KLASSIK: Sir Antonio Pappano: «Der Dirigent ist ein Sherpa»

Der Stardirigent Sir Antonio Pappano tritt am 5. Mai im KKL mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia auf. Ein Gespräch im Vorfeld des Konzerts.

Gerhard Lob
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«Wenn das Publikum nur Routine spürt, ist es vorbei», sagt Antonio Pappano (57). (Bild: Musacchio & Ianniello/EMI)

«Wenn das Publikum nur Routine spürt, ist es vorbei», sagt Antonio Pappano (57). (Bild: Musacchio & Ianniello/EMI)

Interview: Gerhard Lob

kultur@luzernerzeitung.ch.ch

Antonio Pappano, Sie sind in England und den USA als Sohn von Italienern aufgewachsen und viel auf der ganzen Welt unterwegs. Welche Identität fühlen Sie in sich?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich habe alle drei Länder in mir: England, Amerika und Italien. In der Oper treffe ich auf so viele Sprachen und Kulturen, dass mir diese «Flexibilität» bei meiner eigenen Identität in der Arbeit zugutekommt. Was für mich aber viel wichtiger ist als die nationale Frage: Ich bin ein Sohn von Emigranten. Das spiegelt sich in meiner Arbeit und in meinem Ehrgeiz wider.

Ihre Leidenschaft für die Oper ist bekannt. Bedeutet das, dass Sie Instrumentalmusik weniger mögen?

Die Oper macht einen grossen Teil meines Lebens aus. Aber ich arbeite zusehends im sinfonischen Bereich – vielleicht weil der Bezug zur Musik in dieser Sparte intensiver ist. Die Oper ist voller Komponenten und Kompromisse – Sänger, Bühne, Regie, Licht, Tanz und Chor. Da kommt so viel zusammen. Wenn man nur mit dem Orchester zu tun hat, ist es intimer. Das kommt mir im Moment eigentlich gelegen.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Orchesterdirigent?

Das Wort «Maestro» bedeutet «Lehrer». Und ich sehe genau darin die Verantwortlichkeit des Dirigenten. Der Dirigent muss mit den Musikern teilen, was er über die Partitur weiss. Was er denkt und hört, muss er mit Gesten vermitteln. Der Dirigent ist eine Art Dolmetscher, ein Guide oder Sherpa. Ein Dirigent mit Erfahrung hat klare Ideen, weiss, was richtig und falsch ist, obwohl Dirigieren etwas Subjektives ist. Es braucht starke Ideen, zu viel Flexibilität ist nicht gut, sonst gibt es keinen richtigen Fokus. Es muss eine Geschichte erzählt werden. Vielleicht sehe ich es so, weil ich auch so viele Opern dirigiere.

Apropos «Geschichten erzählen»: Auf dem Programm stehen sinfonische Dichtungen von Ottorino Respighi, welche die Brunnen und Pinien von Rom als Thema haben, eine Art Programmmusik.

Beide sinfonischen Dichtungen wurden für Orchester geschrieben. Respighi wollte damit sagen: Italien muss auch eine sinfonische Tradition haben. Es war ein Kampf gegen die endlosen und blutigen Verismo-Opern in Italien. Respighi hat unglaubliche Visionen in der Orchestrierung entwickelt. Das sind mehr als einfach Bilder, es sind ganze Geschichten, die sich um die Brunnen und Pinien ranken. Ich finde das sehr überzeugend und stark.

Vor 100 Jahren – 1917 – bei der Premiere hatten die Fontane di Roma keinen grossen Erfolg beim Publikum ...

... ja. Wir wissen, dass a uch «Madame Butterfly» von Puccini am Anfang keinen Erfolg hatte. Das gab es oft in der Musikgeschichte. Diese Musik von Respighi ist sehr vielfältig, man hört etliche Einflüsse, auch aus der russischen musikalischen Literatur. Vielleicht dachte man damals, dass es nicht italienisch genug war.

Ist die Auswahl dieser Stücke auch als Liebeserklärung an Rom zu verstehen?

Ich bin seit fast 12 Jahren Chefdirigent des Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom. Italien hat viele Probleme, aber die Qualität der Menschen, die Gastronomie und Kultur sind einfach unglaublich. Wir wollen tatsächlich unsere Liebe zur dieser Stadt auch durch die Musik zum Ausdruck bringen.

In Luzern spielen Sie mit der chinesischen Pianistin Yuja Wang Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1. Welche Schwierigkeit stellt es dar, ein Werk aufzuführen, das so bekannt ist?

Das ist sehr schwer. Es braucht bei diesem Werk nicht einfach eine Begleitung für den Solisten, sondern eine echte Partnerschaft zwischen Solist und Orchester. Generell gilt: Je bekannter ein Stück, desto schwieriger ist es, es lebendig zu gestalten. Wenn das Publikum nur Routine spürt, ist es vorbei. Das darf nicht passieren.