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KLAVIER: Festival-Intendant über das Piano: «Gut gefettet laufen sie wie geschmiert»

Das Piano-Festival wäre nicht möglich ohne die Faszination für den Konzertflügel als Universalinstrument. Der Festival- Intendant, der CEO von Musik Hug und der KKL-Klavierstimmer über ein Instrument, das im Digital-Zeitalter neue Facetten erhält.
Urs Mattenberger
Ein Instrument von kultischer Kraft: «Piano-Circus» an einem früheren Jahrgang des Piano-Festivals im Luzerner Saal des KKL. (Bild: Archivbild Lucerne Festival)

Ein Instrument von kultischer Kraft: «Piano-Circus» an einem früheren Jahrgang des Piano-Festivals im Luzerner Saal des KKL. (Bild: Archivbild Lucerne Festival)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Der Free-Jazzer Cecil Taylor trat ihn auch mal mit Fäusten und Füssen. Elton Johns «Candle In The Wind» machte ihn zum Grundbestand gefühliger Pop-Balladen, und bis heute vertrauen ihm Musikschüler in Stücken von Einaudi Sehnsüchte an, die schon Richard Claydermans «Ballade pour Adeline» massentauglich gemacht hatte. Klassische Komponisten nutzten ihn von jeher als Experimentierfeld für kühne ­Visionen – von Bachs vielstimmigem Kontrapunkt bis hin zum Virtuosen-Rausch der Romantik.

Klar, die Rede ist vom Flügel, vom Klavier, das wie kein anderes Instrument in allen Stilen zu Hause ist. Lucerne Festival hat ihm gar ein eigenes Festival gewidmet, das diese Vielfalt abbildet.

Orchester in einem einzigen Instrument

Woher stammt die grenzenlose Faszination für dieses Instrument? Hält sie auch mit Blick auf die Verkaufszahlen an? Und müssten Bläser oder Streicher den von einem Hammer angeschlagenen Klavierton nicht als starr empfinden?

«Nein, überhaupt nicht», widerspricht Festival-Intendant Michael Haefliger, der als Geiger gewohnt ist, dass er den Ton bis in die Fingerspitzen hinein gestalten und vibrieren lassen kann. «Dass der Klang eines Flügels nichts Starres an sich hat, beweist gerade ein solches Festival», sagt Haefliger: «Ich staune immer wieder, wie ein Instrument unter den Händen verschiedener Pianisten ganz anders klingen kann.»

«Die Faszination für das Klavier liegt sicher auch darin, dass es ein Orchester in einem einzigen Instrument darstellt», sagt Haefliger: «Die Möglichkeiten, die das eröffnet, sieht man daran, wie viele Komponisten Meisterwerke dafür geschrieben haben.»

Hält die Popularität des Klaviers im Wohnzimmer an, obwohl häusliches Musizieren zunehmend durch passives Musikhören ab CDs oder über Spotify ersetzt wird? «Die Instrumentenverkäufe sind im Allgemeinen seit ein paar Jahren leicht rückläufig», bestätigt Adrian Lohri, der jüngst mit seiner auf Blas- und Perkussionsinstrumente spezialisierten Musikpunkt AG das Traditionshaus Musik Hug übernommen hat. Und damit dessen bedeutende Klavierabteilung: «Aber der Verkauf von Klavieren und Flügeln ist davon weniger betroffen. Mit rund 55 Prozent am Umsatz bleibt das Klavier klar die Nummer eins.»

Als CEO ist der gelernte Instrumentenbauer und Klarinettist mit verantwortlich dafür, dass am Piano-Festival die von Musik Hug gewarteten Flügel stimmen. Neu ist die Klavierwelt für ihn zwar nicht. «Weil meine Schwester Klavier spielte, stand auch bei uns zu Hause so eine Kiste», lacht Lohri, der in der Stadtmusik Luzern die Bassklarinette spielt. Aber gründlich vertraut gemacht hat er sich mit der Klaviertechnik erst jetzt.

Mit kindlichem Staunen erzählt der 41-Jährige von seinem Besuch in der Steinway-Fabrik in Hamburg, wo die Flügel noch immer mit den seit über hundert Jahren erprobten Werkzeugen und Verfahren hergestellt werden. Damit erübrigt sich auch die Frage, ob für ihn als Klarinettist Konzertflügel, die eine halbe Tonne wiegen, nicht wie kolossale Maschinen wirken.

«Nein, nein», winkt Lohri ab: «Als Instrumentenbauer sind für mich technische und handwerkliche Aspekte bei Instrumenten selbstverständlich. Instrumente vermitteln ja immer zwischen dem Musiker und der Musik, die er spielt. Das ist nicht anders, wenn ich Polster und Klappen bei Klarinetten optimiere. Und die Frage, ob einem ein Instrument liegt, stellt sich bei der Wahl einer Klarinette nicht anders als bei einem Flügel.»

Spezialwünsche von Starpianisten

Die Arbeit an den drei Konzertflügeln im KKL übernimmt Christian Graf als Klaviertechniker und -stimmer von Musik Hug Luzern. Im Untergeschoss des KKL stehen die drei Steinway-Flügel da wie mit offenen Mündern, denen die Zähne gezogen worden sind: Die Deckel sind hochgeklappt, die Tastaturen und die komplizierte Hämmermechanik hat Graf ausgebaut und auf ­Tischen zur Revision ausgelegt. «Zweimal im Jahr», sagt er, «revidiere ich die ganze Spielmechanik der Instrumente, um sicherzustellen, dass sie reibungslos und präzis funktioniert.»

Dass Flügel anders klingen, je nachdem, welcher Pianist darauf spielt, ist auch Grafs Verdienst. Denn zur Vorbereitung des Instruments für ein Konzert gehört neben dem Stimmen der Saiten auch die sogenannte «Intonation». Dabei wird der Filzüberzug der Hämmer, der durch das Schlagen gegen die Saiten verhärtet, mit Nadeln gestochen und wieder gelockert. Damit lässt sich der Charakter des Instruments beeinflussen – es klingt brillanter oder weicher.

Tatsächlich melden Pianisten solche Wünsche an. «Ein Sonderfall war Alfred Brendel», erzählt Graf, der im Gespräch die Ruhe ausstrahlt, die Pianisten schätzen, wenn sie die Flügel ausprobieren: «Brendel liebte einen runden, eher weichen Klang. Aber er wollte zudem, dass ich die Zwischenräume auf den Hämmern weich intoniere. Dadurch bekommt der Klang, wenn man das linke Pedal drückt und sich die Hämmer zur Seite hin verschieben, nochmals eine andere Farbe.»

Geheimwissen vom Klavierstimmer

Ein Spezialwunsch kam dieses Jahr von der Pianistin Sophie Pacini, die heute um 16 Uhr am Tastentag auftritt. Sie wünschte sich, dass die Stifte, in die sich die Tasten senken, gut gefettet sind. «Der Grund ist wohl, dass sie unter anderen Debussy spielt. Wenn die Stifte gut gefettet sind, laufen zum Beispiel Glissandi wie geschmiert», freut sich Graf.

Bloss ihr Instrument auswählen wollen Evgeny Kissin und Leif Ove Andsnes. «Damit wir dafür eine Auswahl bieten können, achten wir darauf, dass sich Flügel ergänzen», sagt Graf: «Der älteste – 11 Jahre alt – hat einen eher weichen Klang, der sich zum Beispiel wunderbar für Schubert eignet.» Die beiden anderen klingen eher brillant und strahlkräftig. Einer davon wurde Anfang dieses Jahres gekauft: «Er hat seine Feuertaufe im Sommer bei der Aufführung aller Klavierkonzerte von Prokofjew bestanden – Werke, bei denen unglaubliche physische Kräfte auf das Instrument einwirken.»

Damit müssen Flügel alles leisten – von hämmernder Perkussion bis zum singenden Ton, wie ihn Geige oder Klarinette ganz natürlich kennen. Auch dabei kann Graf nachhelfen. So kann man die jeweils drei Saiten eines Tons nicht rein, sondern mit einer leichten Schwebung stimmen, die nicht als Verstimmung wahrgenommen werden darf: «Dann wird der Klang lebendiger und fällt weniger rasch ab.»

Da fragt man sich, ob man in Klavierrezitals das jeweilige Instrument stärker würdigen müsste. Das gilt erst recht für die Innovation, mit der die altehrwürdige Steinway-Manufaktur Adrian ­Lohri überraschte – den Steinway Spirio. Beim Spirio handelt es sich um ein hochentwickeltes Selbstspielsystem, das in die Flügel eingebaut wird und sie wie von Geisterhand zum Spielen bringt. Die Software misst dafür die Hammergeschwindigkeit mit 1020 Dynamikstufen und 800 Signalen pro Sekunde. Aufnahmen von Pianisten wie Yuja Wang kann man sich so zu Hause auf einem akustischen Instrument mit all seinen Schwingungen vorspielen lassen.

Einsteiger-Klaviere sind für rund 5000 Franken erhältlich, für Steinways in Spirio-Ausführung ist dagegen schon mal eine Investition von bis zu 100 000 Franken nötig. Zum Glück also gibt es das Piano-Festival Luzern, wo ein Spirio-Rezital so gut hineinpassen würde wie letztes Jahr Cameron Carpenters futuristische Digital-Orgel. Ein Klavierrezital ohne Pianist wäre ein weiterer Triumph des Instruments.

Piano on- und off-stage

Lucerne Festival am Piano wurde am Samstag im KKL mit einem Konzert mit Martha Argerich als Solistin eröffnet und bildet die stilistische Vielfalt des Instruments ab. So treten in der kommenden Woche neben klassischen Pianisten zehn Jazz-Pianisten am Piano Off-Stage in Luzerner Bars auf (Opening: Dienstag, 21. November, 19.30 Uhr, Luzerner Saal). (mat)

Hinweis

www.lucernefestival.ch

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