Konzeptalbum « Zyt» von Cold Reading: Ein gelungener Spagat

Die Luzerner Alternative-Rockband Cold Reading feiert morgen in der Schüür Plattentaufe ihres Konzeptalbums «Zyt».

Stefan Welzel
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Cold Reading alias Marc Breitenmoser, Arthur Londeix, Michael Portmann, Christian Limacher und Alain Schurter (von links) überzeugen mit einem gut austarierten Genremix.

Cold Reading alias Marc Breitenmoser, Arthur Londeix, Michael Portmann, Christian Limacher und Alain Schurter (von links) überzeugen mit einem gut austarierten Genremix.

Bild: Aira Joana

Wie man mit der Erfahrung von Zeit, mit Vergehen und Werden umgeht, ist eine Frage, die den Menschen seit jeher umtreibt. Überwiegend Philosophen beschäftigen sich damit. Man kann der Sache aber auch mit Kunst auf den Grund gehen. Genau das tun fünf Musiker aus Luzern. Cold Reading haben hierfür mit der grossen Kelle angerührt: Vor einigen Wochen brachte die Alternativ-Rockband ihr Konzeptalbum «Zyt» auf den Markt. Nun folgt in der Schüür die Plattentaufe.

Natürlich machen Michael Portmann (Gesang, Keyboard), Christian Limacher (Lead-Gitarre), Arthur Londeix (Bass), Marc Breitenmoser (Schlagzeug) und Alain Schurter (Rhythmus-Gitarre) in erster Linie Rockmusik und betreiben keine philosophischen Seminare. Aber Gitarrist Schurter betont: «Wir sind sehr reflektierende Menschen. Und gerade in unserer schnelllebigen Epoche erscheint es uns als enorm wichtig, solche Dinge wie den Umgang mit Zeit zu thematisieren.» Die Idee des Konzeptalbums kristallisierte sich in Gesprächen über textliche Inhalte heraus. «Wir merkten, dass wir darin oft in der Vergangenheit schwelgten oder von der Zukunft träumten. Dabei vergisst man oft, im Hier und Jetzt zu leben», so Schurter.

Ungemein vielschichtig

Und diese Aktualität heisst für Cold Reading: Insgesamt zwölf neue Songs verteilt auf drei Teile, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spiegeln. Verpackt ist das Ganze in ungemein vielschichtige und komplexe Songs. Es beginnt mit sphärisch eindringlichen Klängen, die aber im Stile des Hardcore immer wieder ins Brachiale stürmen – zum Beispiel in «Escape Plan Blueprint/New Domain». Das sind Referenzen an die eigene musikalische Vergangenheit, wo man – die Band wurde 2014 gegründet – den Emo- und Hardcore-Wurzeln noch etwas treuer war.

Aber schon in diesem ersten Teil «Past Perfect» werden die Genregrenzen gesprengt. Mal gibt man sich leicht und fast schon poppig, mal verspielt und träumerisch («Mono No Aware»); nur um am Ende doch wieder in die Vollen zu gehen und die Riffs in bester Desert-Rock-Manier dröhnen zu lassen. Und obwohl hier viel vermengt wird, so überbordet der Genremix nie. «Über die vergangenen Jahre hinweg haben wir alle unseren Geschmack weiterentwickelt. Obwohl wir uns immer noch viele gemeinsame Künstler anhören, ging der eine doch mehr in Richtung Post-Rock, der andere in den Pop oder gar den Hip-Hop», erklärt Schurter das offene Klangkaleidoskop.

Elektronisch untermalte Stücke

Im mittleren Teil «Present Tense» bricht sich diese Mischung dann endgültig ihre Bahn. Da tauchen plötzlich Cross-over- und Funk-Rock-Elemente auf, die man nie und nimmer erwartet. Am besten gibt man der Musik von Cold Reading das Prädikat Progressive Rock, obwohl es die Band wohl tunlichst vermeiden will, in eine Schublade gesteckt zu werden. Das macht sie ziemlich überzeugend. Im letzten Teil «Future Continuous» tauchen sie ein in vertrackte, elektronisch untermalte Stücke. Grösstenteils sanft und entrückt und sogar mit Klavierbegleitung schwören sie den harten Tönen dennoch nie ganz ab. Die präzise über das Setting gelegte Stimme von Michael Portmann rundet das Konzept ab.

Schurter betont, dass sie schon lange von Konzeptalben fasziniert waren, jedoch nie explizit beabsichtigt haben, ein solches zu schreiben. Aufgrund der Natur des Inhaltes des Albums, textlich wie musikalisch, habe sich dies für «Zyt» aber derart angeboten, dass man sich zu diesem Schritt entschloss. Als Vorbilder nennt er unter anderem US-Bands wie Thrice mit «The Alchemy Index» oder die Grunger von The Smashing Pumpkins mit ihrem legendären Doppelalbum «Mellon Collie and the Infinite Sadness». Fazit: Der Plan ging auf. Das schwierige Unterfangen, einen möglichst breiten Fächer aufzuspannen, ohne sich in Experimenten zu verlieren, schaffen Portmann, Schurter und Co. Es ist ein Spagat, den Cold Reading mit selbstbewusster Leichtigkeit vollbringt.

Plattentaufe «Zyt»: Samstag, 7. März, Schüür Luzern, 19.30h (Türöffnung).