Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KLEINTHEATER LUZERN: Tanzen statt Ducken

Im Kleintheater transformiert sich Schweres zu Leichtem und umgekehrt. Deborah Gassmann & Lior Shneior und Irina Lorez zeigen unterschiedlichste Tanzchoreografien.
Irina Lorez spielt mit ihrem Körper Gitarre. Bild: PD

Irina Lorez spielt mit ihrem Körper Gitarre. Bild: PD

«Dance your Fears», tanze deine Ängste, wirkt vor und nach. Es ist das Mantra von Deborah Gassmann und Lior Shneior, die den zweiten Teil dieses Tanzabends am Mittwoch im Kleintheater Luzern gestalten. Das Tanzpaar klebt zwei weisse Linien auf den schwarzen Boden.

Diese genügen, um eine Abflug- und Landepiste zu simulieren, die irgendwo auf dieser Welt sein könnte. Dann stellen sie ein Flugzeug respektive einen Stuhl in die Mitte. «Bombe an Bord!», verlautet eine Stimme. «Stewardess» Deborah Gassmann beginnt, mit den Armen präzise Sicherheitsanweisungen zu vollführen. Lior Shneior zieht synchron mit. Sphärische Töne von Ehud Berner geben dem Ort zusätzliche Dimension.

Security-Check für den Ernstfall

Liegt Terror in der Luft? «Duck and Cover» heisst die Uraufführung der Luzerner Tänzerin und des in Berlin lebenden israelischen Tänzers. Der Titel spielt auf einen alten Verhaltensfilm der US-Zivilverteidigungsbehörde an: Eine animierte Schildkröte zeigt, wie man sich im Ernstfall verhält. Statt auf dem Boden verharrt Shneior jetzt im Stand an der Wand. Gassmann klebt seine Silhouette mit gelbem Band nach. Der Angeprangerte wird durchlöchert mit Fragen, die weit über den Security-Check bei Flughäfen hinausgehen: «Wohnen Sie allein? Mit wem leben Sie zusammen? Sie wirken so gestresst! Sind Sie labil?»

Alle Fragen bleiben unbeantwortet im Raum. Eine Art Electro Body Music setzt ein. Der Angesprochene löst sich aus der Position. Er zieht seinen Overall, den Schutzanzug, bis zu den Hüften runter. Ein knappes Latex-Oberteil glänzt nun auch bei der Tänzerin im Scheinwerferlicht: «Dance my Fears, dance your ­Fears!» Aus einer winzigen Nebelmaschine kommen freche Kondensstreifen. Der Boden wird zum Himmel. Mitten in den Wolken pilotieren die muskulösen Oberarme der zwei Tanzenden, die einst an der deutschen Folkwang Universität der Künste studierten.

Wie im Flug vergehen die 25 Minuten. Sie heben die Stimmung. Terror gestern, Terror heute: alles nur halb so schlimm? Durch Anschläge ausgelöste Ängste könnten ein Individuum bis ins Innerste berühren, findet Deborah Gassmann. Und Lior Shneior ist in einem Land aufgewachsen, wo ständige Unsicherheit und Sicherheitschecks längst zum Alltag gehören. Humor und Tanz sind seine Strategien, die universell angewendet werden können.

Einen schönen Kontrast dazu bilden die «I-Guitar Songlines» von Irina Lorez. Wobei «I» für Irina und «Guitar» für elektrische Gitarre steht, wie dem Programm zu entnehmen ist. Beim Eingang werden dann auch vorsichtshalber Ohrstöpsel von der Energiedienstleisterin EWL verteilt. 50 Minuten lang wird die Tanzperformerin mit allen Körperseiten die Gitarrensaiten bespielen, nur nicht mit den Fingern. Zum verheissungsvollen Konzept gehört, dass jeder Track mit einer Stadt verortet wird.

Zuckerbrot und Peitsche von der «Rockbraut»

Nun steht die «Rockbraut», wie sie sich selber nennt, inmitten von vier kleinen Scheinwerfern. Ein Mikrofon pendelt von den Schultern über der Gitarre. Nach dem eher lautlosen «Krakau» schreibt die Luzernerin «Paris» auf die Wand.

Sie setzt zu Sprechgesängen an: «Il faut que tu marches droite comme une baguette froide (…). Tu tournes autour du pot, alors tu cherches l’amour chaud.» Stimmbänder, Saiten und Zuschauerohren werden gereizt. Paris hat fürwahr schon romantischere Zeiten erlebt. Und für Lorez, die dort elf Jahre tanzte und lebte, sollen das immer Klischees gewesen sein.

«Chicago» inszeniert sie durch maschinelle Beinbewegungen industriell, «Kathmandu» wie eine Klangschale. Interessant ist «Berlin»: Mit ihren knapp schulterlangen Haaren rockt sie über der Gitarre auf dem Boden, was ohrenbetäubende Geräusche entfacht. Zuckerbrot und Peitsche? Fast tonlos und deshalb kalt ist der letzte Akt. Tatsächlich: «Helsinki»! Das sind tolle Experimente. Nur wirken sie zuweilen unnötig schwer im Ohr.

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.