Kolumne

«Glamour, mon amour»: Das Tessin ist unser dringend nötiges Stück Ersatzitalien

Unsere Autorin Simone Meier machte dieses Jahr ausschliesslich in der Schweiz Ferien. In ihrer neusten Kolumne erinnert sie sich an ihre Highlights.

Simone Meier
Drucken
Teilen
Unsere Autorin Simone Meier

Unsere Autorin Simone Meier

Bild: CH Media

Darf ich Sie etwas leicht Intimes fragen? Fühlen Sie sich im ausklingenden ersten Schweizer Coronajahr auch immer so unangenehm mit sich selbst konfrontiert? Also, unter der Maske, meine ich. Mein Konsum an Fisherman’s Friends, Ricola-Bonbons und anderen Frischmachern ist jedenfalls exponentiell gestiegen. Aber vielleicht gehören Sie ja zu den seltenen Wundern der Natur, deren Atem tagein, tagaus nach frisch gepflückter Minze, Zimtstangen oder einer Rose bei Sonnenaufgang riecht.

Und darf ich Sie noch etwas fragen? Wie halten Sie es heuer mit dem Fernweh? Ist es sehr schmerzhaft? Oder haben Sie gar keins?

Ich schwanke zwischen Phantomschmerz und erfolgreicher Ersatzbefriedigung. Denn obwohl ich in meinem Leben durchaus nicht jedes Jahr an irgendein Meer gefahren bin, habe ich ausgerechnet heuer das Gefühl, dass es nichts Schöneres geben könne, als wieder einmal an einem Strand zu stehen und die Endlichkeit unserer Welt zu begreifen. Denn das ist doch das Verrückte am Meer: Dass es uns den Blick auf den ganzen Reichtum jener Gegenwelt, die es in sich birgt, erst einmal gelassen entzieht. Über zwei Millionen Arten Lebewesen gibt es im Meer – wir kennen davon einen Bruchteil. Das Meer braucht uns nicht.

Aber gut: Heuer war nichts mit dem Meer. Das heisst, natürlich gibt es Leute, die ans Meer reisten, die sich vorher zwei Monate lang mit der Frage, ob die geplante Reise nicht im letzten Moment abgesagt würde, stressten und die darauffolgende Quarantäne in Kauf nahmen. Mein Liebesleben und ich hatten dafür keine Nerven. Wir machten Ferien in der Schweiz. Ein ganzes Jahr lang. Am Neuenburgersee, im Engadin und im Tessin, genauer in Locarno und Ascona. Erwartungen hatten wir keine. Und? Und es war toll!

Am Neuenburgersee wohnten wir direkt am Wasser, die Wellen leckten an unserer Terrasse, das Wetter war schlecht, das gegenüberliegende Ufer nicht zu erkennen, so wenig wie am Meer. Doch als es nach Tagen endlich auftauchte, sahen wir in strahlendster Pracht Eiger, Mönch und Jungfrau. Okay, nein, wir sahen nur zwei davon, aber ich kann mich nicht erinnern, welche, es war jedenfalls Erhabenheit pur. Wir liebten das schlechte wie das gute Wetter und die welschen Beizen sowieso.

Im Engadin sind wir immer glücklich. Diese berückende Weite! Dieses Licht! Diese schon fast astral leuchtende Gastronomie! Und diese verrückt schönen Blumen, die überall blühen! Als hätte Gott LSD konsumiert und sich dann als alpiner Landschaftsgärtner verwirklicht. Und dann das Tessin, unser dringend nötiges Stück Ersatzitalien! Da waren wir aus lauter Verliebtheit im Frühling, Sommer und Spätherbst, und im Frühling wie im Spätherbst blühten die Kamelien. Palmen spreizten sich pfauengleich, und die grünen Hügel rund um den Lago Maggiore besänftigten uns mit einer schon beinahe religiösen Kraft. Die Tessiner Beizen sowieso.

Wir waren dankbar für die kleinen Fluchten. Sie haben uns sehr, sehr, sehr glücklich gemacht. Manchmal brauchen auch wir das Meer nicht.