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KLASSIK: Lucerne Festival am Piano: Grosse Wunderkinder zwischen Küche und Cockpit

Klavierfestivals leben von Charakterköpfen. Dafür stehen am Lucerne Festival die Debüts des Orgelexzentrikers Cameron Carpenter und des erwachsenen Wunderkindes Kit Armstrong.
Wurde von Alfred Brendel als «Wunderkind» gefeiert und gefördert: der mathematisch hoch begabte amerikanische Pianist Kit Armstrong. (Bild: PD)

Wurde von Alfred Brendel als «Wunderkind» gefeiert und gefördert: der mathematisch hoch begabte amerikanische Pianist Kit Armstrong. (Bild: PD)

Das diesjährige Piano-Festival verschreibt sich zwar unter anderem mit einem «Tastentag» dem Thema «russische Klavierschule» (vgl. Kasten). Aber bei Klavierfestivals, wo meist Solisten allein auf der Bühne sind, ist ohnehin der Individualismus Programm. Und das gilt gerade dieses Jahr, wo zwei Künstler aus den USA einen neuen Typus von Individualisten verkörpern: Organist Cameron Carpenter (35, Titelbild PD) und Pianist Kit Armstrong (24).

Auf den ersten Blick sind sie zwar ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Cameron Carpenter ist ganz Kind der Mediengesellschaft, wenn er sich mit modisch-schrillen Outfits und Irokesenschnitt als Popkünstler inszeniert. Kit Armstrong erlebte man im Filmporträt «Set The Piano Stool On Fire» als introvertierten Jüngling, dessen Begabungen sich hinter seiner netten Bescheidenheit verbergen. Und doch ist beiden neben der musikalisch-virtuosen eine mentale Begabung gemeinsam, die sich auch im Umgang mit digitalen Techniken zeigt.

Feuer legen mit Schubert

Die mathematisch-musikalische Doppelbegabung zeigte sich bei Kit Armstrong früh. Knapp einjährig begann er zu sprechen und kurz darauf zu rechnen, ab elf studierte er Mathematik und Chemie an der University of Pennsylvania. Das ­Klavier, das die Mutter dem Fünfjährigen kaufte, war als Hobby zum Ausgleich gedacht. Aber auch da spielte Armstrong rasch eigene Melodien und begann Stücke zu komponieren. Selbst wenn er dazu neigte, sich in seine Welt einzuschliessen, zeigen seine frühen Kompositionen einen Bezug zur Aussenwelt: Klein-Armstrong versah sie mit Titeln, die auf die Hühner verwiesen, die ihn in Nachbars Garten faszinierten.

Nach dem Musikstudium in London stand der grossen Karriere nichts mehr im Weg, als Alfred Brendel ihn entdeckte. Dieser nannte den damals 13-Jährigen die «grösste musikalische Begabung, der ich in meinem Leben begegnet bin». Er bewunderte am «geborenen Bach-Interpreten» etwa die Klarheit im vielstimmigen Klaviersatz und lehrte ihn im Unterricht, diese Gestaltungskraft auf Musik zu übertragen, die von den «dunkeln Seiten» des Lebens handelt. Im Film sieht man beide, wie sie mit Schubert musikalisch am «Klavierstuhl Feuer legen».

Musik oder doch Mathematik?

Es spricht für Armstrongs Ernsthaftigkeit, dass er die rasche Vermarktung verweigerte, auch als der Entscheid für die Musik gefallen war. «Wenn ich Klavier spiele, ist mir das Klavier das Wichtigste. Wenn ich Lösungen für mathematische Probleme suche, die Mathematik», beantwortete er einmal die Frage, welche Begabung ihm nun wichtiger sei: «Und wenn ich in der Küche bin, ist die Küche das Wichtigste.»

Seit drei Jahren erobert er nun die grossen Konzertbühnen. In Luzern gibt er sein Debüt mit einem individuell-raren Programm: mit Musik von William Bird, also aus einer Zeit vor Bach, auf die zum Schluss Liszts Sarabande und andere Bearbei­tungen nach Händels «Almira» zurückblicken. Dazwischen verrät Armstrong eine Affinität zu Mozart, die schon in seinen motorischen Frühwerken fürs Klavier anklingt.

Orgelwunder für Atheisten

Nebenbei nutzte Armstrong seine mathematischen Fertigkeiten, um Computergames zu designen. Und über die digitale Technik ergibt sich eine Verbindung zum Organisten Cameron Carpenter. Dieser wurde als Atheist an seinem Instrument zum Orgelrevolutionär. Er wollte sein Instrument von der Bindung an Kirchen lösen und keine Zeit mehr verschwenden an die Macken mechanischer Instrumente.

Die Vision dazu hatte Carpenter nach dem Attentat vom 11. September in New York, als die zerstörte Orgel der Trinity Church Wall Street ersetzt wurde durch ein elektronisches Instrument. Zusammen mit den Digital-Orgel-Pionieren von Marshall &­Ogletree konzipierte er daraufhin seine digitale «International Touring Organ»: ein transportables Hightech-Instrument, in dem Klänge berühmter Orgeln abgespeichert und beliebig kombinierbar sind.

Spektakel wird heiliger Ernst

Wie authentisch der Klang aus den mittransportierten Lautsprechersystemen tönt, wird man im KKL erfahren. Und man wird auf der Bühne sehen, wie er am Spieltisch wie im Cockpit eines futuristischen Raumschiffs alle Register zieht.

Organisten belächeln zwar dieses Orgelentertainment auch mal als eine Art Zirkusspektakel. Aber selbst sie erbleichen ob der Virtuosität und Leichtigkeit, mit der der ausgebildete Tänzer in Chopins Revolutionsetüde mit den Füssen über die Pedale tanzt. Wie ernst es ihm dabei ist, zeigt die Kombination von Bach mit Mysterien von Liszt und Messiaen und der hochvirtuosen Pianistik von Skrjabins vierter Klaviersonate.Urs Mattenberger

Programm und VV: www.lucernefestival.ch

Programm: Tastenwoche mit 21 Pianisten

Das Piano-Festival umfasst 13 Rezitals und zwei Orchesterkonzerte vom 19. bis zum 27. November.

Meisterkurs Robert Levin

Der amerikanische Pianist Robert Levin hat sich auch als Musikforscher mit der Aufführungspraxis zur Zeit der Klassik auseinandergesetzt. Das macht – von Mozart bis zur Moderne – seinen Meisterkurs für Hörer umso interessanter.

Di bis Fr, 15. bis 18. November, jeweils 9.30, St. Charles Hall, Meggen. Abschlusskonzert. Sa, 19. November, 16.00, Lukaskirche, Luzern

Gipfeltour in die Romantik

Im Eröffnungskonzert zeigt Grigory Sokolov Mozart auf dem Weg in die Romantik (c-Moll-Fantasie und Sonate). Ziel der Gipfeltour: Schumanns Fantasie in C-Dur.

Sa, 19. November, 18.30, KKL, Konzertsaal

Die Russen kommen

Der Tastentag widmet sich der russischen Klavierschule mit Martin Meyers Lecture (14.00) und den Pianisten Georgy Tchaidze (11.00), Alexej Gorlatch (16.00) und Nareh Arghamanyan (18.00).

Tastentag, Sonntag, 20. November, KKL

Futuristische Orgel

Vor seinem Rezital auf der International Touring Orgel (19.30, Konzertsaal, KKL) führt Cameron Carpenter Kinder und Jugendliche in seine Orgelwelt ein (17.00).

Anmeldung: young@lucernefestival.ch

Piano Off-Stage

Im Eröffnungskonzert des Piano Off-Stage stellen sich acht
Jazz-Pianisten vor, die anschliessend jeden Abend in Luzerns schönsten Bars und Restaurants spielen.

Opening Piano Off-Stage, Dienstag, 22. November, 19.30, KKL, Foyer/Luzerner Saal

Über Kinderszenen hinaus

Die Debüts präsentieren den Schweizer Louis Schwizgebel (Schuberts c-Moll-Sonate, Schumanns Kinderszenen, 23. November) sowie die Amerikaner Andrew Tyson (24. November) und Kit Armstrong (25. November).

Debüts in der Lukaskirche, jeweils 12.15

Etüden als Meisterwerk

Meilensteine spielen Igor Levit (Goldbergvariationen, Mittwoch, 23. November, 19.30), Rudolf Buchbinder (Schumanns Fantasie und Sinfonische Etüden, Samstag, 26. November, 18.30) und Lars Vogt mit Freunden (Brahms’ Klaviertrio H-Dur und Klavierquartett c-Moll, Sonntag, 11.00).

Orchesterkonzerte sind top

Maria João Pires spielt Schumanns Klavierkonzert mit dem Kammerorchester Basel unter Trevor Pinnock (Donnerstag, 24. November, 19.30), Murray Perahia und die Academy of St. Martin-in-the-Fields die Klavierkonzerte Nr. 1 und 3 von Beethoven (Freitag, 25. November, 19.30).

mat

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