KOMPONIST: Vom Aussenseiter zur Ikone

Der Jazz verdankt dem Pianisten Thelonious Monk ein Œuvre von einzigartiger und exzentrischer Schönheit. Eine Hommage und ein Konzert zu seinem 100. Geburtstag.

Tom Gsteiger
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Jazzpianist und Komponist Thelonious Monk 1949 in New York. (Bild: AP)

Jazzpianist und Komponist Thelonious Monk 1949 in New York. (Bild: AP)

Es gab eine Zeit, da sammelte Thelonious Monk (1917–1982) bei seinen Streifzügen durch New York Pfandflaschen, um einen Teil zum Haushaltseinkommen beizutragen. 1951 hatte ihm die Polizei die berühmt-berüchtigte Cabaret Card entzogen: Diese brauchte man für Auftritte in Lokalen, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde. Ohne Cabaret Card war ein Jazzmusiker in New York arm dran. Ohne den Beistand seiner Frau, für die er die wunderbare Ballade «Crepuscule with Nellie» komponierte, hätte Monk diese Zeit wohl kaum überstanden.

Dank Robin Kelleys Biografie «Thelonious Monk: The Life and Times of an American Original» kennen wir das Alltagsleben des legendären Jazzpianisten und zweifachen Familienvaters im Detail. Monk litt an einer psychischen Krankheit, doch obwohl er wegen seines seltsamen Verhaltens mehrmals in Behandlung war, blieb eine vollumfänglich überzeugende Diagnose aus. Ohne ein stabiles Umfeld wäre Monk wohl viel früher ins Bodenlose gefallen: In den letzten fünfeinhalb Jahren seines Lebens lag er tagsüber meistens auf dem Bett und starrte an die Decke.

Als Pianist stiess Monk mit seiner widerborstig-dissonanten Spielweise anfänglich mehrheitlich auf Ablehnung. Nicht selten hiess es, er könne gar nicht richtig Klavier spielen. Richtig ist: Monk wusste sehr wohl, was er tat. Und er sagte: «Falsch ist richtig!» Nach und nach gewöhnten sich immer mehr Zuhörer an seine exzentrische Genialität (1964 war er auf dem Titelblatt des «Time Magazine»). In seinen Improvisationen verband Monk motivisch-melodische Hartnäckigkeit mit rhythmischer Kantigkeit. Monk war kein Klangmaler, sondern ein Skulpturenmeissler mit einem Faible für klare Konturen. Kommt hinzu, dass Monk sehr grossen Wert auf swingende ­Drive-Dringlichkeit legte.

Der Zürcher Saxofonist Christoph Grab ist ein grosser Monk-Bewunderer: Mit Lukas Traxel (Bass) und Pius Baschnagel (Schlagzeug) hat er das wunderbare Hommage-Album «Re­flections» eingespielt, auf dem neun Monk-Stücke plus der von Monk geliebte Standard «Just a Gigolo» zu hören sind. Grab sagt: «Monk ist für mich einer der originellsten und inspirierendsten Komponisten des Jazz. Er verbindet Tradition und Moderne und bietet in seinen Kompositionen den Musikern grossartiges, herausforderndes Material für die Improvisation.» Grab missversteht Monk nicht als schrägen Klamaukbruder – und so treibt sein Trio keinen Schabernack mit den Stücken, sondern lässt sich von deren unerschöpflicher Sub­stanz zu sinnlichen Improvisationsexkursen anregen.

Tom Gsteiger

Konzert: 10.10. Mehrspur-Club, Zürich