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Interview

Komponist Wolfgang Rihm: «Fühle mich wie ein Kriegsveteran»

Der Leiter der Lucerne Festival Academy, Wolfgang Rihm, über Macht und Rebellion, Altersmilde und seine Krebserkrankung.
Urs Mattenberger
Wolfgang Rihm: «Man schliesst ja jeden Tag fünfzigmal mit Gott oder dem Göttlichen ab.» (Bild: Keystone)

Wolfgang Rihm: «Man schliesst ja jeden Tag fünfzigmal mit Gott oder dem Göttlichen ab.» (Bild: Keystone)

Wolfgang Rihm ist einer der grössten Komponisten der Gegenwart. Sein musikalisches Schaffen umfasst über 500 Werke. In den Siebzigerjahren öffnete der Leiter der Lucerne Festival Academy mit seiner impulsiven Musik den Giftschrank der Avantgarde.

Sie sind 67 und nicht nur einer der bedeutendsten, sondern auch produktivsten Komponisten der Gegenwart. Woher nehmen Sie immer wieder den Anstoss für ein neues Werk?

Wolfgang Rihm: Wenn ich ein Zahnarzt wäre, dann lautete die Frage wohl: Wie bekommen Sie den Anstoss, zu bohren? Ich weiss es nicht. Das ist eine Art zweite Natur, ein Wesenszug, und nicht etwas, das in irgendeiner Weise als Beruf gewählt wurde und dann wohl oder übel ausgeübt wird. Manchmal sind Anregungen auch ganz konkret, zum Beispiel in Form von Interpreten, die in mir den Wunsch wecken, dass sie etwas spielen, was ich für sie schreibe. Wie der Trompeter Reinhold Friedrich, der jetzt am Festival Solist in meinem «Marsyas» ist. Das löst dann bei mir sehr viel aus. Bei «Marsyas» war mir wichtig, dass die Trompete nicht als Signalinstrument verwendet wird, sondern in langen Linien spielen kann. Das macht das Stück für den Solisten über alle Fingerfertigkeit hinaus wahnsinnig schwer.

Den Anstoss zu ihren «Requiem-Strophen» vermuteten Kritiker vor zwei Jahren in ihrer Krebserkrankung. Haben Sie da mitbedacht, dass das Ihre eigene Totenmesse sein könnte?

Nein, überhaupt nicht, die «Requiem-Strophen» hatten damit überhaupt nichts zu tun. Ganz einfach, weil ich mit dieser Form des Krebses bereits seit 22 Jahren lebe. Damals hatte man ein Lipom festgestellt, ein Fleischgeschwulst in meinem Oberschenkel, das wuchs und entfernt werden musste. Zehn Jahre später wars wieder dick und musste wieder entfernt werden, und da waren schon verdächtige Anteile dran. 2016 war es zum Liposarkom geworden und man musste mit stärkeren Mitteln rangehen, das war schon eingreifend. Aber es war kein Schock, weil ich schon lange mit dem Bewusstsein lebe, dass da irgendwelche Dinge in mir wachsen. Ich habe keine Schmerzen und erfreue mich trotz Einschränkungen einer guten Lebensqualität. Und das, obwohl man mir ein Objekt von sieben Kilogramm entfernen musste und das Bein gelähmt blieb. Der Mensch ist ein Wunder!

Manche schliessen nach solchen Schicksalsschläge mit Gott ab. Wie haben Sie darauf reagiert?

Bei mir war es vor allem eine Art Ergebung. Ich habe es angenommen und mich nicht dagegen aufgelehnt. Was Gott betrifft: Man schliesst ja jeden Tag fünfzigmal mit ihm oder mit dem Göttlichen ab, dann fängt man wieder an – und er macht es wahrscheinlich genauso. (lacht) Ich bin eher einer, der sich in die Dinge, so wie sie sich ergeben, schickt. Weil ich da den grössten Bewegungsraum spüre, gerade wenn es um solche unerklärlichen physischen Dinge geht.

Lucerne Festival thematisiert unter dem Motto «Macht» auch jene des Schicksals. Anerkennt Ergebenheit diese Macht des Schicksals?

Ja. Es ist, wie es ist: damit hat es schon etwas zu tun. Aber das ist etwas sehr Privates, das ich nicht als Regel oder Lebenshilfe herausposaunen kann. Da muss jeder selber entscheiden, wie er damit umgehen will.

Aber in der Politik ist angesichts drängender Probleme wie dem Klimawandel Ergebenheit die falsche Haltung.

Ich weiss es nicht. Der Mensch ist ja ein Hybris-begabtes Wesen. Dass er jetzt auch noch für das Klima verantwortlich sein will, hat etwas Pharisäisches an sich: Sich an die Brust zu klopfen und zu behaupten, wir Menschen sind an allem schuld, weil wir so grossartig und so schrecklich sind. Es ist eine ständige Inthronisierung der menschlichen Macht auch im negativen Sinn spürbar. Man müsste dagegen auch den Gedanken zulassen: Dass sich der Mensch ständig in den Mittelpunkt stellt, sei es als Schuldiger oder Unschuldiger, als Verursacher oder Retter, hat die gleichen Motivationsstränge und ist auch eine Überforderung der menschlichen Möglichkeiten. Aber es ist im Moment heikel, über diese Dinge zu sprechen. Man will ja nicht vereinnahmt werden von Leuten, die alles vom Tisch wischen wie jener Politiker aus der Pfalz, der jetzt Amerika regiert.

Pierre Boulez, der Gründer der Lucerne Festival Academy, hatte institutionelle Macht in der französischen Kulturpolitik. Sie selber haben eine solche Rolle nie gesucht. Oder ist die Leitung der Academy eine Machtposition?

Nein, nein, das wäre mir viel zu anstrengend. Ich habe wahrscheinlich relativ viel Einfluss durch meinen Ratschlag, aber nicht durch den Willen, den ich zu oktroyieren hätte. Ich lebe auch ganz vorrangig ein privates Leben. Ein allzu öffentliches wäre mir ein Gräuel, auch wegen der Verbiegungen, denen man da ausgesetzt ist oder die man anderen womöglich aufzwingt. Ich bin gerne gestalterisch tätig in Zusammenhängen, wo man meinen Rat sucht. So verstehe ich auch meine Rolle bei der Academy: Ich wirke beratend auf die Programmgestaltung ein, aber wir diskutieren und fällen alle Entscheidungen im Team und etablieren keine Hierarchien.

Am Lucerne Festival erklingt mit «Dis-Kontur» ein Schlüsselwerk aus den Siebzigerjahren, als Sie die damalige Avantgarde mit Ihrer unbändig-subjektiven Ausdrucksmusik aufschreckten. Wie sehen Sie diese Rebellion im Rückblick?

Ich habe das schon damals mit Verwunderung wahrgenommen. Ich verstand mich ja als der Sohn jener, gegen die ich angeblich angetreten war. Ich war der Sohn von Boulez, Stockhausen oder Nono – und damit quasi der Enkel von Debussy oder Messiaen. Meine Haltung war nicht: Ihr Väter macht alles falsch, sondern: Ich mache es einfach anders. Die genannten Komponisten haben das auch so verstanden. Und gerade ein Stück wie «Dis-Kontur» zeigt, dass dieser Gegensatz künstlich hochstilisiert wurde.

Aber das Werk wurde gar als Rückkehr des Germanentums in der Musik empfunden.

Ja, Claudio Abbado hat in London «Dis-Kontur» zusammen mit der zweiten Sinfonie von Mahler aufgeführt. Das Publikum, das an schöne Verlaufsmusik englischer Komponisten gewöhnt war, war überrascht, dass es da plötzlich in der Kiste rumpelte. Da war die Assoziation sofort die: Aha, die Germanen marschieren wieder ein und lassen Bomben fallen. In einer Sendung auf BBC wurden Teile der Einleitung überblendet mit marschierenden Soldaten, als ob der neue Nationalsozialismus ausgebrochen wäre. Da traute ich meinen Augen und Ohren nicht.

Das Stück beginnt immerhin mit Hammerschlägen!

Aber diese sind eine blosse perkussive Behauptung. Im Grund habe ich ein Satzzeichen aus einem Text gelöst und damit einen Text beginnen lassen. Ein Satzzeichen, das in der spätromantischen und frühmodernen Sinfonik einen katastrophischen Höhepunkt artikuliert. Ich habe wie ein Strukturalist einen Text nur aus diesem Höhepunktszeichen begonnen. Die Hammer-Akzente waren die Behauptung: Hier ist Höhepunkt! Aber es kann, ganz zu Beginn, noch gar keiner sein!

Inwiefern ist das strukturalistisch?

Später stellte ich fest, dass die Akzente ein rhythmisches Muster wiederholten. Das Stück konnte ich dann immer wieder auf diese rhythmische Grundgestalt «herunterbrechen»: Eine Art strauchelnden Marsch, der aus einer unbewussten Schicht hervorbricht und wieder zusammenbricht. Es hat mir auch unglaublich Spass gemacht, das zu komponieren. Ich wusste, ich hantiere mit Materialien, die im Giftschrank der damaligen Avantgarde waren.

Also doch ein Akt der Rebellion?

Ach wissen Sie, Rebellion ist so ein Begriff, den man sich im Nachhinein wie ein Edelweiss ans Gewand steckt. «Ich war Rebell!» Ich hasse so was. Und wenn ich jetzt davon erzähle, noch mit dem Gehstock und dem verletzten Bein, komme ich mir vor wie ein Kriegsveteran, der von vergangenen Schlachten erzählt. Aber das ist Quatsch, das ist es nicht.

Hat der subjektiv-körperhafte Ausdruck, den Sie in die zeitgenössische Musik eingebracht haben, diese dem Publikum nähergebracht?

Das weiss ich nicht. Wenn Musik sehr subjektiv ist, dann wird sie immer anstössig sein, auch wenn sie sehr schön und leise ist. Sowie ein Subjekt sich ausspricht, stellt sich immer die Frage, welchen Rechts diese Bewegung ist.

Ihre für Luzern geschriebenen Kommentare zu den Sinfonien von Brahms schafften es erfolgreich ins Abo-Konzert. Stehen solche Werke für eine Entwicklung vom jungen Wilden zu einer Art Altersmilde?

Ich weiss nicht, wie man das benennen soll. Es geht ja nicht um die Frage, welche Kappe ich mir jetzt gerade aufsetze. Ich war ja damals wohl auch ein junger Wilder. Und jetzt spiele ich nicht den 67-Jährigen. Ich bin es! Ich bin ein Mann, der auf die 70 zugeht, dem sich vieles anders zeigt und der auch vieles zulässt – oder eben nicht mehr zulässt. So was sollte in jeder Künstlerbiografie möglich sein. Ich habe schon früh gewarnt: Man wird immer unter das Diktat seiner Anfänge gestellt. Man fängt an mit etwas, und 40 Jahre später sagen die Leute: Komisch, warum macht er das nimmer? Und damals, als er es gemacht hat, waren sie alle dagegen.

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