Kontrolle und Handwerk vs. Herzblut und Hingabe

Am Dienstag feiert das Freilichtspiel «Wetterleuchten» in Luzern Premiere. Eine Produktion, in der Profis und Laien zusammen auf der Bühne stehen.

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«Wetterleuchten» wird mit 60 Laien und ein paar wenigen Profis aufgeführt.Bild Georg Anderhub

«Wetterleuchten» wird mit 60 Laien und ein paar wenigen Profis aufgeführt.Bild Georg Anderhub

«Ein Profi, das ist laut Definition des Berufsverbandes ganz einfach jemand, der mit der Schauspielerei seinen Lebensunterhalt verdient», erläutert Annette Windlin, Schauspielerin, Theaterpädagogin und Regisseurin. Und die in Luzern lebende Theaterfrau fügt gleich hinzu: «Und mit dieser Definition muss gesagt sein: In der Schweiz können nur sehr wenige Freischaffende vom Schauspielern leben.»

Volker Hesse, Regisseur von «Wetterleuchten», das am 11. Juni Premiere feiert, sieht das ähnlich wie Annette Windlin. «Ein Profi ist jemand, der eine Ausbildung genossen hat und die Schauspielerei als Beruf betreibt», ergänzt er. Über die Qualität könne man immer streiten, so Annette Windlin. Ein Profi müsse nicht unbedingt der bessere Spieler sein, aber er habe mehr Handwerk zur Verfügung und müsse das schneller abrufen können als ein Laienspieler. «Ein Profi hat neben der Ausbildung auch viel Erfahrung. Er weiss, welcher Mechanismen er sich bedienen muss, um in die hohen Emotionen zu kommen», weiss Volker Hesse.

Laien, die Spezialisten sind

Aber eigentlich können die Theaterprofis mit der Unterscheidung zwischen Profi- und Laientheater wenig anfangen. «Schon als ich 1993 das Theater am Neumarkt in Zürich übernahm, begannen wir damit, die Formen zu mischen und neue Arbeitsweisen zu entwickeln», betont Volker Hesse. Für Franz-Xaver Nager, Initiant und Autor des zurzeit in Flüelen aufgeführten multimedialen Theaterprojekts «Müller13», ist die Unterscheidung «längst passé», und er weist auf die Arbeiten von Christoph Schlingensief oder Milo Rau hin, die schon lange professionelles Theater mit Darstellern ohne Schauspielausbildung machen.

«In den letzten zwanzig Jahren habe ich auch so Theater gemacht: Ich arbeite mit Laien, die Spezialisten für ihre Rollen sind, denn meistens kenne ich sie, bevor ich den definitiven Text schreibe. In ‹Müller13› spielt zum Beispiel ein Bergbauer den Bergbauern», erklärt Franz-Xaver Nager seine Arbeitsweise. So stellt er sicher, dass die Rollen authentisch gespielt werden. «Diese Laien sind einem Profi dann oft sogar überlegen. Im Fall des Bergbauern zum Beispiel, was den Dialekt oder die Handhabungen betrifft.»

Mit der Methode, Leute Rollen spielen zu lassen, zu denen sie einen Bezug haben, gewährleistet Franz-Xaver Nager eine hohe Qualität. «Wenn die Laientheater auf dem Land mit der Qualität der Zentren mithalten wollen, dann ist dies ein guter Weg», vermutet er. Die Qualität, gerade in der Zentralschweiz, ist allerdings im Laienbereich sehr hoch. Und nicht nur wegen Profidarstellern. «Es gibt fast keinen Unterschied zwischen professionellen Schauspielern und versierten, viel spielenden Laien. Der Laie hat vielleicht manchmal etwas Scheu vor der Abstraktion, da muss die Regie etwas Überzeugungsarbeit leisten», beschreibt Annette Windlin ihre Erfahrungen.

Volker Hesse hat in seiner langjährigen Tätigkeit als Regisseur mit vielen Laien zusammengearbeitet. «Laien gehen mit grosser Frische und einer existenziellen Berührung in einen Probenprozess. Manchmal brauchen sie etwas Hilfe bei der Übersetzung von ihrer Alltagserfahrung in die Fiktion, aber dafür bringen sie grosse Entdeckungsfreude mit.»

Profis im Leitungsteam

Das erlebt Annette Windlin ebenso. Sie arbeitet «extrem gern mit Laien. Sie haben eine grosse Hingabe, spielen begeistert und aus vollem Herzen. Bei einem Stück mitzuspielen bedeutet für sie oft, neben einem Fulltime-Job viel Zeit zu investieren. Für einen Profi kann es halt mal auch einfach nur ein Job sein.» Sie kann manchmal auch nicht verstehen, wieso in einer Produktion unbedingt Profis einbezogen werden. «Es ist für die Schauspieler natürlich eine tolle Sache, dass sie in der Region zum Spielen kommen. Aber ich finde, man darf den Laien durchaus manchmal etwas mehr zutrauen.» Auch Volker Hesse arbeitet gerne mit Laienkollektiven: «Ich mag die explodierende Begeisterungsfähigkeit.»

Während sich die Theaterleute einig sind, dass Laien auf der Bühne viel leisten können, so finden sie jedoch auch, dass diese Laien von Profis angeführt werden sollten. «Mich interessiert hochstehendes Theater, in dem ländliche Laiendarsteller und urbane Theaterprofis ihre spezifischen Qualitäten optimal einbringen können.» Nagers Erfahrung ist die, dass Laien dann gut sind, wenn sie einen persönlichen Bezug zum Stück und zu ihrer Rolle herstellen können.

«Deshalb haben wir immer lokale Themen und Stoffe bearbeitet und unsere Projekte von Grund auf selber entwickelt. Das gibt den Stücken so viel Kraft, dass sie als Gastspiele auch schon auf renommierten städtischen Bühnen wie dem Theaterhaus Gessnerallee erfolgreich waren. Doch das künstlerische Leitungsteam, also Regie, Musik, Kostüm, Licht, Video und Bühnenbild, da braucht es Profis, die dem Projekt den richtigen Schub verpassen», fasst Franz-Xaver Nager die Meinung der drei zusammen. Wolle man auf dem Land zeitgenössisches, spannendes Theater machen, brauche es auch Leute, die ihren Erfahrungsschatz aus der professionellen Kunstszene in die Waagschale werfen könnten.

Ansprüche sind gestiegen

Volker Hesse arbeitet auch mit Choreografen, die mit den Laien Körperarbeit machen und ihre Ausdrucksmittel systematisch erwei- tern. Die drei grossen Rollen in «Wetterleuchten» hat Volker Hesse übrigens an zwei Profis und einen Laien übertragen. Da bemerkt er denn auch die Unterschiede in der Arbeit mit den Schauspielern. «Einem Laien fehlt oft die Kontrolle. Er kann an einer Probe eine tolle Leistung bringen, aber weiss bei der nächsten Probe nicht mehr, wie er das gemacht hat. Da braucht es eine professionelle Regie, die ihm zu dieser Bewusstheit hilft», betont der Regisseur. Dafür hätten die Laien eine grössere Spontaneität und manchmal ungewöhnliche Eingebungen.

Wo Kreativität gefragt ist, da möchte auch Annette Windlin Profis am Werk sehen. «Für etwas macht ein Bühnenbildner ja eine Ausbildung», schmunzelt sie. Das sei auch wichtig, weil die Ansprüche auch an solche Produktionen steigen. Die Erwartungen bezüglich Ästhetik und Professionalität sind hoch.

Ein Profi und ein Laie zusammen auf der Bühne. Das riecht nach viel Konfliktpotenzial. Der eine bezahlt, schneller arbeitend, der andere unbezahlt, dafür mit viel Herzblut dabei. «Ob es zu Spannungen kommt, ist nicht vom Verhältnis Laie–Profi abhängig, sondern von der Chemie des ganzen Ensembles», betont Annette Windlin. Es gehe dann um Wertschätzung und um zwischenmenschliche Fragen.

Talente wandern in Zentren ab

Dafür hat Volker Hesse schon erlebt, dass sich Laienschauspieler während der Arbeit an einem Stück entschlossen haben, eine Ausbildung zu absolvieren. Obwohl er sie nicht dazu verführen will. «Eine Profilaufbahn ist hart. Meine beiden Kinder wollten Schauspieler werden, und ich habe sie nicht ermutigt, sondern sie an die schwierigsten Aufnahmeprüfungen geschickt, die ihnen einen Dämpfer gaben», erzählt er. Die Entscheidung sei nicht leichtfertig zu treffen. «Viele Menschen werden in diesem Beruf unglücklich», betont er. Sein Sohn arbeitet heute als Journalist, seine Tochter als Produktionsleiterin beim Radio.

Die Unterscheidung von Laien und Profis hat aber auch noch andere Aspekte. «In der Zentralschweiz haben wir keine Schauspielschule. Das führt dazu, dass Talente in die grossen Zentren abwandern. Und durch den Kulturlastenausgleich wandert auch gleich das Geld ab. Da wird es für die Zentralschweiz immer schwieriger, gutes Theater zu schaffen», bedauert Franz-Xaver Nager.

Das könne letztlich auch für die Zentren zur Retourkutsche werden. Auch dort seien es ja immer wieder kreative Leute aus ebendiesen Randregionen, die mit originellen Ideen die Szene belebten. «Wo stünde denn beispielsweise Zürich ohne die Zuzüger aus dem Bündnerland, dem Aargau oder der Innerschweiz? Die tragen dort ganz entscheidend zur kulturellen Vielfalt bei, und man müsste doch eigentlich die Voraussetzungen verbessern, dass sie mit ihrem Know-how auch die Theaterwiesen in ihren Homelands begiessen könnten.»Natalie Ehrenzweig