KLEINTHEATER LUZERN: Dieses Kasperlitheater geht über Leichen

Das Splätterlitheater macht seit zehn Jahren blutrünstiges Kasperlitheater. Patric Gehrig, Jürg Plüss und Nina Steinemann feiern im Luzerner Kleintheater, dass ihr Format das zehnte Jahr überlebt hat.

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Trio des Grauens: Jürg Plüss, Nina Steinemann und Patric Gehrig (von links). (Bild: Ralph Kühne/PD)

Trio des Grauens: Jürg Plüss, Nina Steinemann und Patric Gehrig (von links). (Bild: Ralph Kühne/PD)

Eigentlich ist das Splätterlitheater das konsequentere 4-D-Kino. Bei den Aufführungen des Luzerner Trios werden den Zuschauern nicht mit synthetischen Duftstoffen und ein bisschen Stuhlgerüttel die Nerven poliert. Hier fliesst höllisch viel Kunstblut. Denn das Splätterlitheater hat es sich zur kreativen Aufgabe gemacht, seine Puppen abzuschlachten.

Liebes Splätterlitheater, meine Schulfreunde haben früher in allen Lebenslagen Kasperli-Zitate aus den Jörg-Schneider-Hörspielen zum Besten gegeben. Ihr auch?

Jürg Plüss: Jeder trägt wohl seinen eigenen Kasper mit sich rum. Meine Kinder hatten auch so eine Phase. Da ist auch bei mir wieder viel hochgekommen.

Wer hatte denn die Idee zum makabren Puppentheater?

Nina Steinemann: Vor zehn Jahren arbeitete ich noch am Luzerner Theater in der Requisite. Eines Abends kam ich schlecht gelaunt nach Hause und meinte zu meinem damaligen Freund Dominic Deville: «Eigentlich hätte ich gern mein eigenes Theater.» Der antwortete: «Dann machen wir eins.» Wir fingen an, Puppen zu basteln.

Fürs Theater brauchts auch Schauspieler. Wo habt ihr die rekrutiert?

Steinemann: Nach der ersten Bastelaktion verbrachten wir ­einen Abend in der Beiz Metzgerhalle. Patric Gehrig sass an der Bar. Dominic meinte zu mir: ­Einen Schauspieler bräuchten wir noch, schau, da sitzt einer. Da haben wir ganz salopp «Komm mal!» in seine Richtung gerufen. «Wir machen Puppentheater. Machst du mit?»

An den Wänden der «Metzger­halle» klebten noch jahrelang die Blutflecken von eurem ersten Auftritt. Was war das für eine Mischung?

Steinemann: Eine Eigenproduktion. Das Blut fertigten wir aus Maizena und Lebensmittelfarbe an. Man bekam das von keinem Kleidungsstück mehr weg. Inzwischen haben wir das Gebräu durch teures Kunstblut ersetzt.

Ihr seid Amateure aus Leidenschaft. Gabs da auf der Hinterbühne nicht den einen oder anderen Zwischenfall?

Patric Gehrig: Als wir noch mit der Guckkastenbühne arbeiteten, hätte man das eigentlich mal von hinten filmen müssen.

Steinemann: Wir hatten eine Puppe, die konnte Blut spucken. Dominic hat sich ständig am Blut verschluckt.

Plüss: Patric hätte sich einmal fast ein Auge ausgestochen.

Gehrig: Nina ist wegen mir mal fast ohnmächtig geworden. Wir waren in Deutschland, die Bühne voller Blut, ich sollte sie erschiessen, da bin ich ausgerutscht und auf Ninas Kopf gelandet. Sie hatte Sterne vor den Augen. Niemand hats bemerkt. Unsere Stücke lassen Platz für Improvisationen.

Würdet ihr heute etwas ganz anders machen?

Steinemann: Wir haben die Puppen am Anfang zu klein gemacht. Man hat ihre nussschalengrossen Köpfe kaum erkannt. Die bisher grössten haben wir bei «Schlacht­huus Südpol» verwendet. Damals wagten wir uns erstmals raus aus der Guckkastenbühne und brachten uns als zusätzliche Figuren ins Spiel. Stückautor Matto Kämpf hatte uns derart viele Figuren erschrieben, da reichten unsere Hände nicht aus.

Plüss: Deshalb haben wir aus dem deutschen Biologen Helly Hansen eine Melone gemacht, die im Raum herumstand. Die ist dann explodiert.

Steinemann: Wieso eigentlich?

(diabolisches Gelächter)

Plüss: Weil es die Dramaturgie erforderte!

Ist dieses Gemetzel für euch eine Art Psychohygiene?

Gehrig: Nein! Das ist einfach ein grosser Spass. Es fordert uns heraus, unsere Figuren immer wieder anders um die Ecke zu bringen.

Habt ihr nie den Anspruch gehabt, professionelles Puppentheater zu spielen?

Plüss: Der Trash-Faktor ist uns schon auch wichtig. Das pädagogisch-subtile Puppenspiel ist wohl weniger unser Ding. Wir verfolgen da schon eher eine punkige Do-it-yourself-hau-drauf-Taktik.

Jede eurer Puppen stirbt mal einen mehr oder weniger obszönen Tod. Wie macht ihr sie für die nächste Aufführung wieder fit?

Steinemann: Klett, Klebeband und Heissleim sind da unsere treusten Helfer.

Welche Todesarten habt ihr auf der Bühne schon durchgespielt?

Gehrig: Skorbut! Ein Raketenmann ist in einer Kanone explodiert, einem Clown haben wir das Gesicht weggesprengt.

Steinemann: Elektrischer Schlag am Zaun! Säurefass!

Plüss: Guillotine, Schwert, Schrotflinte!

Gehrig: Fleisch fressende Pflanzen und Splätterlinge! Eine Stewardess wurde von einem Schwarm Splätterlinge zerfleischt.

Lasst ihr euch von Horrorfilmen inspirieren?

Gehrig: Die habe ich nur als Kind geschaut. Da ich Maskenbildner werden wollte, interessierte ich mich für Effekte und Masken.

Eure Puppen spielen an auf Personen des öffentlichen Lebens. Wer darf bei euch ins Ensemble?

Gehrig: Wir verbraten gerne Leute, die polarisieren. Im auf nächsten Herbst angesetzten Stück möchten wir einen «Salvio Burlesquini» auftauchen lassen.

In St. Gallen hat die Stadtpolizei einmal die Werbeplakate zu eurem Hitler-Stück «Em Schnäuzli sin letschte Kampf» zensiert. Was war da los?

Steinemann: Die Plakate des Veranstalters zeigten unseren Schnäuzli mit abgehacktem Arm, den er zum Hitlergruss erhoben hatte, so weit das noch möglich war. In das Plakat mussten Zensurstreifen reingeklebt werden. Nach einer Berichterstattung von «20 Minuten» wurden die Plakate dann zum Sammelobjekt. Wenn unsere Arbeit polarisiert, ist das das Schönste.

Haben sich noch mehr Leute über euch aufgeregt?

Gehrig: In Solothurn hat sich der Stadtpräsident nach einem Zeitungsbericht einmal extrem echauffiert. Wir schrieben ihm im Namen des Kaspers einen Brief und luden ihn zu einer Veranstaltung ein.

Euer letztes Stück war für Kinder. Musstet ihr entschärfen? Oder sind die Kinder des 21. Jahrhunderts schon genug abgehärtet?

Gehrig: Unser Kinderstück ist absurder. Und Blut gabs auch keines. Dafür Popel und Schleim. Wir wollten die Kinder mit dem «Wäh»-Effekt abholen.

Plüss: Wir mussten den Kindern unseren Humor nicht erklären. Sie haben sich auf unsere absurde Fantasiewelt eingelassen.

Eure Prinzessin war männlich besetzt und hatte einen Schnauz … Das haben die Kinder geschluckt?

Steinmann: Einmal kam ein Mädchen nach der Vorstellung zu mir und meinte: Die Prinzessin war so grusig. In diesem Pink! Ich habe viel lieber Blau.

Interview: Julia Stephan

Geburtstags-Special und neues Stück

Kein harmloses «Tri, tra, trallala», dafür literweise Blut, das bis in die Zuschauerränge spritzt. Das Luzerner Splätterlitheater macht Kasperlitheater mit hohem Blutzoll. Und der freche Kasper muss immer zuerst dran glauben.

2005 von der Gestalterin und Ausstatterin Nina Steinemann (36), dem Schauspieler Patric Gehrig (44) und dem Entertainer Dominic Deville (40) gegründet – für Letzteren kam 2010 der Schauspieler Jürg Plüss (43) ins Team – hat das Splätterlitheater bis heute 6 Stücke erarbeitet, zuletzt ein Kinderstück ohne Blut und mit viel Popel und Schleim. Jedes Mal beweist es aufs Neue Kreativität beim Erfinden neuer Todesarten.

Ihr neues Stück, das am 13. Dezember im Südpol uraufgeführt werden soll, schreibt der aktuelle Hausautor des Luzerner Theaters, Dominik Busch. Ein «Salvio Burlesquini» soll darin eine tragende Rolle spielen. Zum Geburtstags-Special im Kleintheater (30. 1.) kommen Larry Bang Bang y Los Güeros, der Gitarrenzampano Cannibal Joe,sowie der Autor Matto Kämpf. Zudem werden die Splätterli ihre Hitler-Parodie «Em Schnäuzli sine letschti Kampf» wiederholen.

jst