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KLEINTHEATER: Theater Aeternam: Wer nicht gewinnt, wird gefressen

In ihrem diesjährigen Stück untersucht die Luzerner Theatertruppe Aeternam die Abgründe menschlichen Zusammenlebens. «Bandscheibenvorfall» ist ein komödiantisches Highlight, das uns alle an den Pranger stellt.
Flavia Bonanomi
Den fünf Protagonisten des Stücks «Bandscheibenvorfall» sitzt stets ein unsichtbarer Chef im Nacken. (Bild: Matthias Muff)

Den fünf Protagonisten des Stücks «Bandscheibenvorfall» sitzt stets ein unsichtbarer Chef im Nacken. (Bild: Matthias Muff)

Flavia Bonanomi

kultur@luzernerzeitung.ch

Dass am Ende die ganze Bühne in Fetzen liegen wird, weiss man schon am Anfang: Irgendwann werden die fünf Figuren ausrasten und die Ordner zerreissen, die ihr Leben auf schrankgerechte Happen reduzieren.

Doch vor dem Ausbruch kommt der Trott. Trott und ­Langeweile auf praktisch jeder Ebene: Die Protagonisten von «Bandscheibenvorfall» finden sich im immer gleichen Büro tagtäglich in den gleichen, erniedrigenden und perversen Spielchen gefangen.

Zähneknirschend analysieren sie peinlich genau, wer sich heute am wenigsten verrückt machen lässt von seinen Mitarbeitenden und vom System und murmeln alles in klobige Diktiergeräte: Einen Punkt für Kretzky (Mathias Ott), weil er am lässigsten «Guten Morgen» sagt, einen an Hufschmidt (Christoph Fellmann), weil er es als letztes sagt, einen an Schmitt (Nicole Lechmann), weil es ihr egal ist, dass sie es als Erste sagt. Keinen Punkt für Kruse (Marco Sieber), niemals, denn er ist der Verlierer-Typ, der Typ «Mobbing-Opfer», der Typ «Ich habe als Einziger die Hausaufgaben gemacht und lasse die ganze Klasse abschreiben».

Zwischen Individualität und Anonymität

Und ganz sicher keinen Punkt für Kristensen (Franziska Bachmann Pfister), die spiessige und unsichere Nervensäge, die sich zwar mit autogenem Training auskennt, sonst aber herzlich wenig zu bieten hat, sich in wilden Träumereien verliert und sich angewidert die Nase zuhält, wenn die anderen rauchen (was sie ständig tun).

Die Texte von Ingrid Lausund und das Spiel des Luzerner Theaters Aeternam nehmen dem durchaus aktuellen Thema die Schwere, ohne ihm seine Bedeutung abzusprechen, und versetzen die Zuschauenden in ein Wechselbad der Gefühle, wobei hemmungsloses Lachen erfreulicherweise deutlich am häufigsten zum Zug kommt.

Den Chef genau getroffen

Die Bühne ist dabei zweigeteilt: links das Büro, der Käfig, mit der Kaffeemaschine in der Mitte, rechts ein Kronleuchter, der als Einziges etwas warmes Licht verströmt, und der als Beleuchtung für einen Rückzugsort dient für die kaputten, verunsicherten, überanstrengten Rädchen einer grossen Maschine (Bühne: Phi­lipp Wagner). Dort sind die fünf Figuren, von denen wir immer nur die Nachnamen kennen werden, frei, und lassen, betreut von einem Gummi-Einhorn, ihren Gefühlen freien Lauf: Sie gestehen sich ihre Schwächen ein, ermahnen sich zum Durchhalten, legen sich einfach kurz hin oder schwelgen in Erinnerungen. Nur um dann zurückzukehren in die kalte Welt des Büroalltags, wo es heisst: Jeder gegen jeden, wer nicht gewinnt, wird gefressen.

Das nimmt hässliche Formen an: Immer Acht gebend, den Schein zu wahren, verfluchen sich die fünf Protagonisten immer gehässiger, immer weiter angestachelt von einem Vorgesetzten, der ohne Gesicht bleibt und nur als fast greifbare Angst das Geschehen auf der Bühne beeinflusst.

Nicht nur den Chef als unsichtbare, aber immer im Nacken sitzende Instanz, der sich doch insgeheim immer über einen lustig macht, hat Regisseurin Nina Halpern mit ihrer Inszenierung ziemlich genau getroffen. Auch einige der vielen kleinen, aber umso bedeutenderen Abgründe der menschlichen Psyche hat sie bis aufs kleinste Detail erfasst und spielt gekonnt mit Kindheitstraumata und schweren Selbstzweifeln ebenso wie mit den lächerlich hohen Erwartungen und hochglanzpolierten Selbstporträts.

Ein endgültiges Entkommen gibt es nicht

Und wenn der Schein verblasst und den Protagonisten die Paradoxie ihres Arbeitsalltags bewusst wird, fliegen dann die eingangs beschriebenen Fetzen: Bestrahlt vom grellen Licht der ständigen Überforderung (Licht: Martin Brun) und gefangen in dem Boxring des täglichen Überlebens, finden die fünf Figuren schliesslich doch noch endlich wieder zu ihrer Menschlichkeit zurück.

Doch ein endgültiges Entkommen ist unabsehbar. Und am Ende steht dann doch immer wieder nächste Morgen.

Hinweis

Nächste Vorführungen im Kleintheater in Luzern: 24./25. November und 7./8./9. Dezember, immer 20.00. Publikumsgespräch am 25. 11. nach der Vorstellung. Tickets und Infos: www.kleintheater.ch

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