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KOLUMNE: Gabriel Felder: «Ich war Mister Hitparade»

Der gebürtige Luzerner Gabriel Felder war von 1995 bis 1996 Moderator der Hitparade.
Gabriel Felder. (Bild: LZ)

Gabriel Felder. (Bild: LZ)

«Mister Hitparade – neben der Miss Schweiz wohl einer der wenigen Ehrentitel, die in unserem Land zu vergeben sind. Ich durfte den Titel über zwei Jahre tragen und ich blicke auf diese Zeit mit einer Mischung aus kuscheliger Nostalgie und blankem Erstaunen zurück: what a ride, wie man in meiner Wahlheimat London sagen würde.

Das Musikprogramm des damaligen DRS-3-Programms galt in den frühen 1990er-Jahren nicht unbedingt als Hochburg einer leichtfüssigen Popkultur. Der Sender setzte in seinem Tagesprogramm auf ein eher alternatives Musikspektrum und tat sein Bestes, als «amtlich bewilligter Störsender» auf Sendung zu bleiben. Nicht unbedingt das natürliche Biotop für einen jungen popfanatischen ­Luzerner wie mich.

Meine Laufbahn als Plattenkonsument hatte ­ mit «The Winner Takes It All» von Abba ­begonnen. Der Posten als neuer Hitparaden-Präsentator kam daher wie gerufen. Es wurde schlicht und einfach zu nervenaufreibend, mit meinem Komplizen in der Musikredaktion heimlich Popnummern ins Tagesprogramm von DRS 3 zu schmuggeln. Der Komplize hiess Chrigel Lindemann und er wurde zu meinem treuen Gespanen, ein Mister Hitparade im Hintergrund sozusagen. Ich werde nie vergessen, wie wir regungslos nebenein­ander standen und uns «Back for Good» von Take That zum ersten Mal anhörten: Ein Blick genügte und wir wussten beide, dass wir bei der Geburt eines modernen Klassikers dabei waren. Chrigel und ich sprachen dieselbe Sprache und die Sprache hiess Pop, kompromisslos.

Ich warf mich denn auch «füdliblutt» in die Hitparaden-Wogen, im übertragenen Sinn natürlich. Ein hochtrabendes Konzept gab es nie. Ich setzte mich sonntags Punkt zwei Uhr auf den Bürostuhl am Sendepult, drückte auf Knöpfe, schob Riegel hoch und CDs rein, war voll im Element, im Einklang mit dem Popklang. Für vier Stunden drehte sich meine Welt ausschliesslich um Aufsteiger und Absteiger, Neueintritte und Nummer-eins-Anwärter, Gewinner und Verlierer im Rennen um Charts-Lorbeeren.

Als hinge mein Leben von dieser Liste ab

Als mich meine Chefin in ihr Büro zitierte und mir stolz offenbarte, dass sich die Hörerzahlen in der ersten Hälfte des Jahres verdoppelt hätten, antwortete ich mit: «Cool, freut mich. Aber hast du mitbekommen, dass wir ganze vier Neueinsteiger in der Top 10 haben diese Woche?»

Natürlich gab es auch kritische Stimmen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, wie sehr es zur schweizerischen Mentalität passt, dass man sich mit Haut und Haar und unverdünnter Leidenschaft in ein Unterfangen hineinwirft. Meine Bereitschaft, jegliche Distanz zu jener Liste mit den 40 meistverkauften Songs der Woche aufzugeben und so zu tun, als hinge mein Leben von der Verkündigung der Nummer eins ab, handelte mir bei gewissen Hörern das Image eines naiven, ewigen Teenagers ein.

Rückblickend erachte ich diese Etikette als Kompliment. Schliesslich waren es Horden von Teenagern – vornehmlich weiblichen Geschlechts –, welche meine Zeit als Mister Hitparade so unvergesslich machten. Die Arbeitswoche begann für mich jeweils mit dem Entleeren des Postfaches, vollgestopft mit polychromen Fanbriefen (E-Mails existierten damals noch nicht). «Was hast du wieder angestellt?», witzelte der Postverteiler im Radiostudio Zürich jeweils. Wenn ich das bloss gewusst hätte…»

Gabriel Felder

Der gebürtige Luzerner Gabriel Felder (Jahrgang 1967) lebt heute in London und arbeitet als Lehrer und Journalist.

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