KOLUMNE «ÜBRIGENS»: Sehnsucht 60 Plus

Unsere Kulturredaktorin Julia Stephan über eine junge Liebe im Alter.

Julia Stephan, Redaktorin Kultur
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Julia Stephan, Kulturredaktorin (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Julia Stephan, Kulturredaktorin (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Meine Nachbarin ist 84 und liebt das Leben über alles. Seit über zwanzig Jahren führt die Psychologin mit einem emeritierten Germanistikprofessor aus New York eine gut funktionierende Fernbeziehung. Alle paar Wochen macht sich ihr 94-jähriger Götterpartner auf den Weg nach Europa und ist für ein paar Tage in ihrer grossen Zürcher Stadtwohnung ihr Gast. Sie selbst hat das Fliegen aufgegeben. «Zu anstrengend», findet sie.

Wenn er dann da ist, stürzen sie sich gemeinsam auf hiesige Kulturangebote. Sie gehen ins Theater und in die Oper, fachsimpeln im Treppenhaus über amerikanische Literatur und streiten sich leidenschaftlich, ob die Dame auf der anderen Trottoirseite Flauberts Madame Bovary irgendwie ähnlich sieht.

Ich stelle mir dann vor, wie sie die übrige Zeit damit zubringen, sich gegenseitig zu vermissen und sich wehmütige Briefe über den Atlantik zu schicken. Ob sich das noch intensiver anfühlt, wenn der Zukunftshorizont kleiner wird und die Zeit zu knapp, um alle Sehnsüchte noch in Erfüllung gehen zu lassen?

Als ich neulich bei meiner Nachbarin in der Küche sass, fragte ich sie, ob man nie daran gedacht hätte, es in der Schweiz mal miteinander zu versuchen. Sein Deutsch sei doch perfekt. «Oh, er würde schon wahnsinnig gerne bei mir einziehen», meinte sie darauf. «Und ich sage Ihnen, er leidet wie ein Hund!» «Und, werden Sie ihn erlösen?» «Ach, wissen Sie, ich habe oft darüber nachgedacht, aber es ist mir einfach noch zu früh.»

Julia Stephan, Redaktorin Kultur

julia.stephan@luzernerzeitung.ch