Klassikfestivals

Festspielsommer 2021: Nach Verbier – oder in den siebten Himmel?

Schweizer Klassikfestivals sind optimistisch und legen komplette Programme für den Sommer vor. Das erste will schon Ende Januar starten.

Christian Berzins
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Gute Aussichten: Musiker der Verbier Festival Academy spielen im Sommer 2019 vor einer Skulptur.

Gute Aussichten: Musiker der Verbier Festival Academy spielen im Sommer 2019 vor einer Skulptur.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Wenn wir nicht mehr träumen, sind wir tot. Und so träumen wir von einem strahlend hellen Sommertag: 16. Juli zeigt der Kalender. Wir verlassen in Martigny am frühen Nachmittag den Zug, wechseln ins Postauto und alsbald steigen wir aus auf fast 1800 Meter über Meer – und sind in Verbier. Keine Erinnerungen an den Winter trüben jetzt die Aussicht. Noch ist Zeit zum Flanieren, erst um 19 Uhr wird die 28. Ausgabe des Verbier Festivals starten.

So jedenfalls könnte es sein, wenn wir der frohen Botschaft, die am 4. November verschickt wurde, glauben wollen: «Die 28. Ausgabe des Verbier Festivals wird vom 16. Juli bis zum 1. August 2021 stattfinden.»
Martin Engstroem ist zögerlich optimistisch, obwohl dem Festivalintendanten klar ist, dass man noch nicht aus dem Sturm heraus ist. Mutig (und traurig) sagte er letztes Jahr als erster sein Sommerfestival ab.

Patricia Kopatchinskaja wird beim Menuhin Festival Gstaad auftreten.

Patricia Kopatchinskaja wird beim Menuhin Festival Gstaad auftreten.

Lukas Fierz

Wenn es in Verbier «bling bling» macht, dann macht Gstaad sogleich «bam bam». Auch am 16. Juli 2021 wird dort das Menuhin Festival starten, unter dem Thema «London» bis 4. September Musik von der Spätrenaissance bis zur Moderne zu hören sein. Daniel Hope, Geiger und Zürcher-Kammerorchester-Leiter, eröffnet das Festival. Nach ihm tritt eine ganze Armada von grossen Musikern und Musikerinnen auf, von Julia Fischer bis Patricia Kopatchinskaja, von Maria João Pires zu Chick Corea. Überall, wo es Geld und russische Freunde (sprich: Sponsoren oder Mäzene) gibt, ist auch Valery Gergiev und sein Orchester aus St. Petersburg zu Gast: sowohl in Verbier wie in Gstaad.

Bei dieser Ankündigungswelle gab auch Lucerne Festival nicht klein bei und präsentierte am 2. Dezember ein komplettes Festival, das vom 10. August bis 12. September dauert. Der Vorverkauf startet am 27. April (Verbier am 28.1. und Gstaad am 1.2.). Allerdings läuft der Verkauf spezieller Abo-Angebote für das Sommer-Festival mit einem Rabatt bereits jetzt. Doch sorgenfrei ist man in Luzern nicht. Gestern hätte der Online-Vorverkauf für die Andras-Schiff-Tage (26.3. bis 28.3.) starten sollen, nun ist er auf den 2. Februar verschoben worden.

Die Welt ist im Sommer zu Gast in Luzern

Zur Eröffnung soll im Sommer das Lucerne Festival Orchestra mit Chefdirigent Riccardo Chailly aufspielen. Und das Denken (oder Träumen), wie man dannzumal vor dem KKL stehen wird, die Leute lachen und plaudern hört, alsbald den musikalischen Kuckucks-Ruf im KKL vernehmen, will kein Ende nehmen.

Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra werdenLucerne Festival eröffnen (Bild aus dem Sommer 2018).

Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra werden
Lucerne Festival eröffnen (Bild aus dem Sommer 2018).

Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Schon schaut man sich das Programm online an, bucht auch gleich den 14. August, will man doch die Mezzosopranistin Elīna Garanča nicht verpassen. Und wie wäre es, am 15. Patricia Kopatchinskaja zu hören, am 16. Lang Lang, am 17. Daniel Barenboim, am 18. Igor Levit? Und so geht das weiter, als wäre nie etwas gewesen: Gergiev mit den Russen, die Berliner Philharmoniker, London Symphonie, die Amsterdamer, die Wiener, sogar das Orchester aus Chicago ... Die Welt ist zu Gast in Luzern. Verrückt?

«Verrückt» heisst das Festivalthema des Lucerne Festival – und erstaunlicherweise war es schon vor Covid-19 erdacht. Das Musikdorf Ernen will uns 2021 am 2. Juli gar in den siebten Himmel verführen, lautet doch das Thema der 48. Festivalausgabe «Im siebten Himmel». Die Konzertprogramme – von «Kammermusik kompakt», zur Klavierwoche, der Barockkonzerte und «Kammermusik plus» – sind bereits auf der Website abrufbar, der Vorverkauf läuft. Der Versand erfolgt spätestens Mitte Mai 2021. Gar viel Optimismus? Im Sommer 2020 machte er sich bezahlt.

Die legendäre Davoser Box aus dem Jahr 2019: Ein Pianist, ein Zuhörer.

Die legendäre Davoser Box aus dem Jahr 2019: Ein Pianist, ein Zuhörer.

ho

Seit 29. November 2020 steht bis ins Detail das Programm des Davos Festival, das vom 7. bis 21. August ein prächtig verspieltes Programm bietet. Der Stars liebende Konkurrent in Klosters, «Klosters Music», beginnt schon am 31. Juli, spielt bis zum 8. August.

Mit einer Preisreduktion ein Schritt zum Publikum

Vom 15. August bis 5. September sollen die Murten Classics stattinden: Das Programm ist noch offen. Und wer meint, er könne im September endlich in die Herbstferien, irrt sich. Vom 18. bis 30. September findet an verschiedenen Spielorten der Waadtländer Riviera in der Schweiz die 75. Ausgabe des Festivals Septembre Musical Montreux-Vevey statt.

Themenschwerpunkt wird die Schweiz sein. «Die nunmehr seit neun Monaten andauernde Gesundheitskrise hat uns die Bedeutung einer Branche vor Augen geführt, die sich in einer beispiellosen kritischen Lage befindet. Das Erleben von Kultur ist ein wesentliches menschliches Bedürfnis. Wir sind überzeugt, dass unsere Unterstützung der Schweizer Kultur zum jetzigen Zeitpunkt uns dabei hilft, positiv in die Zukunft schauen zu können», schreibt Mischa Damev, Direktor des Festivals Septembre Musical.

Und noch ein Detail, dass man in der Westschweiz die Zeichen der Zeit erkannt hat: Die Preise der Konzertkarten wurden deutlich gesenkt – im Durchschnitt um 20 Prozent.

Das erste Festival, das 2021 ansteht, sind die Sommets Musicaux in Gstaad (29.1.–6.2.). Etwas verrückt, welche Stars Ende Januar ins Berneroberland zum Geige spielenden Festivalleiter Renaud Capuçon kommen sollen. Allerdings wollen die Veranstalter nur ein Festival vor anwesendem Publikum. Und noch ein Festival soll Ende Januar starten: das verschobene sommerliche Murten Classics 2020: fünf Konzerte plus ein Komponistentag.

Ob gespielt wird, weiss noch niemand. Träumen darf man. «Das Leben geht weiter!», hiess der erste Satz in der Festival-Ankündigung aus Gstaad. Es fragt sich nur: Wie geht es weiter? Sollte wie im Sommer 2020 erneut eine Besuchergrenze drohen, werden sich wohl auch die grossen in Verbier, Gstaad und Luzern ihre Gedanken machen müssen.