KLEINTHEATER LUZERN: Ein Abend mit Gertrude Stein

Wie bringt man 1000 Romanseiten auf die Bühne? Der Abend mit einer früheren «Tatort»-Kommissarin und einem Urner Schauspieler soll es zeigen.

Julia Stephan
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Die US-Amerikanerin Gertrude Stein (1874–1946) zählt mit Virginia Woolf zu den ersten Schriftstellerinnen der literarischen Moderne. (Bild: Carl van Vechten/wikipedia.org)

Die US-Amerikanerin Gertrude Stein (1874–1946) zählt mit Virginia Woolf zu den ersten Schriftstellerinnen der literarischen Moderne. (Bild: Carl van Vechten/wikipedia.org)

Gertrude Steins Tausendseitenwälzer «The Making Of Americans» (1925) ist eine Zumutung für Menschen mit vollem Terminkalender. Die Geschichte zweier Familien, über drei Generationen hinweg erzählt, besteht aus uferlosen Textmassen und bewegt sich zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Ufer zu einer Zeit, als man aus Europa lieber aus- als nach Europa einwanderte.

Die Avantgardistin Gertrude Stein (1874–1946), die man heute mit der Ohrwurmsentenz «rose is a rose is a rose» verbindet und der Ernest Hemingway einst frech ein «a bitch is a bitch is a bitch is a bitch» in Form einer Romanwidmung retournierte, hatte zehn Jahre an diesem Text geschrieben. Beim Versuch, alles, ja wirklich alles zwischen zwei Buchdeckeln zu sagen, hat sie wahrscheinlich selten an ihre Leser gedacht. Einer, der diesem Text trotz seiner Sperrigkeit nie die Liebe abgeschworen hat, ist der Theatermacher Marcel Schwald. Mit Andrea Saemann, der künstlerischen Leiterin des Performancefestivals Giswil, organisierte er schon vor zwei Jahren eine Marathonlesung in Basel. Rund 100 Menschen lasen den Roman laut vor. 62 Stunden haben sie dafür benötigt.

Die Möglichkeiten der Sprache ausloten

Auch in der Theaterproduktion «The Making Of Americans», die im Kleintheater gezeigt wird und sich auf Auszüge des Romans beschränkt, wird die Lautebene des Textes einen Resonanzraum finden. Steins Wälzer erzählt eben nicht nur drei Generationen Familiengeschichte, sondern ist auch eine Enzyklopädie der Möglichkeiten von Sprache. Ausgehend von dieser Beobachtung, fanden Schwald und Bühnenbildnerin Elisabeth Fritsch für die vielen Stimmen des Romans – für seine nervtötende und dann wieder geniale Präzision – das Bild von tickenden Metronomen, die das Repetitive von Steins Sprache, den ihr eigenen Rhythmus auf der Bühne effektvoll verstärken. Zudem lassen zwölf an der Decke angebrachte Drucker Steins 4,5 Textkilometer im Laufe des Abends auf den Boden segeln.

Neben den Schauspielerinnen Julia Schmidt (von 2001 bis 2008 bekannt in der Rolle der Hamburger «Tatort»-Kommissarin Jenny Graf) und Susanne Abelein (ehemaliges Ensemble-Mitglied des Luzerner Theaters) wird in der Luzerner Inszenierung auch der Urner Schauspieler Walter Sigi Arnold den Prolog lesen. Arnold bringt viel Erfahrung mit dicken Büchern mit. Nach «Anna Karenina», der «Odyssee» und «Michael Kohlhaas» las er 2015 auf dem MS Rigi an zwei Abenden neun Stunden lang aus Herman Melvilles «Moby Dick».

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch