Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Stradivari-Festival: Klassik kann auch Schlager veredeln

Das Stradivari-Quartett weitete bei der Rütliwiese seine Vielseitigkeit auf eine musikalische Begegnung mit Linda Fäh aus.
Gerda Neunhoeffer
Linda Fäh mit dem Stradivari-Quartett während ihres Auftritts beim Restaurant Rütli. (Bild: Evelin Beerkircher, 28. Juli 2019)

Linda Fäh mit dem Stradivari-Quartett während ihres Auftritts beim Restaurant Rütli. (Bild: Evelin Beerkircher, 28. Juli 2019)

Wer geht bei strömendem Regen auf die Rütliwiese, um ein Crossover-Konzert zu hören? Eher niemand, und so ist es gut, dass Maja Weber, Cellistin des Stradivari Quartetts und künstlerische Leiterin des Stradivari-­Festes, eine Alternative hat: das Restaurant Rütli.

Dort war am Sonntagmittag die erste Begegnung zwischen dem klassischen Streichquartett und der ehemaligen Miss Schweiz und heutigen Schlagersängerin Linda Fäh. Viele Gäste und Freunde des Quartetts steigen durch den teils heftigen Regen von der Schiffsanlegestelle nach oben und natürlich auch Fans der Sängerin, die sie so nah wohl noch nicht erlebt haben.

Mit Charme erläutert sie die ausgesuchten Lieder und beginnt mit «Ewige Liäbi». Sie singt «Cindy» und legt viel Emotion in «Der gleiche Weg». Die Fans jubeln, die Klassikfreunde staunen, und mit der hervorragend arrangierten Begleitung des Quartetts entsteht eine Mischung, die man so noch nicht gehört hat.

Experiment entstand aufgrund TV-Sendung

Linda Fäh singt mit elektronischer Verstärkung, die so eingestellt ist, dass man die Streichinstrumente gut hören kann. Ein spannendes Experiment, das in einer TV-Sendung, bei der sich Linda Fäh und Maja Weber kennen gelernt haben, erdacht wurde. Vor dem Auftritt der Schlagersängerin bietet das Quartett in den Arrangements von Mariana Rudakevych eine hinreissend dramatische Version von Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre. Sowie ein Mani-Matter-Medley, das aufhorchen lässt. Am Freitagabend, zwei Tage vorher, findet das Konzert in der Kirche St.Marzellus Gersau statt. Die vielen Besucher erleben Haydns sogenanntes «Reiterquartett» g-Moll mit weihevoll zelebriertem Largo und einem immer wieder galoppierenden Finale. Xiaoming Wang lässt die Töne seiner Violine leuchten und tänzeln, Sebastian Bohren steht dem in nichts nach. Lech Antonio Uszynskis Viola und Maja Webers Cello geben in gleicher Weise Antwort, und es entstehen köstliche Klangwirbel. Beethovens Streichquartett F-Dur op. 59 Nr. 1 «Rasumowsky», von Zeitgenossen das «Flickwerk eines Wahnsinnigen» genannt, wird in der Gestaltung des Stradivari Quartetts zum grandiosen Klangerlebnis. Und nach dem nicht enden wollenden Jubel des Publikums gibt es zwei Zugaben: einen Tango von Piazzolla und ein chinesisches Lied für die 50 chinesischen Kinder und ihre Familien.

Am Samstag findet der «Nauenbrunch» am Vormittag bei besten Wetterbedingungen statt. Die Fahrt auf dem einheimischen Nauen aus dem Jahr 1908 ist bester Rahmen für die «Gersauer Stücke».

Die Serenade fiel ins Wasser

Silvia Camenzind, Bezirksrätin von Gersau, begrüsst die vielen Zuhörer wie vor jedem Konzert, doch diesmal stilgerecht in der Gersauer Tracht. Erst wird ein Brunch offeriert, dann wird man auf dem leicht schwankenden Boot mit Schweizer Liedern aus Kantonen rund um den See überrascht. Die hervorragenden Arrangements von Rudakevych werden vom Stradivari Quartett ausdrucksvoll gestaltet und animieren sogar zum Mitsingen.

Natürlich wäre es stimmungsvoll gewesen, Schönbergs «Verklärte Nacht» und Tschaikowskys «Souvenir de Florence» direkt am See zu erleben, doch die Serenade am Samstagabend fällt nach heftigem Sturm buchstäblich ins Wasser und muss von der Seebühne in die Kirche verlegt werden. Das um Bratsche (Shaowu Wang) und Cello (David Pia) zum Sextett erweiterte Ensemble nutzt die Akustik der Kirche voll aus und beschert den vielen Zuhörern Interpretationen, die mit Klangschattierungen bis in dynamische Grenzwerte verzaubern. Die beiden Werke, die fast zur gleichen Zeit entstanden sind und doch durch Welten getrennt scheinen, leben von starken Kontrasten, die von den sechs Künstlern voll ausgelotet werden.

Stradivari-Instrumente zum letzten Mal im Einsatz

Das Stradivarikonzert am Sonntagnachmittag in der Gersauer Kirche ist eine Hommage an Rolf Habisreutinger, der 1964 die Stradivaristiftung mit sechs Stradivari-Instrumenten ins Leben gerufen hat. Erwin Nigg aus Gersau würdigt den Stifter in seiner Ansprache und hofft, dass auch in Zukunft immer wieder eine Stradivari in Gersau zu hören sein wird. Denn die Stradivari-Instrumente, Leihgaben der Stiftung, sind nämlich an diesem Sonntag zum letzten Mal gemeinsam zu erleben.

Künftig wird das hochwertige Spiel der Musiker auf Instrumenten aus anderen berühmten Geigenbaudynastien zu hören sein. Maja Weber und ihren Kollegen ist es wichtig, Musik weiter so intensiv zu vermitteln. Der Name Stradivari Quartett ist geschützt, also unabhängig vom Einsatz der Instrumente, und steht für höchste Leidenschaft beim Musizieren. Wie die vier Musiker Verdis Streichquartett orchestral und dennoch kammermusikalisch interpretieren und dann mit David Pia Schuberts Streichquintett C-Dur von mystischem Klang über gläserne Weltferne bis in das überschäumende Allegretto steigern, ist eine Sternstunde der Musik, die mit langem Applaus und Standing Ovations gewürdigt wird.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.