Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KLASSIK: Er spielt um Leben und Tod

Der Schweizer Geiger Sebastian Bohren steht vor einer Weltkarriere. Ausser ihm zweifelt niemand daran. Jetzt spielt er am Boswiler Sommer.
Der junge Geiger Sebastian Bohren (27) gilt als eines der grössten Talente der Schweiz. (Bild: PD/Tomasz Trzebiatowski)

Der junge Geiger Sebastian Bohren (27) gilt als eines der grössten Talente der Schweiz. (Bild: PD/Tomasz Trzebiatowski)

Christian Berzins

Als Teenager ging Sebastian Bohren am Abend mit Anne-Sophie Mutter ins Bett und wachte am nächsten Morgen mit Nathan Milstein auf. Keine der grossen Geiger, deren Spiel er nicht bestens kennt und charakterisiert, keine Aufnahmen der legendären Geigendinosaurier, die er nicht im Ohr hat. Doch plötzlich sind diese Hubermans, Kennedys oder Hahns mitsamt ihren Aufnahmen alle nichtig geworden. Denn Bohren nahm selber auf und zwar das Grösste, was es für einen Geiger gibt: Ludwig van Beethovens Violinkonzert.

Er braucht das Publikum

Spielen wird der Schweizer Geiger das Konzert am kommenden Samstag, 27. Juni, zur Eröffnung des Boswiler Sommers, wo Bohren mit der Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann Festival Artist ist. Und Bohren ist gut vorbereitet, denn im April war er wegen der Aufnahmen ganz in diesem Violine-Mount-Everest aufgegangen. Um der sterilen Studio-Atmosphäre zu entfliehen, quartierten sich Orchester und Solist eine Woche lang auf der Insel Rheinau ein, liessen aber Gäste zu den Proben kommen, damit spielerisch eine Konzertatmosphäre hergestellt wurde.

Bohren braucht Publikum, sucht im Spiel geradezu eine Angst und eine Verzweiflung eine perfekte Aufnahme widerstrebt ihm. Nur kalt lassen, das dürfe die CD nicht: «Man muss merken, dass da Leute am Werk sind, die um Leben und Tod spielen.»

Von Mourinho zu Guardiola

Bohren liebt diese Art der grossen Worte. Wer nicht genau zuhört oder ihm zusieht, mag sogar denken, er sei ein Übertreibungskünstler. Immerhin war er so mutig und so gut, dass er beim russischen Geigendrillmeister Zakhar Bron lernte und dann rüber ins andere Lager lief, zu Geigenphilosophin Anna Chumachenko. Fussballerisch gesprochen von José Mourinho zu Pep Guardiola.

Bohrer verehrt seine Geige, tut alles für die Musik so sehr, dass er schlaflose Nächte durchlebt. Bei allem Zweifeln und Grübeln kann er seine eigenen Stärken erstaunlich klar definieren. Ein spezieller Ton. Sensibilität. Interpretatorisches Format. Ein Wille. Ein echter Konflikt. All das sucht er. Und findet es.

Doch zum Wissen über die Stärken kommt eine grosse Selbstkritik hinzu und der Unmut, wenn etwas nicht gelingt. Er aber sagt dann: «Da ist immer die Chance, dass etwas entsteht, das eine Tiefe hat.» Will heissen: Wenn etwas nicht funktioniert, dann kann ich dennoch dahinterstehen, wenn ich weiss, dass darin ein kleiner Moment war, wo nur Sebastian Bohren drin ist. «Dann kann jemand spüren, was mir in meinem Leben wichtig ist. Das ist sehr existenziell. Daran glaube ich – sonst an nichts.»

Ein Donnerschlag. So ein Künstler kann auch CDs aufnehmen, obwohl er auch marketingstrategisch vernichtende Sätze sagt wie: «CDs kauft doch keiner mehr.» Er macht es für sich. Und wer darüber spottet, dem sagt er: «Bevor man für andere eine Relevanz entwickelt, muss man sie für sich selbst haben: Wenn etwas nicht eine existenzielle Bedeutung für mich selbst hat, dann kann man keine Relevanz für jemand anderen entwickeln.»

Seine Ziele behält er für sich

Bohrens ganzes Leben ist auf die Geige ausgerichtet, den ganzen Tag überlegt er sich, wie er spielend eine Substanz erzeugen kann. Als Ausgleich gibts mal einen Spaziergang zur Entspannung mehr nicht. Nur in dieser Radikalität schafft es Bohren, das gelernte Geigenhandwerk mit einem natürlichen Ausdruck zu verbinden.

Trotz aller Relativierungen betreffend eines Karrieredenkens hat Bohren grosse Ziele. Er behält sie aber für sich. «Würde ich es sagen, hiesse es, ich wäre arrogant. Hätte ich mein altes Ziel genannt, hätten alle gedacht: «Was meint de Sebi wieder!» Er hat es erreicht, er spielt eine Stradivari. Am Boswiler Sommer kann man Bohren in ganz unterschiedlichen Konzerten erleben (Kasten). Und hören, wie da ein grosser Schweizer Geiger heranwächst.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.