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KLASSIKSOUND: Der Minimalist

Auf seiner Arena-Tournee spielt Ludovico Einaudi auch im Zürcher Hallenstadion. Der Mailänder Starpianist will das Publikum mit entschleunigten Instrumentalklängen in seinen Bann ziehen.
Olaf Neumann
Zwischen Klassik und Pop: Ludovico Einaudi spielt auf einem Gletscher in Norwegen. (Bild: Pedro Armestre/EPA (Wahlenbergbreen, 20. Juni 2016))

Zwischen Klassik und Pop: Ludovico Einaudi spielt auf einem Gletscher in Norwegen. (Bild: Pedro Armestre/EPA (Wahlenbergbreen, 20. Juni 2016))

Interview: Olaf Neumann

Die Familiengeschichte des Schöpfers von Soundtracks wie «Ziemlich beste Freunde» ist stark verwoben mit der italienischen Geschichte. Ludovico Einaudis Grossvater väterlicherseits war nach dem Zweiten Weltkrieg italienischer Staatspräsident, der andere Grosspapa ein erfolgreicher Komponist und Dirigent, der Vater stieg auf zu einem der bedeutendsten Verleger des Landes. Ludovico Einaudi selbst gilt als «gewieftester Schmeichler auf 88 Tasten». Er spielt repetitive Trance-Musik in Moll, aber bei ihm wird die Tristesse schön. Mit seiner radikal entschleunigten Instrumentalmusik irgendwo zwischen Klassik und Pop ist der Minimalist auf dem besten Weg, zu einem Massenphänomen zu werden. Dem 62-Jährigen mit dem weissen Haarkranz ist es ­sogar gelungen, die Playlists von Radiosendern zu infiltrieren, die sonst vom Jugendwahn besessen sind. Den tiefenentspannten Einaudi trafen wir in München.

Ludovico Einaudi, wie viele Tage pro Jahr sind Sie auf Tour?

Etwa sechs Monate. Dieses Jahr allerdings ein bisschen weniger, weil ich an einem neuen Album arbeite. Ich möchte es im Herbst aufnehmen, deshalb werde ich lediglich drei Monate von zu Hause weg sein. Ich war im Winter eine Weile in den Bergen, um neue Musik zu komponieren. Diese hatte aber nichts mit Weihnachten zu tun. Dennoch verbinde ich dieses Fest immer mit Musik, aber auch mit Stille. Ich geniesse es, wenn das Telefon einmal nicht klingelt. Ich wünschte, es gäbe in meinem Leben mehr solcher Tage. Ich bin immer dann offen für Kreativität, wenn um mich herum Ruhe herrscht.

Sie spielen weniger Konzerte, treten aber in grösseren Hallen auf. Wie fühlen Sie sich dort?

Dieses Jahr spielen wir in Arenen. Es ist ein Experiment. Ich mag es, meine Musik in grösseren Orten zu präsentieren, trete aber genauso gern in kleineren Theatern auf. Für mich ist die Qualität der ­Performance am wichtigsten, die Gesamtsituation muss stimmen. Es kann geradezu fantastisch sein, vor vielen Leuten zu spielen.

Geht es Ihnen darum, grösser zu werden und weiter zu kommen?

Je mehr Leute, desto mehr Geld, klar. Das Geschäft wächst. Aber dieser Gedanke steht bei mir nicht im Vordergrund. Ich mag es, meine Musik auch mal in anderen Stätten und in anderer Umgebung zu präsentieren. Für mich eine sehr interessante neue Erfahrung. Voriges Jahr bin ich auf der Waldbühne in Berlin vor 22 000 Menschen aufgetreten. Das Konzert begann am Nachmittag, als die Sonne noch hoch am Himmel stand. Scheinwerfer waren da eigentlich überflüssig. Trotz des Tageslichts herrschte unter den Zuschauern absolute Stille. Es war fast ein intimes Konzert. Wunderschön!

Wie schaffen Sie das?

Ich weiss es nicht. Ich suche beim Spielen immer nach einem ruhigen Ort in mir. Ich konzentriere mich ganz auf mich selbst, um meinen Sound zu finden. Es ist ein Gefühl, als sässe ich ganz allein auf der Bühne und spielte nur für mich. Das zu schaffen, ist manchmal ziemlich schwer. Man muss versuchen, in der Hektik des Tourlebens seine innere Ruhe zu finden. Es gelingt mir inzwischen immer besser, diesen Ort in mir selbst zu finden. Das Schönste ist, ihn gemeinsam mit dem Publikum zu betreten. Dann setzt eine kollektive Meditation ein. Es gibt in meinen Konzerten natürlich auch Momente, in denen sich die Dynamik verändert. Aber spätestens wenn ich mein Solo spiele, herrscht im Saal totale Stille. Es ist ein Gefühl, als schwimme man allein im Meer und das Wasser wird immer tiefer, bis man den Grund nicht mehr erkennen kann. Das Un­bekannte ist sehr aufregend! ­ Diesen Moment gemeinsam mit 10 000 Menschen zu erleben, ist pure Magie.

Woran denken Sie in solch einem Moment?

Ich versuche, an gar nichts zu denken, aber das ist natürlich nicht möglich. Deshalb konzentriere ich mich voll und ganz auf mein Spiel. Auf Aussenstehende wirkt das leicht und locker, aber es erfordert in Wirklichkeit eine hohe Konzentration, damit es richtig funktioniert. Auf der Bühne agiere ich immer sehr intuitiv.

Versuchen Sie, Ihren Sound breiter und grösser zu machen, wenn Sie vor 10000 oder mehr Menschen spielen?

Nein. Die Art, wie ich spiele, ist immer gleich. Egal ob vor 10 oder 10000 Leuten. Der Unterschied liegt lediglich in der Grösse der Soundsysteme.

Ihr Vater Giulio gründete 1933 in Turin das Verlagshaus Einaudi und hat Werke von Bertolt Brecht, Robert Musil, Thomas Mann, Jorge Luis Borges und Jean-Paul Sarte in Italien verlegt. Wie kam es, dass Sie eine andere künstlerische Richtung eingeschlagen haben als Ihr Vater?

Ich bin mit Büchern aufgewachsen, aber meine Mutter entstammte einer Musikerfamilie. Ihr Vater war Dirigent und Komponist, sie selbst Pianistin. Ich bin mit Musik, Literatur und Kunst aufgewachsen.

Hatte Ihre Mutter also einen stärkeren Einfluss auf Sie?

Ja. Die Musik, von der ich in meiner Kindheit und Jugend umgeben war, hatte einen grossen Einfluss auf mein späteres Leben und Wirken. Das Klavier war in der Schule mein erstes Instrument, später kam die Gitarre hinzu. Meine Mutter spielte oft etwas von Bach und Chopin, aber auch französische Folklore. Sie war zudem ein Fan von den Beatles. Meine Musik ist so geworden, wie sie ist, weil ich von ­Anfang an Klassik, Folk und Pop gehört habe.

Ihre Musik liegt zwischen U und E, ist Minimal Music mit Pop-Touch. Worauf kommt es Ihnen an?

Ich lege Wert darauf, dass es in meinem Leben keine Grenzen gibt. Ich unterteile Musik nicht in Fächer. Ich glaube, wenn man ­einen Weg findet, einen echten Dialog zwischen verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen herzustellen, kann man durchaus etwas Neues erschaffen. Mozart hat geniale Opern komponiert, aber er schrieb gleichzeitig auch Popsongs. «Die Zauberflöte» klingt für mich wie eine Zirkusoper, bei der Mozart sich verschiedenster Genres bediente. Für einen Künstler ist es immens wichtig, sich nicht einzuengen.

Was reizt Sie an Musik ohne Worte?

Auch wenn ich Stimmen mag und mir gerne Songs anhöre, gefällt es mir, dass Instrumentalmusik beim Zuhörer die unterschiedlichsten Assoziationen weckt. Ein Stück ohne Text kann alles und nichts bedeuten. Der Zuhörer hat die Freiheit, mit seinen Gedanken auf eine Reise ins Unbekannte zu gehen.

Glauben Sie, dass Instrumentalmusik tiefer in die Seele eindringen kann als herkömmliche Songs?

Mit meiner eigenen Musik habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir Leute immer wieder erzählen, dass sie sich in meinen Konzerten gefühlt haben wie in einer kollektiven Meditation. Andere haben sich durch mich inspiriert gefühlt, selbst Kunst zu erschaffen. Der eine hat etwas getextet, der andere ein Bild gemalt. Ein bekannter Firmenboss sagte mir, er würde seine Ansprachen an seine Mitarbeiter immer mit meiner Musik als Inspiration schreiben. Der Gedanke gefällt mir, ­andere Menschen zu etwas Eigenem zu inspirieren.

Hat Ihre Musik auch etwas Therapeutisches?

Musik ist ganz sicher meine Therapie und meine Religion! Jedes Mal, wenn ich spiele, spüre ich, wie die Musik mich revitalisiert. Ohne sie hätte ich bestimmt viel weniger Energie. Ich bin auch nicht oft krank, habe höchstens mal eine Erkältung. Ich habe eine stabile Gesundheit. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Wie haben Sie sich auf die laufende Tournee in Deutschland und der Schweiz vorbereitet?

Mit fünf Konzerten in Skandinavien! Zu Hause spiele ich jeden Tag Klavier, aber ich versuche, den Fokus nicht zu sehr auf das Technische zu legen. Wenn ich übe, dann arbeite ich vorwiegend an meinem Sound. Mein persönliches Übungsgeheimnis lautet: Spiele, weil du es liebst zu spielen!

Hinweis

Ludovico Einaudi & Band, 6. Mai, Hallenstadion Zürich.

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