KLASSIKFESTIVALS: Sommerfestival auf allen Kanälen

Dank der Stars in 30 Sinfoniekonzerten gehört Lucerne Festival vom 11. August bis zum 10. September wiederum zur Spitze der Klassikfestivals. Aber die Wege dahin werden vielfältiger – dank einer neuen Musikergeneration in publikumsnahen Konzertformen.

Urs Mattenberger
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Lässt Grenzen verschwimmen: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja verbindet als «Artiste étoile» Moderne mit Volksmusik, Late Night Show und Kinderkonzerten. (Bild: PD/Philip Artus)

Lässt Grenzen verschwimmen: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja verbindet als «Artiste étoile» Moderne mit Volksmusik, Late Night Show und Kinderkonzerten. (Bild: PD/Philip Artus)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

«Als ich beim Bahnhof die vielen Menschen in Abendgarderobe sah, bin ich vor Schreck in der Bahnhofstoilette verschwunden und habe die Kleider gewechselt», erzählte eine Statistin, die sich kürzlich für den «Tatort»-Dreh im KKL angemeldet hatte. Für den Besuch des Orchesterkonzerts im Film wurde nämlich den Statisten eine «streng etikettierte Abendgarderobe» auferlegt. Und diese bewies, wie hartnäckig sich Klischees vom steifen Klassikbetrieb halten.

Welch individuelle Vielfalt es da heute gibt, beweist einmal mehr Lucerne Festival im Sommer, das vom 11. August bis zum 10. September dauert. Unter dem Thema «Identität» bietet es über 100 Veranstaltungen im KKL, im Luzerner Theater, im Südpol und auf den Strassen. Zwar sorgen am wichtigsten Orchesterfestival der Welt die Künstler für jenen Starglanz, dem je nach Veranstaltung ein gewisser Chic auf Seiten des Publikums ganz natürlich entspricht. Aber solche Grenzen werden immer fliessender.

Schnupperkonzerte für Nachtschwärmer

Das zeigen zum einen immer mehr neue Konzertformate. Bereits Tradition ist die beliebte «40min»-Gratis-Reihe. Sie ermöglicht direkte Begegnungen zwischen Musikern und Besuchern und startet am 15. August mit dem Lucerne Festival Orchestra (jeweils 18.20 Uhr im Luzerner Saal). Erstmals in diesem Sommer gibt es dazu ein Pendant für Nachtschwärmer: «Encores» heissen die Kurzkonzerte nach den Konzerten im Konzertsaal, bei denen Musiker in gemütlicher Lounge-Atmosphäre im Foyer auftreten (freier Eintritt, erstmals am Samstag, 12. August, 20.45 Uhr) – bis hin zum ganz neuen Format einer «Late Night Show».

Noch wichtiger ist aber, dass eine Musikergeneration herangewachsen ist, die all das zwanglos verbindet. Das Aushängeschild dafür ist in diesem Sommer die «Artiste Etoile», die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Das Temperamentsbündel setzt schon damit ein Zeichen gegen strenge Etikette, dass sie auch als Solistin in modernen Violinkonzertklassikern von Béla Bartók (23. August), György Ligeti (26. August) und Heinz Holliger (20. August) barfuss auftritt. In einem inszenierten Konzert thematisiert sie Klima- und Flüchtlingsprobleme (2. September), in einem der «Encores» versprüht sie mit ihrer Geige moldawische Volksmusik (27. August). Ihre Konzerte für Kinder sind längst ausverkauft.

Late Night Show und Flüchtlingsradio

Natürlich tritt Kopatchinskaja auch in einer der Late-Night-Shows auf, die nach dem Vorbild von TV-Shows gestaltet und am Festival etwas ganz Neues sind. Gastgeber ist Moritz Egger, ein Komponist, der seine Kritik an der publikumsfernen Avantgarde auch in seinem «Bad Blog of Musick» pointiert äussert. Unter dem Motto «Moritz’ Kleine Nachtmusik» besucht Egger jeweils das vorhergehende Konzert mit einem Gast und spricht mit ihm in der Late Night Show darüber. Neben Kommentaren zur Lage der Kultur gibt es musikalische Einlagen sowie Serienelemente wie «Moritz’ Opern- und Konzertführer». Als Gäste stehen fest Ursula Jones-Strebi (5. September), Patricia Kopatchinskaja (7. September) und Daniel Harding (9. September).

Ebenfalls auf einem neuen Kanal sendet das Festival mit seinem Projekt «Radio Identity». Dafür verbringen acht Teams aus Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund einen Tag beim Festival. Sie besuchen Proben, blicken hinter die Kulissen und gestalten jeweils um 17.15 Uhr eine einstündige Radiosendung.

Das Gemeinschaftsprojekt ­ mit der Zürcher Radioschule «klipp+klang» verspricht einen neuen Blick aufs Festival. Die Sendungen werden live auf der Website und der Facebook-Seite des Festivals gestreamt und sind anschliessend auf der Festival-Website abrufbar. Das Radio-Studio befindet sich an den acht Terminen beim Haupteingang des KKL Luzern. Da können Festival-Besucher die Live-Sendung vor Ort miterleben und – anders als beim streng etikettierten «Tatort»-Dreh – mit den Sendungsmachern in Kontakt kommen (ab 15. August).

Hinweis

www.lucernefestival.ch