Kollektiv geschriebenes Lockdown-Tagebuch mit Starautorenbeteiligung

Das Leitungsduo des Aargauer Literaturhauses trotzte dem Coronalockdown mit Kreativität und Online-Texten. Nun liegt das Buch dazu vor. «Schwellenzeit» ist ein originelles Zeitdokument mit Texten von T. C. Boyle, Ruth Schweikert und vielen anderen.

Hansruedi Kugler
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Wozu sich im Lockdown im Nichtstun auf der Couch verkriechen, fragte sich eine der Herausgeberinnen von «Schwellenzeit», die Leiterin des Aargauer Literaturhauses, Bettina Spoerri.

Wozu sich im Lockdown im Nichtstun auf der Couch verkriechen, fragte sich eine der Herausgeberinnen von «Schwellenzeit», die Leiterin des Aargauer Literaturhauses, Bettina Spoerri.

Carla Stampfli / AAR

Resignation kam für Bettina Spoerri und Anne Wieser nicht in Frage. Nach dem bundesrätlichen Verbot von öffentlichen Veranstaltungen am 16. März war ihre Devise im Homeoffice-Modus rasch definiert: «Nun erst recht.» Aber wie soll ein Literaturhaus-Programm in einem geschlossenen Literaturhaus aussehen? Für einmal kann man sagen: Dem Internet sei Dank.

Die Zusagen der Autorinnen und Autoren kamen erfreulich rasch für Tagebücher, Texte aus aller Welt und für das Experiment eines Fortsetzungsromans. Die Beiträge, welche ab März auf der Website des Aargauer Literaturhauses in Lenzburg aufgeschaltet waren, sind nun im Buch «Schwellenzeit» versammelt.

Und sind ein Zeitdokument, das sich keineswegs auf die helvetische Provinzperspektive (solches hat man im vergangenen halben Jahr wohl genug lesen müssen) beschränkt. Das wird insbesondere in den 23 Texten «Corona einmal um die Welt» erfreulich deutlich.

Auch T. C. Boyle wird das WC-Papier knapp

Denn wenn T. C. Boyle vom Toilettenpapier-Notstand berichtet, schrumpft die Welt tatsächlich zum globalen Dorf, wo alle mit denselben Problemen ringen. Nicht alle aber lösen das Problem, indem sie wie der Spät-Hippie und Naturfreak Boyle ihr «Geschäft draussen auf dem Komposthaufen» verrichten.

Seine Frau und er hätten sich danach gegenseitig mit dem Gartenschlauch abgespritzt, schreibt er in seinem Text aus dem Lockdown in Kalifornien. Etgar Keret vermeldet wesentlich bedrohter: «Seit die Seuche ausgebrochen ist, kann ich mir endlich meinen Tod vorstellen.» Trotz akuter Atemnot auf der israelischen Notfallstation vergisst er sein satirisches Naturell nicht: Das einzige, was ihn quäle, seien die Tränen seiner Frau.

Und spätestens, wenn Stephan Thome von seiner Heirat auf dem taiwanesischen Standesamt berichtet, merkt man wieder einmal, dass das Erzählen mit Humor auch eine wohltuende Bewältigungsstrategie ist: Temperaturmessung, Gesichtsmaske, Desinfektionsmittel, Glückwünsche von Freunden per Whatsapp – romantische Hochzeitsstimmung kommt da kaum auf.

Aber in einer Ecke des Standesamts, hinter einem rosa Vorhang mit dem Schriftzug «Just married» für das obligate Foto entdeckt Thome kopfschüttelnd eine Kiste mit kitschigen Schildern: «Die Braut ist so schön» oder «Endlich gehört er mir.»

«Jetzt schlägt die Gratiskultur wieder zu»

Neben diesen episodischen, literarischen Zeitdiagnosen aus aller Welt sind in«Schwellenzeit» auch programmatische Texte zu finden. Monica Cantieni schreibt in ihrem Tagebuch, das sie als langen Brief an die Bundespräsidentin formuliert, etwa: «Es ist zum Heulen! Jetzt schlägt die Gratiskultur wieder zu.

Und sie hat der Medienlandschaft schon nicht gutgetan.» Und sie fragt Simonetta Sommaruga nach dem Wert der Kultur, für die es keine Lobby gäbe, «wir, die wir diplomatische Dienste leisten durch Austausch, durch Perspektivenwechsel».

Eine Wucht ist A. L. Kennedys zorniger Text über ihr Heimatland Grossbritannien, dem sie aggressiven Snobismus, Verlogenheit und Ignoranz vorwirft. Die Brexitkampagne und die Unfähigkeit, die Coronakrise zu managen, sieht sie als Vorboten eines Zerfalls ihres Landes. Und wenn man Jan Koneffkes Bukarester Coronaprotokoll liest, schaudert es einem angesichts der dort grassierenden Korruption und man glaubt sich in einer kafkaesken Welt verloren.

Dokument eines turbulenten Jahres

Wer Peter Stamms Spott über Eric Guyers «Seuchensozialismus»-Leitartikel in der NZZ liest oder Anna Kims Unruhe miterlebt, weil deren Mutter im Lockdown das Telefon nicht abnimmt, dann erweitert dieser Sammelband die Erfahrungen in jener noch nicht überwundenen Zeit.

Dass der Fortsetzungsroman die Erwartungen nicht erfüllen kann, zu wenig in die Gefühlslagen in der Coronakrise eintaucht und sich über zwanzig Kapitel im Personal verzettelt, mag man verzeihen. Gut möglich, dass «Schwellenzeit» als ein bleibendes Dokument eines turbulenten, unsicheren Jahres Bestand haben wird.

Bettina Spoerri/Anne Wieser (Hrsg.): «Schwellenzeit». Midas-Verlag, 234 Seiten.