KONZERT: Bewegend und bewegt

Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester und der Schweizer Jugendchor präsentieren Klassik in neuen Formen: In Mozarts «Requiem» bewegen sich Musiker, Sänger und die Dirigenten Joseph Sieber und Nicolas Fink buchstäblich aufeinander zu.

Romano Cuonz
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Joseph Sieber bei den Proben zum Projekt «In Memoriam» im Südpol. (Bild: Romano Cuonz (Kriens, 31. März 2018))

Joseph Sieber bei den Proben zum Projekt «In Memoriam» im Südpol. (Bild: Romano Cuonz (Kriens, 31. März 2018))

Romano Cuonz

kultur@luzernerzeitung.ch

Es ist Mittagszeit. Vor dem Krienser Südpol, in den Korridoren und im grossen Saal sitzen und stehen Jugendliche. Einige essen an diesem Ostersamstag Pizzas, plaudern dabei höchst angeregt und in mehreren Sprachen. Andere entspannen sich einfach ein bisschen. Da und dort ist auch zu hören, wie jemand eine Melodie vor sich hinträllert oder auf seinem Instrument eine Passage immer und immer wieder wiederholt.

Doch dann, Schlag zwei Uhr, einige wenige klare Worte des 27-jährigen Luzerner Musikers und Dirigenten Joseph Sieber: Sie genügen, damit sich aus dem bunten Haufen binnen Minuten ein höchst konzentrierter Chor und ein diszipliniertes Orchester formieren. Und wie dann Nicolas Fink als Gesamtleiter vor die jungen Musiker und Sänger tritt, das «Kyrie Allegro» aus Wolfgang Amadeus Mozarts feierlichem «Requiem» anstimmt, entsteht zwischen Musikern und Sängern eine deutlich spürbare Harmonie. Posaunisten künden den Chor an, beherrschen dabei selbst schwierigste Passagen perfekt. Sind voll bei der Sache.

Mit grosser Erfahrung

Und genau diese Präsenz ist es denn, die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten und gegen 50 Sängerinnen und Sänger in allen Stimmlagen auszeichnet, wenn sie nun Thema um Thema aufnehmen. Derweil stehen die beiden Dirigenten erst neben-, dann hintereinander.

Sie dirigieren oder verfolgen auf Tablets jede Passage, jeden Ton, jeden Takt. Gehen innerlich voll mit und greifen ein. Akribisch, kritisch auch. Indessen: Autoritär treten die beiden niemals auf. Vielmehr gelingt es ihnen, die jungen Sänger und Musiker mit musikalischer Intuition oder grosser Erfahrung zu überzeugen. «Wisst ihr, was ‹Pie Iesu, dona eis requiem› heisst?», fragt Fink. Milder, inniger noch und piano müssten diese Worte kommen. Chor, Streicher und Bläser verstehen sogleich. Lassen lateinische Worte zu ergreifender Musik werden.

Grenzen werden aufgelöst

«Joseph Sieber lernte ich kennen, als er in unserem Schweizer Jugendchor mitsang», erzählt der weltweit tätige Dirigent Nicolas Fink. Ihm sei gleich klar geworden, dass sie punkto Musikvermittlung «das Heu auf der gleichen Bühne» hätten. Nicolas Fink imponiert vor allem, wie Joseph Sieber rund 200 junge Instrumentalisten aus verschiedenen Kantonen spielend zu mobilisieren und für grosse Projekte zu begeistern vermag. Joseph Sieber seinerseits anerkennt: «Ich war sogleich angetan davon, wie Nicolas Fink junge Leute in seinen Bann ziehen kann und wie in seinen Proben vieles sehr schnell sehr viel besser wird.»

Auch er habe von der grossen Erfahrung des weit über die Grenzen bekannten Chorleiters und Baritons viel profitieren können. So sei der Wunsch aufgekommen, die beiden Ensembles – Schweizer Jugendchor und Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester – zusammenzubringen. «Nicht einfach für zwei, drei Proben und einen Auftritt», betont Sieber. Und Fink fügt hinzu: «Wir wollen erreichen, dass die Leute aufeinander zugehen, hautnah erfahren, was es heisst, in einem Chor zu singen oder in einem Orchester zu spielen.»

Die intensiven Proben, aber eben auch die Pausen im Südpol zeigen es eindrücklich: Hier werden alle Grenzen zwischen den beiden Ensembles aufgelöst. Ja, gar fliessende Übergänge gibt es: Mal singt ein Instrumentalist im Chor mit, mal greift eine Sängerin oder ein Sänger zu einem Instrument.

Begegnungen beim Musizieren

«Eigentlich wäre es bei einem derartigen Meisterwerk nicht nötig, überhaupt etwas hinzuzufügen», gibt Joseph Sieber zu bedenken. Andererseits aber weise Mozarts «Requiem» viele Stellen auf, wo die Orchesterstimmen quasi eins zu eins mit den Singstimmen des Chors zusammenspielten. Diese Einladung hätten sie angenommen.

Sänger verschieben sich, platzieren sich innerhalb des Orchesters, das sie begleitet. Aber selbst das Orchester bleibt nicht starr. Es kommt zu einer musikalischen wie eben auch symbolisch physischen Annäherung. Von Satz zu Satz. Immer neu und immer wieder anders. «Mit diesem ersten Projekt lösen wir die Grenzen zwischen Sängern und Orchester auf», sagt Nicolas Fink, «aber schon als nächsten Schritt möchten wir dann auch noch jene zwischen Aufführenden und Publikum räumlich aufheben.»

Ein solches Folgeprojekt, davon sind beide Dirigenten überzeugt, wird nach den wichtigen und guten Erfahrungen, die sie nun gewonnen haben, schon bald nach der Tournee mit Konzerten in Luzern, Fribourg und Zürich angedacht.

Hinweis

«In Memoriam» mit dem Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester und dem Schweizer Jugendchor im KKL Luzern: Montag, 9. April, 19.30 Uhr. Neben Mozarts «Requiem» «Sinfonia da Requiem», Benjamin Britten und «Urlicht» von Gustav Mahler.