KOLUMNE «ÜBRIGENS»: Alles schon gesehen

Unsere Kulturredaktorin Julia Stephan glaubt, ein klappriger Wäscheständer sei nichts Besonderes. Bis sie damit im Zug sitzt.

Julia Stephan, Kulturredaktorin
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Julia Stephan, Kulturredaktorin (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Julia Stephan, Kulturredaktorin (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Feierabend zwischen Emmenbrücke und Luzern. Die S-Bahn bahnt sich durch Sprühregen. Kein erhabener Anblick. Die Pendlergesichter grau. Eine Berlinerin unterhält sich mit einem Arbeitskollegen. Es geht um Ferienpläne. Sie kann sich nicht entscheiden. Sie war schon überall. Dresden? «Ach, da kenn ich jeden Fleck.» Hamburg? – «Schon jesehn.» Stuttgart? «Mensch, det hab ick ja auch schon abgegrast!» «Siehst du, das ist das Blöde an meinem Job. Ick komm überall rum», erklärt sie ihrem jüngeren Kollegen. Der gibt alles, um ihr Erstweltproblem zu lösen. Das ganze Städte-Abc hat er bereits durchbuchstabiert. Ohne Treffer.

Missmutig starrt die Frau auf das sperrige Ding, das ich mir im Viererabteil vor die Knie gequetscht habe. Plötzlich ruft sie aus: «Der Wäscheständer heisst ja ‹Locarno›!» Das ganze Abteil starrt fasziniert auf das dürre weisse Gestänge, als sei es ein Heilsversprechen. Der hätte so viel Aufmerksamkeit nicht verdient, denke ich. Auch nicht zwischen Luzern und Emmenbrücke. Doch die Frau sieht sich bereits auf der Sonnenseite der Schweiz . «Na sehn’se, dort würde Ihre Wäsche wenigstens trocknen», raunzt mir die Berlinerin zu. Sie strahlt.

Meine Recherche in der Hauswarenabteilung des Versandhauses Amazon ergab später: Andere Schweizer Städte haben kein besseres Schicksal: Zürich ist ein Gourmet-Bräter, Basel ein Übertopf, Bern ein Schmutzfangläufer. Und Luzern? Ich muss Sie enttäuschen. Auch nichts Erhabenes: ein Kartoffelstampfer.

Julia Stephan, Kulturredaktorin

julia.stephan@luzernerzeitung.ch