KLAVIERDUO SOOS-HAAG: Spannende Hausmusik zwischen Kunst- und Alltagswelt

CD-Bearbeitungen als Vorläufer der Tonträger, die eigenes Musizieren er­setzen: neue CDs des Klavierduos Soos-Haag und des Chors Molto Cantabile.

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Das Luzerner Klavierduo Soos-Haag gibt sich facettenreich. (Bild: PD)

Das Luzerner Klavierduo Soos-Haag gibt sich facettenreich. (Bild: PD)

Bearbeitungen von Orchesterwerken für kammermusikalische Besetzungen spielten im 19. Jahrhundert dieselbe Rolle wie heute Tonträger und Live­streaming: Sie machten diese Werke durch die Verbreitung in privaten Haushalten, in denen musiziert wurde, einem breiten Publikum zugänglich.

Wenn solche Bearbeitungen heute vermehrt im Konzert vorgestellt werden, wie in den Kammermusikmatineen des Luzerner Sinfonieorchesters in dieser Saison, ist das paradox. Wenn dagegen das Luzerner Klavierduo Adrienne Soos und Ivo Haag eine solche Bearbeitung auf CD herausgibt, wird klar: Tonträger haben heute auch das private Laienmusizieren zu Hause weitgehend ersetzt.

Brahms-Sinfonie blossgelegt

Vor allem aber zeigt die Aufnahme, dass solche Bearbeitungen über alle Marketingstrategien hinaus ihren eigenen künstlerischen Wert hatten. So strebte schon Brahms mit einer Reduktion des Orchestersatzes nicht nach dokumentarischer Vollständigkeit, sondern nach einer Klarheit, die die Grossbesetzung nicht erlaubt. Und die Interpretation des Luzerner Klavierduos führt das folgerichtig weiter. Der Klang wird von der Aufnahmetechnik nicht aufgebläht oder gekittet, und die dadurch gewonnene Klarheit und Transparenz stellt die bei Brahms wichtigen motivischen Bezüge sezierend klar heraus.

So hört man das Werk ungewohnt und wie neu. Vielstimmige Verästelungen werden blossgelegt, lyrisch singende Melodien und das Dialogisieren der Stimmen im zweiten Satz treten aus pianistischen Figurationen umso plastischer hervor, die Bässe bleiben bis in tiefe Triller hinein (eine Imitation der Paukenwirbel) umrissscharf.

Tutti-Aufschwünge setzt das Duo nicht mit massigem Pomp um, sondern mit einer Spannung im Klang, die Grösse und durchaus Wucht suggeriert. In den folkloristisch inspirierten rhythmischen Entladungen des dritten und vierten Satzes erreicht dieses Spiel zu zweit eine Verve, die mit Grossbesetzungen kaum zu erreichen ist.

Neue Heimat für Volkslieder

Brahms hat seine Sinfonie im Wechsel von Tutti-Blöcken und Diskant­glitzer derart pianistisch gesetzt, dass sie auch im Vergleich zur Originalkomposition für vier Hände von Hermann Goetz in keinem Moment als Klavierauszug wirkt: Die Sonate des deutschen Wahlschweizers macht das Duo mit seinem expressiven Spiel mit Vorder- und Hintergrund, mit ausschwingenden Mittelstimmen und romantischen Grübeleien zu einer Repertoire-Entdeckung für das vierhändige Klavierspiel.

Den Rückgang des Laienmusizierens zu Hause, der mit der grossen Zahl an Musikschülern kontrastiert, belegt die Tatsache, dass selbst Volkslieder heute vor allem im Konzertbetrieb gepflegt werden – in Form von Bearbeitungen, die umgekehrt die Besetzung gegenüber häuslichem Musizieren verstärken.

Vor- und Nachteile dieser Verschiebung von der Alltagspraxis in die Kunstwelt macht die neue CD des Luzerner Chors Molto Cantabile deutlich. Die auf «Heimat» versammelten Volkslieder, die vielen noch immer geläufig sein dürften, wirken etwas gar sauber, die Arrangements der schlichten Melodien bei allem frischen Schwung («Roti Chriesi» von Joseph Röös­li) im Vergleich zu einer alltäglichen Improvisationspraxis auch mal gekünstelt.

Aber manche der eingespielten Ver­sionen bewegen sich bewusst in diesem Spannungsfeld und nutzen die Möglichkeiten eines solchen Qualitätschors. Ex­em­plarisch gilt das für das Tessiner Lied «Vieni sulla Barchetta», in dem Stefan Hodel einen spontanen Volksauflauf inszeniert. Dem Guggisberg-Lied entlockt das Arrangement von Urs Fässler mit kontrapunktischen Verflechtungen und dahineilenden Stimmverläufen ein dramatisches Potenzial weit über alle Moll-Melancholie hinaus. Und die Klangkultur des Chors macht aus Nadja Räss’ «Heimat» ein Juwel jenseits aller Stilfragen.

Ausgefeilt und schön

Aufschlussreich ist der an Schulen und bei Lehrern beliebte Volksliedklassiker «Du fragsch, was ich möcht singe»: Gerade weil hier der Satz von Hansruedi Willisegger auf gesuchte Originalität verzichtet, ermöglicht er dem Chor, dieses Lied allein durch seine Interpretation nach allen Regeln der Gesangskunst auszudeuten. Da muss man sich eingestehen: Zu Hause gelänge uns das vielleicht authentischer, aber längst nicht so ausgefeilt und schön.

Urs Mattenberger

Hinweis

Soos-Haag: Brahms’ Sinfonie Nr. 2 u. a. (telos)

Molto Cantabile: Heimat (www.moltocantabile.ch)

Nächste Kammermusik-Matinee des Luzerner Sin­fo­nieorchesters zum Thema Bearbeitungen: Sonntag, 14. Februar, 11 Uhr, im Foyer des Luzerner Theaters.