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KONZERT: David Lang im KKL: Die Wohltat kommt spät

Pulitzer-Preisträger David Lang, das Luzerner Sinfonieorchester und die Kantonsschule Alpenquai feierten am Mittwoch im KKL mit vereinten Kräften den 50. Geburtstag des Gymnasiums. Mit einigen Längen.
Katharina Thalmann
Elena Kholodova und André de Ridder dirigieren Publikum und Orchester. (Bild: Benno Bühlmann (Luzern, 14. März 2018))

Elena Kholodova und André de Ridder dirigieren Publikum und Orchester. (Bild: Benno Bühlmann (Luzern, 14. März 2018))

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

David Langs Anspruch könnte nicht schöner sein: «Ich will, dass aus Schülerinnen und Schülern gute Bürgerinnen und Bürger werden. Ich will, dass die Welt ein besserer Ort wird.» Gesagt, getan: Am Mittwoch werden am Eingang lila Broschüren verteilt, in denen die Anweisungen ans Publikum zu lesen sind. Denn «harmony and understanding» ist ein Stück für Orchester und Publikum, das Lang im Auftrag des Luzerner Sinfonieorchesters für das Kanti-Jubiläum komponierte.

«Harmony and understanding» will geübt sein: Im Saal ­geben der charismatische Dirigent André de Ridder und Co-Diri­gentin Elena Kholodova Handzeichen. Das Publikum versucht zu folgen. Die Probe dehnt sich auf fünfzig Minuten und kommt nicht ohne pädagogischen Impetus aus.

Esperanto im Kollektiv

Der erste Teil heisst «Wie ein Wald» – da erklingt idyllische Ambient-Music, die Geborgenheit und Schönheit suggeriert. Das Publikum hat die Buchstaben des Alphabets zu flüstern, dann beantwortet es «mit leiser und ­ruhiger Stimme» Fragen nach seiner Herkunft. Was auf der Bühne passiert – die hübschen Texturen und minimalistischen Gewebe in David Langs Musik –, geht im kollektiven Gemurmel unter. Im folgenden Teil mit Gesang nimmt die Minimal Music einen heroischen Ausdruck an, das Publikum singt die Melodie der Hörner mit. «Beethovens Neunte ist nichts dagegen», sagt de Ridder.

Dann sind alle bereit für die Uraufführung von «harmony and understanding». Lang nimmt Sprache als primäres Kommunikationsinstrument. Als Sprache wählt er Esperanto. Indem alle in sich hineinflüstern, gehen die individuellen Stimmen im Kollektiv unter. «Mitspielen» heisst hier weder «mitbestimmen» noch «mitdenken», sondern einfach «mitmachen». Die abschliessenden Esperanto-Sätze klingen wie beschwörende Geheimformeln aus einem Sci-Fi-Film.

Der utopisch-hoffnungsvolle Gehalt des Stücks ist gut gemeint. Aber was trägt das Stück zur ­Utopie bei? Was sind «gute Bürgerinnen und Bürger»? In David Langs Stück sind sie tolerant und verständnisvoll. Freiheit gehört nicht zum Konzept. Auch von Selbstbestimmtheit und kritischem Denken ist nicht die Rede. Gehört zum Konzept der guten Bürgerinnen und Bürger nicht auch das Hinterfragen von Hierarchien? Die Situation im KKL ist freilich durch und durch hierarchisch: Hunderte von jungen Menschen haben den Handbewegungen eines Dirigenten und einer Co-Dirigentin Folge zu leisten. Selbstdenkende Individuen, wie sie ein Gymnasium ausbilden sollte, bräuchten eigentlich keinen Maestro, und sei dieser noch so charismatisch.

Intermezzo des Bildungsdirektors

Nach der Pause ein «Intermezzo zum Schuljubiläum»: Schulleiter Hans Hirschi gibt einen ebenso fundierten wie ausladenden Überblick über die jahrhundertealte Kanti-Geschichte. Die Aufmerksamkeit schwindet rapide: Rechts läuft ein Fussballspiel, links wird Schokolade geknabbert. Einige Leute schlafen.

Auf Hirschi folgt Bildungs­direktor Reto Wyss: «An der Kanti legt man den Grundstein für die gewünschte Gesellschaftsreife.» Haben «gute Bürgerinnen und Bürger» einer «gewünschten Gesellschaftsreife» zu entsprechen? Dann spricht Wyss über Sparmassnahmen. Das ist mutig auf der Geburtstagsparty jener Institution, deren Schülerschaft 2016 in Zwangsferien geschickt wurde. «Politik und Steuerzahler, aber auch die Verwaltung müssen gewährleisten, dass unsere Schule ihren Auftrag in einem ruhigen und gesicherten Umfeld machen kann. Die Frage, welche Leistungen wir in welcher Qualität erbringen wollen, wird uns auch ­zukünftig fordern.»

Ab halb zehn schleichen Leute aus dem Saal. Um Viertel vor zehn spielt das Orchester Antonín Dvoráks achte Sinfonie. Die Musik ist akustisch eine Wohltat, doch die Konzentration, die ist hin. Es gibt Momente, in denen es André de Ridder und dem Luzerner ­Sinfonieorchester gelingt, Magie zu erzeugen: Der Anfang des zweiten Satzes elektrisiert mit sattem Streicherklang, das Finale sprüht vor Energie. Das Jubiläumskonzert endet um halb elf.

Welche Interessen, Bedürfnisse, Leidenschaften hegt die Schülerschaft? Wie klingt ihre Musik? Wie verstehen sie «harmony and understanding»? Hätten sich Teenager anno 1968 so etwas gefallen lassen? Im April 2017 demonstrierten 1000 Schülerinnen und Schüler vor dem ­Regierungsgebäude gegen Sparmassnahmen in der Bildung. Heute sitzen sie im KKL, und Reto Wyss hält eine Rede. Am Ende des Abends ist David Langs Werkverzeichnis um eine Auftragskomposition länger, das Luzerner Sinfonieorchester um ein Vermittlungsprojekt reicher. Und die Schülerschaft, wurde sie zu «guten Bürgerinnen und Bürgern» transformiert?

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