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KLASSIK: «Im Musizieren entsteht Spiritualität»

Die Lucerne Festival Academy spielt erstmals am Lucerne Festival zu Ostern. Chefdirigent Matthias Pintscher spricht über neue Musik an diesem geistlichen Festival, über seine persönliche Spiritualität und den Aufbruch der Academy.
Interview Katharina Thalmann
Matthias Pintscher bei einer Probe mit der Lucerne Festival Academy. (Bild: Stefan Deuber/Lucerne Festival (30. August 2017))

Matthias Pintscher bei einer Probe mit der Lucerne Festival Academy. (Bild: Stefan Deuber/Lucerne Festival (30. August 2017))

Interview Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Mit Olivier Messiaens «Des canyons aux étoiles» steht ein selten gespieltes Wunderwerk auf dem Academy-Programm. Wunderbar ist auch die Entwicklung der Academy: Mit ihren rund 1500 Alumni bietet sie heute Konzerte von New York über Hamburg bis Paris dar. Vor dem Konzert am Osterfestival spielen die Akademisten gemeinsam mit dem Ensemble intercontemporain drei Konzerte in Brüssel, Paris und Luxemburg. Den Kinderschuhen ist sie längst entwachsen; jetzt präsentiert sie sich selbstbewusst auf der ganzen Welt.

Matthias Pintscher, die Lucerne Festival Academy widmet sich jeweils im Sommer der neuen ­Musik. Wie passt diese jetzt mit der Premiere zu Ostern in ein geistliches Festival hinein?

Es schien uns an der Zeit, die Präsenz der Academy auch an Ostern zu zeigen. Das zeigte sich in Gesprächen mit Intendant Michael Haefliger. Luzern ist unsere Heimat. Hier auch ausserhalb des Sommerfestivals aufzutreten, fügt sich als Zeichen schön in die jüngste Entwicklung der Academy und ihrer Alumni ein: Wir wollen ein neues Format schaffen.

Damit meinen Sie die rege globale Konzerttätigkeit der Academy zwischen den Luzerner Festivals. Das ist neu: Können Sie erzählen, wie es dazu kam?

Diese Entwicklung kommt, prosaisch gesagt, aus Angebot und Nachfrage. Bei den Veranstaltern – von klein bis gross – gibt es ein Bedürfnis, ein Gefäss einzuladen, das sich nicht nur vom Repertoire unterscheidet, sondern auch vom Format. Die Akademie hat im Gegensatz zu anderen grossen Orchestern keine festen Strukturen. Wir zeichnen uns durch Modularität aus. Flexibilität in Besetzung und Grösse ist unsere Stärke; das erlaubt uns kurzfristige Konfigurationen. Wir brauchen nur unseren Zylinder schnappen, und los geht’s! (Lacht.) Das macht uns attraktiv.

Dabei war die Academy ursprünglich ein Sommerkurs für zeitgenössische Musik.

Michael Haefliger sagt, wir seien dem Status einer Akademie entwachsen. Dem stimme ich zu. Wir sind nicht die Kids, denen Musik einfach Spass macht. Wir sind auch keine Ausbildungsstätte für Studierende, das ist nicht unser Profil. Insofern ist die Bezeichnung «Akademie» eine Untertreibung. Ende Januar bei unseren Konzerten in New York wurde mir einmal mehr bewusst, was da für Selbstansprüche, gepaart mit der absoluten Lust, vorhanden sind.

Das Osterfestival programmiert vor allem geistliche Werke. Bringt Messiaens «Des canyons aux étoiles» Geistlichkeit in die neue Musik oder eher Spiritualität ohne explizite Geistlichkeit?

Messiaen ist der Bruckner des 20. Jahrhunderts – und das sage ich jetzt zum ersten Mal! Er hat Mut zu grossen Dimensionen, packt grosse Leinwände aus. Das Canyons-Gemälde ist inspiriert von einem spezifischen Glauben. Es ist nicht primär geistliche Musik, aber von tiefer Spiritualität geprägt, das macht Strenge wie auch Natürlichkeit dieser Musik aus. Die Lichtkünstlerin Ann Veronica Janssens vermittelt bei der Aufführung mit ihren Visualisierungen zusätzlich eigene Assoziationen mit der Musik.

Messiaen hat sich etwa vom Bryce Canyon im US-Bundesstaat Utah inspirieren lassen. Teilen Sie seine Faszination für Naturschönheit?

Für mich kann auch ein Spaziergang durch die Strassen New Yorks spirituelle Qualitäten entwickeln. Schönheit ist subtil; das kann ein Augenblick sein oder ein Canyon-Panorama. Ich glaube immer mehr daran, dass im Musizieren ein Zustand entsteht, der spirituell ist, sogar mit ungeistlicher Musik. Der Experte wie der Neuling spüren im Konzert die Einmaligkeit des Moments. Das gibt es nur in der Musik.

Das Programm der beiden Academy-Konzerte in New York war ein Kontrast zu Messiaens spiritueller Musik: Sie spielten Frank Zappas «Yellow Shark». Zappa war ein Rockstar, weltlicher geht es kaum. Weshalb die grossen Kontraste?

Ich will stetig das Spektrum des Repertoires erweitern. Frank Zappa ist ein Chamäleon. Wie bei Picasso gibt es von ihm mannigfaltige Ausführungen, aber immer erkennt man: Das ist Zappa! Zudem sind seine Werke von einer genialen Vielschichtigkeit, das hat sicher auch Boulez fasziniert. Und: Es macht Spass, sie zu spielen – «Spiegel» von Cerha letzten Sommer machte nicht unbedingt Spass. Ich will eine Landschaft bauen aus verschiedenen ästhetischen Ansätzen. Dabei geht es nicht um meinen Geschmack, sondern um einen ehrlichen Snapshot der Musik, die existiert.

Wie casten Sie die Alumni für solche Projekte: Laden Sie jene Musiker ein, die geografisch in der Nähe sind, oder achten Sie auch auf Erfahrung und Repertoirekenntnisse?

All diese Kriterien spielen eine Rolle. Die Academy-Leiter Dominik Deuber, Wolfgang Rihm und ich suchen die Leute aus. Für die Konzerte im März haben wir beispielsweise eine Vorauswahl getroffen, die dann mit dem Ensemble intercontemporain besprochen wird. Die Geografie ist schon ein Aspekt, aber künstlerische Qualität kommt zuerst. Wir wollen auch so viele Leute wie möglich berücksichtigen und die besten und kompatibelsten im jeweiligen Fall engagieren.

Letzten Sommer haben Sie mir im Interview gesagt: «Ich bin nicht religiös, aber sehr spirituell.» Wo liegt für Sie der Unterschied?

Ich bin gläubig. Aber nicht in dem Sinne, dass ich in einem Dienst stehe. Seit zehn Jahren studiere ich Kabbala, das Judentum geht dort in vielschichtigen Mystizismus über. Das fasziniert mich intellektuell, und das stimuliert meine Gedanken darüber, was Interpretation ist.

Sie haben angefügt, dass die hebräische Sprache eine Ihrer stärksten Inspirationsquellen sei. Wieso?

Diese Sprache hat eine unglaubliche Weite. Über Jahrhunderte hat sich die Bedeutung dieser Zeilen verändert, an die jeweilige Zeit angepasst. Interpretation und Lesart sind für mich das grösste Thema, auch in der Musik. Ich will der Partitur so gerecht wie möglich werden, um mit Boulez zu sprechen.

Ihr Lebenspartner ist auch Musiker. Teilen Sie miteinander diese jüdische Spiritualität?

Nein, das mache ich für mich. Wir feiern aber gemeinsam die jüdischen Feiertage. Er stammt aus einer jüdischen Grossfamilie in Chicago, wir sind bisweilen bis zu dreissig Leute. Hohe Feiertage wie Passah, Jom Kippur und Rosch ha-Schana sind in meinem Kalender gross markiert.

Sie wohnen in New York. Wie leben Sie den Glauben in der Grossstadt?

Ich gehe mit meinem Partner in New York ab und zu zusammen in die Synagoge. Dass das hier möglich ist – zwei Männer in der Synagoge–ist grandios! Hier gibt es einfach Respekt füreinander. Das ist die Grundvoraussetzung für alle, die in diese Stadt kommen.

Hinweis

Konzert von Matthias Pintscher mit den Lucerne Festival Alumni am 23. März, 19.30 Uhr. Das Lucerne Festival Ostern läuft vom 17. bis 25. März. Infos: www.lucernefestival.ch. Beachten Sie unsere grosse Vorschau im APERO vom letzten Montag.

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