieser Zeit einander gegenüberstellte, waren auch der Apéro und das anschliessende Dinner mehr als äusserliche Zutaten. Da konnte man die Musiker in jener lebhaft-ungezwungenen Atmosphäre erleben, die auch unter damaligen Musikern so normal war wie romantische Schwärmerei. Schliesslich trank selbst der Weinliebhaber Brahms fürs Leben gern ein Bier im Wirtshaus.

Wie ein «ungezogenes Kind»

Die Pointe ist, dass klassische Musik – nicht nur der Romantiker – in sich selbst diese ganze Vielfalt und Widersprüchlichkeit vereint. Bis zur Zerbrechlichkeit galt das hier in Schumanns g-Moll-Trio, das drei Jahre vor seiner Einlieferung in die Nervenheilanstalt von ungebrochener Schaffenskraft zeugt. Da wurde im ersten Satz der romantische Sehnsuchtston dramatisch aufgesplittert, flackerten durch das Scherzo rhythmische Irritationen und scherte das Finale wie ein «ungezogenes Kind» (Clara Schumann) heftig nach allen Seiten aus. Das international erfolgreiche Schweizer Klaviertrio, das in überraschender Agogik und jäh gebündelten Ausbrüchen seine Klasse und Homogenität bewies, unterstrich das mit einer deutlichen Klanglichkeit, die in der trockenen Akustik des vollen Saales auch etwas spröd wirkte.

Zu den Vorzügen einer solchen Hauskonzert-Akustik gehört eben auch, dass sie stilistische Unterschiede nackt zur Geltung bringt. Das Ensemble stellte sie denn auch bewusst heraus und machte aus Brahms eine Sternstunde in Sachen schwelgerischer musikalischer Romantik. Die Geige von Angela Golubeva und das Cello von Sébastien Singer verschmolzen feinnervig ausgespannte Kantilenen zu süffiger Grandezza, Martin Lucas Staub unterlegte sie am Flügel mit mitunter impressionistisch farbigen Klanggrundierungen, die klarmachten, wieso Clara Schumann von den «orches­tralen» Farben von Brahms schwärmte. Dass die Musik nicht nur in den grossen Aufschwüngen, sondern auch in der Gebetsruhe des Adagio Transparenz und klangliche Präsenz, ja Fülle bewahrte, wirkte wie ein Wunder.

Zugabe von der fernen Geliebten

Wie sehr die Musik an diesem Abend mitten aus dem Leben gegriffen war, deutete die Zugabe an: Ein innig-melancholischer Satz aus dem Klaviertrio von Clara Schumann brachte schliesslich auch die Frau musikalisch zu Gehör, die Brahms mit seinem H-Dur-Trio als «ferne Geliebte» (ein Beethoven-Zitat in der Urfassung des Werks) gefeiert hatte.

Klassik auf hohem Niveau, aber nicht abgehoben: Mit dem an diesem Abend exemplarisch umgesetzten Konzept erzielte das Klang-Kammermusikfestival in der zehnten Jubiläumsausgabe auch publikumsmässig eines seiner besten Resultate – mit einer Auslastung von 90 Prozent und gut über 500 Besuchern. Das Schlusskonzert von heute Abend ist ausverkauft.

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