Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Regisseur Stefan Haupt: «Zwingli ist heute wieder hochbrisant»

Stefan Haupt hat mit «Zwingli» den teuersten Schweizer Film aller Zeiten gedreht. Der Regisseur im Gespräch über Erfolgsdruck, Zwinglis Umgang mit Sex – und warum der Zürcher Reformator aktueller ist denn je.
Interview: Lory Roebuck und Max Dohner
Max Simonischeck überzeugt im Film von Stefan Haupt als Zwingli. (Bild: pd)

Max Simonischeck überzeugt im Film von Stefan Haupt als Zwingli. (Bild: pd)

Stefan Haupt, Sie sind im Alter von 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Was reizte Sie daran, einen Film über Zwingli zu drehen?

Das ist vor allem ein Bauchgefühl. Als ich für meinen letzten Film «Finsteres Glück» bei der Landeskirche um finanzielle Unterstützung nachfragte, sagte man mir, dafür sei die Chance gering, denn alles Geld fliesse in einen Zwingli-Film. Das weckte sofort mein Interesse. Als Zürcher Stadtkind kenne ich die alten Mauern sozusagen wie ein seelisches Innenfutter. Daran haftet viel Geschichte, auch Kirchen-, Reformationsgeschichte.

Und der Kopf der Reformation? Wie viel wussten Sie zu jenem Zeitpunkt von Zwingli?

Aufgewachsen bin ich in einer Freikirche, bei den Methodisten. Mein Vater dirigierte da einen Chor und einen zweiten bei der Landeskirche. Diese fühlte sich für mich immer viel freier an. Das Zwinglianische war dadurch von früh auf positiv konnotiert. Zudem waren wir oft in Wildhaus – die Familie meiner Mutter stammt aus dem St. Galler Rheintal –, und da steht Zwinglis Geburtshaus. Von seiner theologischen Arbeit wusste ich aber herzlich wenig. Und war darum ebenfalls überrascht von der wirklich grossen Statur und dem vielschichtigen Wesen dieses Mannes.

Wollten Sie, dass die Leute Zwingli neu kennen lernen –von Vorurteilen befreit?

Ja, nicht zu vergessen die hohe Brisanz, die Zwingli heute wieder hat. Wenn Politiker jetzt fordern, die Kirche solle sich weniger in die Politik einmischen, dann sind wir direkt bei Zwingli. Er mischte sich voll und ganz in die Politik, war für den Zürcher Stadtrat geradezu der Spiritus Rector. Zwingli verstand das Christentum als klaren Kompass für das politische Handeln. – … was beispielsweise in aller Klarheit bedeutet: keine Waffen in Bürgerkriegsländer.

Mit Zwinglis Ankunft wurde in Zürich in wenigen Jahren alles umgekrempelt: Sozialwesen und Bildung, die Ehegesetze werden gelockert.

Zwingli hatte Klarheit im Geist, Rednergabe, Mut und Charakterstärke. Er hätte problemlos mit seiner Anna zusammenleben und einfach wie alle die Konkubinatssteuer zahlen können, aber nein, der Leutpriester nahm sie offiziell im Grossmünster zur Frau und nahm ihre Kinder aus erster Ehe an.

Regisseur Stefan Haupt. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Regisseur Stefan Haupt. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Waren Sie überrascht zu sehen, dass es ausser einem Film in den 1980er-Jahren bislang noch keinen grossen Zwingli-Film gab?

Schweizer sind wohl nicht sehr begabt im Personenkult. Interessanterweise war das auch schon in Reformationszeiten angelegt; von Zwingli gibt es – im Unterschied zu Luther – kein einziges Bild zu Lebzeiten. Alle reden von der Luther-Bibel, aber Zwinglis Bibel heisst «Zürcher Bibel», er wollte seinen Namen nicht drin stehen haben.

Mit einem Budget von knapp 6 Millionen Franken ist «Zwingli» der teuerste Schweizer Film aller Zeiten. Beeinflusste Sie das in der Weise, wie Sie an den Film herangegangen sind?

Nicht wirklich . . . Von mir aus könnte man den Hinweis auf die Kosten auch einfach herausnehmen. Denn wie teuer ein Film ist, taugt einfach nicht als Qualitätskriterium. Aber je mehr wir zu Zwingli lasen, desto grösser wurde die Gewissheit, wie viele ausserordentlichen Geschichten darin stecken. Da wäre Stoff für eine Serie vorhanden gewesen.

Ein Klischee besagt: Je mehr Geld bei einem Film steckt, desto mehr wird Einfluss darauf genommen, dass er ein möglichst grosses Publikum findet.

Von Anfang an war klar: Das wird ein grosser, publikumswirksamer Film, ein aufwendiger Historienfilm. Allerdings ohne gepützelte Damenhäubchen. Natürlich tauchte die Frage auf: Braucht es mehr Sex? Oder eine grosse Schlachtszene? Ich finde: Der Film ist so schon spannend genug.

Sie haben den Film dort gedreht, wo vor 500 Jahren alles geschah, im Zürcher Grossmünster.

Es hat wahnsinnig viel Spass gemacht, dort zu drehen, wo Zwingli vor 500 Jahren gestanden ist. Ich glaube, das spürt auch der Zuschauer. Ich wollte eigentlich alle Bänke aus der Kirche entfernen, weil diese zu Zwinglis Zeit ja noch nicht dort waren. Die Denkmalpflege erteilte uns auch die Erlaubnis, aber wir hätten jeden noch so kleinen Schaden mit denselben Materialien reparieren müssen, die 1920 dafür verwendet worden waren. Das wäre teuer geworden!

Der Film lässt Zwingli nicht nur als Helden erstrahlen.

Jemand hat mir tatsächlich gesagt, ich hätte ihm das Bild Zwinglis zerstört. Er fragte: Wieso habt ihr ihn nicht einfach als wirklichen Held gezeigt, so wie man das bei Luther macht? Man zeigt nicht jedes Mal, dass Luther auch ein Antisemit war… Aber ich muss keinen Helden aus Zwingli machen. Ich finde es viel spannender, ihn als Menschen mit Widersprüchen und Ambivalenzen zu zeigen.

Einer dieser Widersprüche ist Zwinglis Verhältnis mit einer Barbiers-Tochter, mit der er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll.

Es waren 24 Chorherren, die entscheiden mussten, ob Zwingli von Einsiedeln nach Zürich kommen durfte oder nicht, und dabei kam zur Sprache, dass er ein Kind und ein Verhältnis habe. Aber Zwingli wollte das dann nicht verheimlichen. Er schickte einem der Chorherren einen Brief, in dem er schrieb, dass er seinem Sexualtrieb nachgerannt sei wie ein Hund.

(Bild: pd)

(Bild: pd)

…Katholiken kommen in Ihrem Film besonders schlecht weg.

Das ist in diesem Fall wohl nicht meine Schuld! (lacht)

Hatten Sie deswegen keine Bedenken?

Eine Cutterin sagte mir vor zwei Jahren an einem Festival: «Gell, du machst den Zwingli-Film? Spinnst du?» Ich fragte sie, wie sie das meine, und sie antwortete: «Ich hasse Religion!»

Was ich damit sagen will: Wir geben uns heute alle so sekulär, und behaupten, dass die Kirche uns nichts mehr angeht. Doch seit dem IS sind plötzlich alle wieder Christen . . .

Ich glaube, dass für viele von uns die eigene Beziehung zu Kirche und Religion viel Ungeklärtes aus der Kindheit beinhaltet. Gerade in dieser Hinsicht denke ich, dass der Zwingli-Film viele Menschen anspricht.

Kurzkritik zum Zwingli-Film

Ein schöner Film mit Schönheitsfehlern In «Zwingli» lässt Regisseur Stefan Haupt die Welt des grossen Reformators Zwingli im Jahr 1519 in imposanten Bildern auferstehen. Die detailgetreuen Kulissen und Kostüme sind eine Wucht, und die dichte Atmosphäre, die Haupt schafft, reisst mit. Sein Zwingli ist eine Figur, die mit den Vorurteilen des lustfeindlichen Orthodoxen aufräumt – überzeugend verkörpert von Hauptdarsteller Max Simonischeck. Der spannende historische Stoff wirkt in der filmischen Verdichtung allerdings einseitig: hier der gute Zwingli, dort die bösen Katholiken. Für Stirnrunzeln sorgen auch die modernen Dialoge sowie die Art, wie der Film gegen Ende wichtige Ereignisse einfach im Schnelldurchlauf ­abhandelt. «Zwingli» ist ein grosses Historiendrama mit kleinen Schönheitsfehlern. (lor)

Ab 17. Januar im Kino.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.