Der kleine Armenier Charles Aznavour war ein grosser Sänger

Sänger und Songwriter Charles Aznavour ist am Montag in Südfrankreich im Alter von 94 Jahren gestorben. Mit der Schweiz verband ihn viel.

Stefan Brändle
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Chansonnier Charles Aznavour arbeitet während eines Klinikaufenthalts am 22. Februar 1975 an seinen Texten. (Bild: Keystone)

Chansonnier Charles Aznavour arbeitet während eines Klinikaufenthalts am 22. Februar 1975 an seinen Texten. (Bild: Keystone)

Einige nannten ihn «Rachen­entzündung» – eine Anspielung auf Aznavours rauhe Stimme, die ganze Konzertsäle zu füllen vermochte. 80 Jahre lang sang sich der kleingewachsene Franko-Armenier die Seele aus dem Leib, oft allein auf der Bühne stehend, mit seinem traurigen Blick, aus dem bisweilen der Schalk eines Pariser Gassenjungen blitzte.

Shâhnourh Varenagh Aznavourian, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, kam 1924 im Quartier Latin auf die Welt und wuchs als Kind armenischer Einwanderer in ärmlichen Verhältnissen auf. Im Restaurant seines Vaters, dem Sohn eines Zaren-Kochs, versuchte er sich erstmals als Sänger, wurde aber nur wegen seines Kleinwuchses und seiner ungeformten Stimme gehänselt.

Edith Piaf veränderte sein Leben

Der Schwerarbeiter Aznavour liess nie locker. Noch während des Zweiten Weltkrieges begann er, sich als Variété-Sänger und Schauspieler zu betätigen, um als Unbekannter durch Frankreich zu touren. Seinen Durchbruch verdankte er dem anderen Monument des französischen Chansons, Edith Piaf: Sie hörte ihn in einem Café, bestellte Lieder bei ihm und ermutigte ihn nicht zuletzt, es in den USA zu versuchen.

In New York mietete Aznavour die Carnegie Hall, obwohl ihm sein Produzent davon abriet – der Auftritt wurde zu einem Triumph. In Europa hatte Aznavour, was weniger bekannt ist, Erfolg als Charakterdarsteller in über 70 Filmen, darunter «Schiessen Sie auf den Pianisten» von François Truffaut oder «Die Blechtrommel» von Volker Schlöndorff.

Ein Foto aus dem Jahr 1965. (Bild: Getty)

Ein Foto aus dem Jahr 1965. (Bild: Getty)

Sechs Kinder aus drei Ehen

Aznavours Lebenswerk waren aber seine Chansons, darunter Hits wie «La Bohème», «Emmenez-moi» oder «Mes Emmerdes». Über tausend Lieder schrieb er selbst, sei es für sich oder für andere. Zeit seines Lebens verkaufte er 180 Millionen Schallplatten und CD-Scheiben, viele auch auf Englisch, Deutsch und Spanisch. Auch US-Medien wie CNN oder «Times» kürten den Franzosen zum weltweit wichtigsten Crooner, noch vor Frank Sinatra oder Elvis Presley.

Aznavour heiratete zwischen 1946 und 1967 dreimal; aus den drei Ehen gingen sechs Kinder hervor. In die Schweiz gezogen, wurde Aznavour von der französischen Justiz 1979 wegen Steuerflucht verurteilt. Er antwortete Frankreich vom Genfersee aus mit den Strophen «Weil ich meinem Land gedient habe». Sein Land, das wurde aber mehr und mehr Armenien. Nach dem schweren Erdbeben von 1988 engagierte er sich in seinem Herkunftsland massiv.

Er wollte noch dieses Jahr in Zürich auftreten

2009 wurde Aznavour an seinem Wohnsitz in Genf sogar armenischer Botschafter in der Schweiz. Er wisse noch nicht einmal, wie man ein Beglaubigungsschreiben überreiche, sagte er damals mit seiner wie immer entwaffnenden Offenheit. Seine Aufgabe war es, die Schweizer Diplomatie für die Anerkennung des türkischen Völkermordes an Hundertausenden von Armeniern – unter anderem Aznavours eigener Familie mütterlicherseits – zu gewinnen. Aber er reichte den Türken auch die Hand und sagte: «Es gibt keine schlechten Völker, nur einige schlechte Menschen und Politiker.»

Während der ganzen Zeit sang der «armenische Nationalheld» auf der ganzen Welt weiter. Seine Stimme liess nach, blieb aber unverwechselbar. Noch in diesem Herbst plante er eine Europatournee; im Zürcher Hallenstadion, wo er zwei Tage vor Weihnachten auftreten sollte, waren die Plätze am Montag schon fast ausverkauft. Auf der Bühne wird aber nach dem Verstummen der gewaltigen «Aznavoice» – wie die Amerikaner sagten – eine gewaltige Stille herrschen.