KONZERT: «Das Cello erklimmt einen Berg»

Der Meistercellist Steven Isserlis kann moderne Musik kinderleicht erklären. Diese Woche will er mit dem Luzerner Sinfonieorchester das Publikum verzaubern.

Interview Simon Bordier
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«Ein möglichst natürlicher, einfacher Ausdruck des Cellos scheint mir wichtig», sagt Steven Isserlis (58). (Bild: PD)

«Ein möglichst natürlicher, einfacher Ausdruck des Cellos scheint mir wichtig», sagt Steven Isserlis (58). (Bild: PD)

Interview Simon Bordier

Der englische Cellist Steven Isserlis (58) ist international erfolgreich nicht nur als Solist, sondern auch mit Kinderbüchern («Warum Beethoven mit Gulasch um sich warf») und Kinderkonzerten. Am Mittwoch und am Donnerstag spielt er in einem romantisch geprägten Konzert des Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung des englischen Komponisten Thomas Adès (45) dessen neues Cellokonzert «Lieux retrouvés». Im Nachtkonzert spielt Isserlis mit Adès am Flügel zudem die Urfassung dieses Stücks für Cello und Klavier.

Steven Isserlis, Sie geben in Ihrer regen Konzerttätigkeit auch Konzerte für Kinder. Wie würden Sie Ihren kleinen Fans das Cellokonzert «Lieux retrouvés» beschreiben?

Steven Isserlis: Wahrscheinlich ähnlich wie Erwachsenen. Denn das Werk spielt mit Naturbildern: Die vier Sätze sind mit den Begriffen «Wasser», «Berge», «Felder» und «Stadt» überschrieben. Man kann recht gut beschreiben, wie beispielsweise das Cello im zweiten Satz einen Berg erklimmt und dabei ungeahnte Höhen erreicht. Solche Bilder können sowohl Kindern als auch Erwachsenen einen spannenden Zugang zur Musik verschaffen. Übrigens ist es eine Eigenheit dieses Werks, dass der Cellopart häufig sehr hoch geschrieben ist und damit besondere Anforderungen an den Solisten stellt. Ich kenne in der Celloliteratur nichts Vergleichbares.

Würden Sie «Lieux retrouvés» als romantisches Werk bezeichnen?

Isserlis: Durchaus. Bildliche Bezüge spielen darin eine gewisse Rolle, aber auch ein möglichst natürlicher, einfacher Ausdruck des Cellos scheint mir wichtig. Das ist auch der Grund, weshalb ich in dem Stück Darmsaiten verwende. Das Cello klingt dann nicht nur besonders natürlich, sondern man kann auch eine Reihe von Farben und Atmosphären schaffen, die mit Stahlsaiten so nicht möglich sind. In «Lieux retrouvés» sind zudem die Einflüsse verschiedener Komponisten unüberhörbar: Offenbach spielt im finalen «Cancan»-Satz eine prominente Rolle, man hört aber auch Anklänge an Fauré und Janácek. Mich fasziniert an den Kompositionen von Thomas Adès, dass er verschiedene Stile älterer Komponisten aufgreift und daraus seine ganz eigene Stimme entwickelt.

Das Werk wurde 2009 in der Fassung für Cello und Klavier geschrieben. Im KKL werden wir nun die Uraufführung der Orchesterversion hören. Wird es noch dasselbe Stück sein?

Isserlis: Ich selbst werde die Noten erst wenige Wochen vor dem Konzert erhalten, ich kann dazu also noch nichts Konkretes dazu sagen. Die Idee einer Orchesterversion ging aber von mir aus. Adès meinte, das Werk werde mit Orchesterbegleitung unter Umständen noch besser funktionieren als mit Klavier. Das liegt an den Klangfarben und Atmosphären des Stücks: Sie lassen sich im Orchester noch um einiges vielfältiger und nuancenreicher ausarbeiten. Es dürfte letztlich ein völlig anderes Stück werden.

Sie sind auch als Fauré-Interpret bekannt. Im KKL spielen Sie dessen «Elegie» im Orchester- wie im Nachtkonzert. Was fasziniert Sie an dem französischen Komponisten?

Isserlis: Ich habe sogar meinen Sohn Gabriel nach ihm benannt! Faurés Musik scheint zu fliegen, sie hat etwas Ekstatisches. Ähnliches empfinde ich in den Werken von Robert Schumann, einem erklärten Vorbild Faurés. Die Musik der beiden Komponisten spricht mich direkt an. Ich würde nach all den Jahren, in denen ich mich mit Fauré und Schumann bereits beschäftige, sogar sagen, dass ihre Musik ein Teil meiner selbst ist.

Sie haben einen prominenten Familienstammbaum: Der russische Komponist Julius Isserlis ist Ihr Grossvater, Ihre Wurzeln reichen bis zu Felix Mendelssohn, Karl Marx und die Kosmetikunternehmerin Helena Rubinstein zurück. Wie wichtig waren und sind diese Namen in Ihrem Leben?

Isserlis: Mein Grossvater hat in meinem Leben eine grosse Rolle gespielt. Ich war neun, als er gestorben ist. Ich habe einige Erinnerungen an ihn, vor allem aber hörte ich in meiner Kindheit und Jugend viele Geschichten über ihn. Auch seine Musik hat mich immer wieder beschäftigt. Ich habe seine «Ballade» für Cello eingespielt und mit Thomas Adès vor vielen Jahren die «Souvenirs russes» für Cello und Klavier arrangiert und aufgenommen. Im Fall von Mendelssohn, Marx und Helena Rubinstein könnte ich allerdings nicht behaupten, dass sie mich in besonderer Weise geprägt haben. Ich kann höchstens Namedropping mit ihnen betreiben.

Hinweis

Sinfoniekonzerte: Mi/Do, 23./24. März, 19.30 Uhr, Werke von Adès, Fauré und Franck (Sinfonie d-Moll); Nachtkonzert mit Isserlis und Thomas Adès (Klavier): Do, 24. März, 21.45, Konzertsaal, KKL Luzern. VV: Tel. 041 226 05 15, www.sinfonieorchester.ch