KLASSIK: Zwei Orchester verschmelzen elegisch

Studierende der Musikhochschule und das Luzerner Sinfonieorchester bildeten für einmal ein grosses Orchester. Das Experiment ging in einem langsamen Satz perfekt auf.

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Die Junge Philharmonie Zentralschweiz und das Luzerner Sinfonieorchester wurden im KKL – in guten Momenten – zur mächtigen Einheit. (Bild: Pius Amrein)

Die Junge Philharmonie Zentralschweiz und das Luzerner Sinfonieorchester wurden im KKL – in guten Momenten – zur mächtigen Einheit. (Bild: Pius Amrein)

Simon Bordier

In Béla Bartóks «Konzert für Orchester» kann man dank der vielen solistischen Wechsel und feinen, chirurgischen Klangverflechtungen quasi ins Innenleben eines Orchesters blicken. Am Mittwochabend gab das Werk im Konzertsaal des KKL Aufschluss über mehr als ein Orchester.

Das Stück wurde nämlich gemeinsam von der Jungen Philharmonie Zentralschweiz mit Studierenden der Hochschule Luzern – Musik sowie Mitgliedern des Luzerner Sinfonieorchesters aufgeführt. In jedem Register dieses Orchesters spielten sowohl Studierende als auch ausgebildete Orchestermusiker mit.

Feine Überraschungen

Solche Gemeinschaftskonzerte gabs bereits in den Jahren 2000 und 2002. Doch das Konzert am Mittwoch im Rahmen des Musikfestivals Szenenwechsel sollte den Beginn einer regelmässigen Zusammenarbeit von Hochschule und LSO darstellen (Ausgabe vom 22. Januar).

Dabei wurde alles aufgeboten, was man von einem «richtigen» Sinfoniekonzert so erwartet: eine kleine Uraufführung, ein namhafter Solist, und ein Repertoireklassiker wie eben Bartóks «Konzert für Orchester». Doch das Programm unter der Leitung des deutsch-US-amerikanischen Gastdirigenten Steven Sloane fand kein grosses Publikum: Es fiel auf, dass der Konzertsaal nicht so gut besetzt war wie etwa bei einem Abo-Konzert des LSO.

Diejenigen, die kamen, wurden nicht enttäuscht. Schon die Uraufführung des Stücks «Spuren», der in Zürich geborenen und heute in Kalifornien lehrenden Komponistin Katharina Rosenberger (Jahrgang 1971) hielt feine Überraschungen zum Festivalmotto «Grenzenlos» bereit. Ziemlich konventionell wirkte der Beginn mit leeren Quinten der Streicher und zunehmender Klangverdichtung im Tutti. Die «näherrückenden Fronten» und das sich «furchtsam aufbäumende Schicksal», die das Stück über Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg gemäss Programm vermitteln will, waren lange nicht zu spüren.

Kojotenheulen

Spannend wurde es, als Beckenklänge sowohl von der Bühne als auch von einem der Balkone erklangen und den Konzertsaal in ein klangliches Nebelfeld tauchten. Gegen Schluss wurden Geräusche und Klänge geschieden.

Da waren zum einen die schabenden Schuhe der Orchestermusiker und die dröhnenden Boxen der seitlich aufgestellten E-Gitarristen zu hören, zum anderen das Kojotenheulen der gedämpften Trompeten und mikrotonale Klänge der Flöten. Ein Schaudern lief einem über den Rücken.

Faszinierend war in Erich Wolfgang Korngolds selten gespieltem Cellokonzert der Klang des Cellisten Christian Poltéra (Jahrgang 1977). Der international tätige Solist, Kammermusiker und Dozent der Hochschule Luzern stimmte in dem 1946 geschriebenen Stück schwelgerische Töne an, liess die Klangfarben seiner Stradivari «Mara» wirken und sorgte in der Solokadenz für viel Spannung.

Er zeigte die Kraft, die diese ursprünglich für einen Hollywood-Film geschriebene Musik auch auf der Konzertbühne entfalten kann. Beim akzentreichen Zusammenspiel behielt Dirigent Sloane die Übersicht. Aber nah kamen sich Solist und Orchester in den vielen lyrischen Stellen nicht.

Etwas hölzern

Es blieben jene Momente haften, in denen die Interaktion zwischen den Musikern gelang, ohne dass Sloane durchdirigieren musste – was bei einem Ad-hoc-Orchester mit vielen Studierenden überhaupt nicht selbstverständlich ist. Die Ecksätze in Bartóks «Konzert für Orchester» wurden technisch bravourös gemeistert, liessen aber leider teilweise die nötige Leichtigkeit missen. Die Übergänge wirkten teils etwas hölzern, die Einsätze des Blechs waren stark, aber teils halt auch zu stark.

Ein Höhepunkt war hingegen der mittlere, langsame Satz: Die tiefen Streicher hoben mit einem lupenreinen Klang an, die Klarinette betörte mit orientalisch gefärbten, schleierhaften Läufen, Flöten und Piccolo stimmten einen grellen, bestechenden Sehnsuchtston an – und immer wieder drängten die Streicher mit ihren schwer romantischen Melodien und erklang der Ruf des einsamen Hornisten. Die Junge Philharmonie und das LSO bildeten in dieser «Elegia» ein einziges, grosses Orchester.

Das Festival Szenenwechsel geht heute mit einem Kammermusikabend im Luzerner Neubad zu Ende (19.30 Uhr).