KLASSIK: Luzerner Sinfonieorchester: Leicht, witzig und immer spannend

Wie man auch mit vernachlässigten Werken beim Publikum Anklang finden kann, zeigte das Luzerner Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten und mit einem Weltklasse-Pianisten überaus nachdrücklich.

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Klassik Piano (Bild: Archiv Neue LZ / Pius Amrein)

Klassik Piano (Bild: Archiv Neue LZ / Pius Amrein)

Klassik und Spätromantik mit der Leichtigkeit eines Mozart serviert – so kündigte sich das jüngste Abonnementskonzert des Luzerner Sinfonieorchesters an, und so wurde es mindestens bis zur «Burleske» von Richard Strauss unter der Stabführung von Chefdirigent James Gaffigan auch ausgeführt. Schon die einleitende Sinfonie C-Dur Nr. 60 «Il Distratto» von Joseph Haydn deutete dies an, denn man hörte hier eine jener Sinfonien, in denen Haydn besonders witzig daherkommt.

Nicht zufällig stand die Sinfonie im Haydn-Jahr 2015 am Lucerne Festival im Sommer mehrmals im Zentrum. An sich wäre es nicht einmal nötig, dem Überraschungsmoment mit Gags aufzuhelfen. Aber wenn es so witzig geschieht wie damals bei Simon Rattle und jetzt bei James Gaffigan, warum nicht?

Als im lebhaften Eröffnungssatz den Spielern der Schnauf auszugehen schien, übertrug sich dies auch auf den Dirigenten, der einzunicken drohte, bis er vom Stimmführer der zweiten Geigen mit dem Bogen sanft geweckt wurde. Im letzten Satz hingegen blickte Gaffigan empört um sich, als die Streicher den Spielfluss urplötzlich unterbrachen und ihre Instrumente stimmten.

Haydns Humor kam an

Die beiden Gags gehen zurück auf ein Stück, zu dem Haydn ursprünglich eine Schauspielmusik schrieb und in dem ein zerstreuter Liebhaber im Mittelpunkt steht, der sogar seine Hochzeit vergisst. Auch abgesehen von diesen Gags gefiel das mit Vibrato sparsam umgehende Spiel des Luzerner Sinfonieorchesters in allen sechs Sätzen durch eine Durchsichtigkeit, die deutlich von der historischen Ausführungspraxis inspiriert war. Lebhaft wie eine Opera buffa fegte das Presto daher, und selbst beim Klagegesang im Adagio (di Lamentazione) blieb das Spiel schlank und wirkte das Gefühl nicht aufgesetzt.

Dass sich diese Leichtigkeit bei den Werken mit Klavier fortsetzte, war zuallererst das Verdienst von Kirill Gerstein, der nicht zum ersten Mal als Solist mit dem LSO auftrat. Mit feinem Anschlag nahm Gerstein in Ferruccio Busonis «Romanza e Scherzoso» f-Moll op. 54 die poetische Stimmung auf, die zu Beginn die Streichinstrumente zusammen mit Oboe und Flöte erzeugen und wahrte dem Werk seine romantische Aura. Die Leichtigkeit, mit der Gerstein die Läufe des Al­legro molto bewältigte, täuschte über die Schwierigkeit hinweg, welche das Werk dem Interpreten be­reitet.

Die Fingerfertigkeit und virtuose Beweglichkeit, über die Gerstein in hohem Masse verfügt, bewährten sich erst recht bei der Burleske für Klavier und Orchester von Richard Strauss, einem Werk von ganz anderem, robusterem Zuschnitt. Ein typisches Jugendwerk (Strauss war damals erst 21), in dem der Komponist völlig unbekümmert vom Leder zieht, unbekümmert gerade auch was die Spielbarkeit betrifft, die Strauss hier bis an die Grenzen ausreizt.

Im Duell mit dem Solo-Paukisten

Vorbildlich, wie Gerstein die virtuosen Möglichkeiten – die immerhin durch eine längere lyrische Passage unterbrochen werden – nicht zu einem Alleingang nutzte, sondern aufmerksam mit dem Orchester musizierte, in allererster Linie natürlich mit dem Solo-Paukisten Iwan Jenny. Mit ihm entwickelte sich ein regelrechtes Duell, das diesem Konzert eine spezielle Note verlieh. Der Pianist mochte sich noch so sehr bemühen, am Ende behielt doch die Pauke die Oberhand.

Eigentlich wäre diese Schlusspointe ein idealer Ausklang des Konzerts gewesen, doch den Schluss bildete die Sinfonie Nr. 5 B-Dur von Franz Schubert und damit ein Jugendwerk, das zwar nicht mit Überraschungen aufwartet, dafür mit einer Fülle von melodischen Einfällen. Die dabei glänzenden Holzbläser, allen voran die Oboe, die Flöte und das Fagott, wurden am Schluss vom Dirigenten zu Recht speziell ins Scheinwerferlicht gerückt.

Fritz Schaub
kultur@luzernerzeitung.ch