KLASSIK: Berliner finden den Königsweg nach innen

Spiritualität hoch zwei: Die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle verzaubern mit Strawinsky und der Matthäus-Passion von Bach.

Roman Kühne
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Szenische Bach-Passion: Magdalena Kozena und Mark Padmore mit Musikern der Berliner Philharmoniker. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Szenische Bach-Passion: Magdalena Kozena und Mark Padmore mit Musikern der Berliner Philharmoniker. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Die Berliner Philharmoniker zählen zweifellos zum Besten, was die europäische Orchesterszene zu bieten hat. Und tatsächlich: Wer die beiden Konzerte diese Woche am Lucerne Festival geniessen durfte, wird, zumindest in Luzern, schwerlich Faszinierenderes finden. Dabei ist es nicht die musikalische Wucht, die Virtuosität, die verzaubert – beides ist bei den Berlinern ohne Zweifel vorhanden – sondern ihre grenzenlose Intimität, ja tiefe Verletzlichkeit, die diese Abende zum Erlebnis machen. Der von Simon Rattle entwickelte «Feuervogel» am Dienstag ist quasi eine Antithese zum explodierenden «Le Sacre du Printemps» des letzten Jahres, beides von Strawinsky.

Das mystische Tier

Tief gründen die Musiker im verzweigten Werk, lange wird die Lautstärke unten gehalten, eine halbe Stunde fast, bevor das Volumen in strahlende Sphären dreht. Es ist ein Experiment mit der Struktur des Stücks, den Farben, die es bietet. Luzid im Klang, hoch präzis und agil wird ein ewig scheinender Bogen gespannt. Rätselhaft schimmert der «Feuervogel», Wunder und Rätsel zugleich, ein mildes Weiss in dunkler Nacht. Das mystische Tier flattert sensibel und zerbrechlich durch den menschlichen Seelenwald.

Erst am Schluss reisst Rattle die Spieler zum Höhepunkt, lässt das Jubilieren gleich wieder in sich zusammenfallen. Die Bässe verharren im leisesten Schweben, bis das erlösende Waldhorn – endlich – seinen finalen Gesang setzt. Eine Aufführung, packend bis zum Schluss, ein Hören auf der Stuhlkante! Auch im Stück vor der Pause, in Sergej Rachmaninows «Sinfonischen Tänzen», ist Simon Rattle der grosse, intuitive Geschichtenerzähler, entwickelt eine weite Emotionalität, fern jeder simplen Bühnendramatik.

Bewegende Momente bei Bach

Am Mittwochabend dann die vor vier Jahren in Berlin erstmals gezeigte, halbszenische Aufführung der Matthäus- Passion von Bach: In kleiner Besetzung angetreten, auf zwei Gruppen an den Bühnenrändern verteilt, entwickeln die Berliner auch hier viel Exzellenz, zeichnen unglaublich bewegende Momente. Die Inszenierung von Peter Sellars ist schlicht: weisse Sitzwürfel auf dem Bühnenrund, das Geschehen lebt vom zwischenmenschlichen Miteinander, der Begegnung der Protagonisten.

Auch diese Aufführung zielt auf das Innere, das Intime. Die Leidensgeschichte Jesu als persönlicher Weg zur eigenen Verwandlung. Das führt teils zu durchhängenden Momenten, nachdenklichen Pausen, die auch den Fluss des Werks stören, schafft aber ebenso herrliche Augenblicke. Vor allem die letzte Stunde entwickelt einen enormen spirituellen Sog. Tief bewegend ist es, wenn die Mezzosopranistin Magdalena Kožená und der Konzertmeister Daniel Stabrawa sich im Duett vertiefen.

Auftritt der Kantorei-Kinder

Oder wenn die Sänger, mit geknickten Körpern, den Tod Jesu in starke Bilder setzen. Eine der grössten Menschheitsgeschichten wird hier schlicht und ernsthaft, aber auch mit viel Zuversicht in neuen Schwung versetzt. Der Rundfunkchor Berlin singt lebendig, formt einen wichtigen Teil des Schauspielbilds. Schade nur, dass die Sänger teils zu sehr auf Kraft und Volumen setzen. Die Kinder der Luzerner Kantorei haben einen grossen Auftritt, glänzende Interpretation der himmlischen Sphären.

Auch der Solistenblock ist treffend besetzt. Mark Padmore ist ein überragender, menschlicher Evangelist. Perfekte Stimmkontrolle, gepaart mit Emotionen und schauspielerischem Flair – eine betörende Kombination. Christian Gerhaher gestaltet überzeugend. Sehr weltlich und doch mit Würde ist er kein klagender, ängstlicher Jesus, sondern versprüht Wärme und Vertrauen. Magdalena Kožená, die Sopranistin Camilla Tilling oder der schwarze Bariton Eric Owens zeichnen mit stimmlicher Glut die aufkeimende Verzweiflung.