Lucerne Festival live: Knallhartes Machtgefälle und kollektive Machtlosigkeit

Das Public Viewing des Eröffnungskonzerts lockte rund 700 Zuschauer an. Ein Augenschein auf dem Luzerner Inseli.

Michael Graber
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Ein edler Tropfen zur Musik: Das Eröffnungskonzert wird im «Inseli» live auf Grossleinwand gezeigt. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 16. August 2019)

Ein edler Tropfen zur Musik: Das Eröffnungskonzert wird im «Inseli» live auf Grossleinwand gezeigt. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 16. August 2019)

Wenn das «t» im Festivalmotto «Macht» etwas stolpert, wird aus der «Macht» der «Match». Und aus reichlich unerklärlichen Gründen neigt der Mensch dazu «Matches» in Gruppen zu verfolgen. In sogenannten Public Viewings. Vielleicht, weil man sich gerne zusammen freut, vielleicht, weil zusammen leiden weniger weh tut. Vielleicht aber auch, weil man zusammen einfacher ertragen kann, dass man am Schluss doch reichlich machtlos ist und das Geschehen auf dem Bildschirm halt doch nicht beeinflussen kann.

Auch jedwede Anfeuerungsschreie und allfällige Partiturkorrekturen auf dem Luzerner Inseli zu Riccardo Chailly, Denis Matsuev und dem Lucerne Festival Orchestra wären ungehört geblieben. Es sind zwar nur ein paar Meter Luftlinie vom Public Viewing des Lucerne Festival zum Konzerthaus, aber der KKL-Konzertsaal verfügt nicht nur über eine grossartige Akustik, sondern auch über eine bemerkenswerte Schallisolation. Trotzdem: Um zusammen zu leiden, sich zu freuen oder die Machtlosigkeit zu erdulden, haben sich am Freitagabend rund 700 Leute eingefunden. Sie ­haben Stühle mitgebracht, trinken Wein, sind in aufgeräumter Stimmung. Auch nach einem Jahr Pause erfreut sich der ­Anlass immer noch grosser ­Beliebtheit. Hinten kocht das wunderbare Restaurant Magdalena sehr feine Paella, die Buvette verkauft Getränke, und vorne singt ein Chor junger Menschen.

Wir wissen immerhin, was wir nicht hören

Hier zeigt sich knallhart ein Machtgefälle: Das Inseli verfügt nicht über die Akustik eines KKL, und so ersaufen die Lieder des Chors spätestens in der Mitte der Wiese. Sie werden weggerattert durch vorbeifliegende Helikopter und weggedröhnt durch laute Autos. Unfair? Klar. Grund für einen Aufstand und einen Marsch ins KKL? Nein. Trotzdem: Die Mächtigen sind nicht wir, denkt man sich ein erstes Mal an diesem Abend. Die stehen vor dem KKL, trinken Champagner, essen Lachsbrötchen und wissen nicht einmal von diesem Chor. Aber wer nichts vom Chor weiss, der kann auch nicht wissen, dass er ihn gerade verpasst. Insofern sind wir im letzten Drittel der Wiese doch eine Spur privilegierter.

Sowieso: Wer macht die Mächtigen mächtig? Nicht die Mächtigen selbst. Sondern das Volk. Indem es brav Steuern zahlt und nicht aufmuckt. Kein König und Kaiser war sich sicher ob des Volkes Zorn. Da rollten die Köpfe schnell, und die Macht wurde wieder neu verteilt. Sie, die mächtigen Herren und Damen im KKL, sind auf uns, die nicht so mächtigen Damen und Herren auf dem Inseli, angewiesen. Denken wir uns und holen selbstzufrieden noch ein Bier an der Buvette, bevor das eigentliche Konzert startet.

Kinder stolpern fröhlich über allerlei Dinge

Der übertragene Klang und Bild aus dem Saal ist fabelhaft. Es klingt – mit wenigen Ausnahmen bei den Reden – genügend laut und druckvoll. Wo der vor Ort singende Chor noch kämpfte, ergänzen sich jetzt Pianist und Orchester ab Leinwand und Boxen mit der Umgebung. Ein Schiff hornt rein, ein Car piepst beim Wenden, ein Flugzeug fliegt etwas zu tief. Das Publikum, in der Mehrheit grau­meliert, wird mit zunehmender Wiesenlänge geniesserischer. Augen geschlossen, auf der Picknick-Decke aneinander gekuschelt, dazwischen stolpern Kinder über allerlei ausgebreitete Dinge, wie Rucksäcke, Stühle und Bierflaschen.

Natürlich sei es eine Machtdemonstration, raunt der Wiesennachbar. Sie, die mächtigen Damen und Herren im KKL, übertragen uns nicht so mächtigen Damen und Herren auf dem Inseli ihr Konzert. Wir seien auf ihre Grosszügigkeit angewiesen, sie zahlen bis zu 350 Franken für ein Ticket, wir bringen unsere Stühle selber mit. Recht hat er, denken wir fast schon wütend und machen trotzdem nur die Faust im Sack.

Dann wird auf der Grossleinwand die erste kurze Pause im Klavierkonzert übertragen, und man hört das Publikum im Saal sich räuspern und husten. Wir, die nicht so mächtigen Damen und Herren, haben dagegen gehustet, wann wir wollten, wir gingen sogar kurz auf Toilette und rauchten auch mal eine Zigarette. Kein König und Kaiser dieser Welt würde sich vorschreiben lassen, wann er zu husten hat, denken wir fröhlich.

Macht ist immer auch eine Frage der Perspektive.