KLASSIK: Pianist leiht dem Orchester seine Seele

Das Luzerner Sinfonie­orchester und der Pianist Kun Woo Paik haben sich an ­Busonis 80-minütiges Klavierkonzert gewagt. Die Energie des 69-jährigen Pianisten hielt bis zum Schluss.

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Das Luzerner Sinfonieorchester, Mitglieder des Chors Molto cantabile und der Pianist Kun Woo Paik boten eine gelungene Mischung im KKL. (Bild: Roger Grütter)

Das Luzerner Sinfonieorchester, Mitglieder des Chors Molto cantabile und der Pianist Kun Woo Paik boten eine gelungene Mischung im KKL. (Bild: Roger Grütter)

Simon Bordier

Gegen das Klavierkonzert von Ferruccio Busoni lässt sich einiges einwenden: dass es stilistisch nicht einheitlich ist, dass der Klavierpart schwer und zu pompös ist und dass das Werk mit einer Aufführungsdauer von gegen 80 Minuten jedes gesunde Mass überschreitet.

Tatsächlich handelt es sich bei dem 1904 vollendeten Werk für Klavier und Orchester mit Männerchor um das längste bekannte Klavierstück. Dass es nur selten im Konzertsaal zu hören ist, hat ihm bisher allerdings kaum geschadet, sondern eher seinen Kultstatus erhöht.

Eigentümliche Wirkung

Das Luzerner Sinfonieorchester (LSO) hat den Klavierwälzer nun seinem Abo-Publikum am Mittwoch und Donnerstag im Konzertsaal des KKL Luzern zugemutet. Die ersten Minuten des Werks liessen bei unserem Besuch am Mittwochabend nichts Gutes vermuten: Die Streicher stellten ein Thema vor, die Bläser noch eines – aber ein Kraftzentrum war nicht spürbar. Lags am Werk selbst? Oder war das Zusammenspiel der Bläser vielleicht zu ungenau?

Die Überraschung kam mit dem Einsatz des südkoreanischen Pianisten und Busoni-Spezialisten Kun Woo Paik. Er breitete mit beiden Händen einen Klangteppich aus, ohne zu verraten, wohin die Reise gehen sollte. Denn es gab keine bestimmte Melodie oder ein anderes prägnantes Muster, mit dem er sich vom Orchester klar abgesetzt hätte, noch waren diese Klänge blosses Begleitwerk. Sie entfalteten aber eine eigentümliche Wirkung: All die Fäden des Orchesters, die zuvor lose zusammenhingen, schienen plötzlich in einem grossen Ganzen aufgehoben.

Geheime Kraft

Die technische Virtuosität des 69-jährigen Pianisten, die er über eine Stunde lang durchhielt, war ein Ereignis für sich. Aber die eigentliche Faszination lag darin, dass sich die Kraft Paiks in den Klangkaskaden nicht vollends erschöpfte, sondern dass sich dahinter des Pudels Kern zu verbergen schien: eine geheime Kraft, die geheim bleiben musste, um zu wirken. So ging von den repetitiven Akkordreihen eine fast hypnotische Wirkung aus, welche die 80 Minuten teils vergessen liess. Man wusste zudem nicht, wie der Solist etwa im ersten Satz ins Orchestergeschehen eingreifen würde: Die Holzbläser begleitete er engelhaft mit Arpeggien, während sich sein Klang über den stehenden Klang der Streicher rauschend ergoss.

Das LSO unter dem Chefdirigenten James Gaffigan brauchte sich hinter der Virtuosität des Solisten nicht zu verstecken. Insbesondere in den schnellen, tänzerischen Sätzen bestach es durch sein rhythmisch genaues Zusammenspiel. Im zweiten Satz überraschten die Holzbläser durch ihre Reaktionsfähigkeit gegenüber dem Klavier. Mit dem Paukisten schien Kun Woo Paik zudem einen Verbündeten im Orchester gefunden zu haben. Auffällig häufig schlossen die beiden mit einem gemeinsamen Schlag oder Tremolo einen Pakt, der das Verhältnis zwischen Solist und Orchester wieder herstellte.

Starke Ausbrüche

Im letzten der fünf Sätze stimmten die Männer des Luzerner Chors Molto cantabile mit ein. Ihr sechsstimmiger homofoner Chorsatz hatte die Qualitäten einer Hornstimme: kompakt, durchdringend und zu starken Ausbrüchen fähig. Der Inhalt der gesungenen faustischen Verse war dabei eher nebensächlich. Man konnte die Bedeutung des Gesangs (Einstudierung: Andreas Felber) auch so erahnen: Der Pianist, der all die Melodiezitate, romantischen Klangbrocken und Stilbrüche des Werks über eine Stunde lang mit seinem Spiel beseelt hatte, erhielt zum Schluss eine menschliche Stimme.

Eine gute Seele hätte man auch Franz Schuberts Messe Nr. 2 in G-Dur gewünscht, die vor der Pause vom LSO und dem Luzerner Ensemble Corund aufgeführt wurde. Dirigent Gaffigan arbeitete in dem knapp halbstündigen Jugendwerk Schuberts die dramatischen Momente heraus. Das führte gerade im «Gloria» zu spannenden Momenten zwischen fliessenden Chorbewegungen und rhythmischem Drängen.

Strahlende Akkorde

Weniger überzeugend war der dramatische Ansatz im «Kyrie» und im «Agnus Dei»: Es blieb wenig Raum, um die Intimität und Zärtlichkeit dieser Sätze von innen heraus zu entwickeln. Tendenziell war das Orchester gegenüber dem Chor etwas laut. Der von Stephen Smith einstudierte Chor hinterliess aber im «Osanna» mit seiner Wendigkeit und strahlenden Akkorden einen starken Eindruck.

Die Sopranistin Gabriela Bürgler, die für Stephanie Pfeffer eingesprungen war, der Tenor Laurent Galabru und der Bass Jonathan Sells bewältigten ihre Solopartien auch in den hohen Stellen sicher.