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KONZERT: Die Zeit steht still

Grande Dame, Klaviervirtuosin, Tastenlöwin: Marta Argerich beehrte das Luzerner Sinfonieorchester und seinen Chefdirigenten James Gaffigan zur Eröffnung seiner 211. Saison.
Katharina Thalmann
Die Starpianistin Martha Argerich gestern im Konzertsaal des KKL. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 20. Oktober 2016)

Die Starpianistin Martha Argerich gestern im Konzertsaal des KKL. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 20. Oktober 2016)

Vor der Musik eine pointierte Ansprache des Intendanten Numa Bischof: «Sie», also die Argerich, sei schon da, versicherte er. Dann wies er vor dem Konzert am Mittwochabend auf die momentanen kultur- und finanzpolitischen Zustände im Kanton Luzern hin. In den kommenden Monaten dürften diesbezüglich richtungsweisende Entscheidungen gefällt werden. Das Luzerner Sinfonieorchester ist, wie andere Kulturinstitutionen, unmittelbar davon betroffen. Deswegen verkündete Bischof die Initiierung einer Kampagne gegen Kürzungen im Kulturbereich. Eine entsprechende Homepage wird ab morgen Samstag aufgeschaltet sein.

Des Dirigenten Heimat

Als rhythmischer Auftakt kam dann Leonard Bernsteins «Prelude, Fugue and Riffs» zu Gehör. Das Stückchen Heimat des Amerikaners James Gaffigan verfehlte seinen Effekt nicht. Wenngleich die Kombination aus Big-Band-Besetzung und alten europäischen Gattungen wie Präludium und Fuge zunächst sperrig und etwas didaktisch wirken mag, ist das Stück ein augenzwinkerndes Hörvergnügen, das geschickt mit klassischen Hörgewohnheiten und jazzigen Kontrasten jongliert. In gewohnt tänzelnder Manier versprühte Gaffigan vom Dirigentenpult transatlantisches Flair.

Martha Argerich ist jetzt 75 Jahre alt, und ihre ungeheure Ausstrahlung scheint noch immer zu wachsen. Kaum beim Flügel angekommen, entfachte sich ihre jungmädchenhafte Ungeduld. Schon nach den ersten Takten von Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert wurde man daran erinnert, dass Ravel mehr ist als «Boléro». Alsbald lösten unsagbar brillante Glissandi die anfänglich schillernden Tonwölkchen ab, Argerich kolorierte jeden Ton, gar das Pedal setzte sie als eine Art Tremolo ein. Das Klavierkonzert ist exquisit, geschmackvoll, französisch – wobei man Konnotationen bezüglich des Nationalstils mit Vorsicht geniessen sollte.

Denn gerade im ersten Satz verweisen melodische Versatzstücke auf Gershwins «Rhapsody In Blue», und die dezidierte Rhythmik hat es in sich. Im zweiten Satz geschah, was man sich vom Besuch eines Konzerts mit Martha Argerich insgeheim wünscht: Die Zeit stand still, die Solistin und der Saal atmeten gemeinsam. Die lyrische Solopassage berührte auf eine Weise, wie man sie sonst nur bei Mozart für möglich hält. Die Melodik erinnerte an Ravels Kollegen Gabriel Fauré und Erik Satie. Faszinierend, Argerichs Händen bei der Ausformung einer so verinnerlichten Passage zuzusehen: Sie wirft ihre zehn Finger mit einer Agilität über die Klaviatur, die anatomische Grenzen zu überwinden scheint. Und dennoch gleicht ihr ausladendes Legato einer endlosen Perlenkette.

Die Farben kommen zurück

Der mit «Presto» übertitelte dritte Satz brachte die fluoreszierenden Farben zurück: Bisweilen musste man die Augen zu Rate ziehen – spielt nun das Klavier, die Klarinette oder die Flöte? –, so differenziert ist Argerichs Farbgebung. Lustvoll stürzte sie sich auf halsbrecherische Tongirlanden, und obwohl sie beim Spielen vollständig auf exaltierte Choreografien verzichtet, impliziert ihr Spiel immer auch Bewegungsinformation.

Ohne Koketterie achtete sie beim Applaus stets darauf, dass sich Gaffigan immer mit ihr verneigte – hielt er sich einmal im Hintergrund, machte sie ein kindlich düpiertes Gesicht. Dann hob Gaffigan vom Bühnenrand drei Finger in die Höhe. Würden sie als Zugabe den dritten Satz wiederholen?

Tatsächlich, und es wurde eigentlich ein vierter Satz daraus. Nach dem zweiten Satz, wo das Orchester bereits an die Grenzen des empathisch Machbaren geführt wurde, trieb Argerich es im dritten Satz an die Grenzen des technisch-tempomässig Möglichen. Die Spannung fiel beim ersten Versuch des dritten Satzes etwas ab. Demgegenüber wirkte die Zugabeversion frischer und präziser.

Orchesterkonzert und ­Konzertfinanzierung

Geheimnisvoll hoben nach der Pause die Streicher an zu Béla Bartóks «Konzert für Orchester». Die Streichergruppe überzeugte mit herber Klangschönheit. Den mit «Elegia» übertitelten dritten Satz steigerte Gaffigan zu geerdeter Dramatik, aber nie ohne Humor, um sogleich wieder zurückzukehren zur anfänglichen Archaik.

Trotz der spassigen Ausformung blieb der vierte Satz immer geschmackvoll und wurde nie zur Persiflage jener Volksmusik, die in Bartóks Œuvre eine eminente Rolle spielt. Ein emotionales, sinnliches Programm, das hohe Ansprüche markiert, eröffnete die 211. Saison.

So nahm man beim Hinausgehen das Informationsblatt zur Kulturkampagne gegen die finanziellen Kürzungen mit der Gewissheit entgegen: Institutionen wie das Luzerner Sinfonieorchester tragen einen kaum zu überschätzenden Teil zu Luzerns Kultiviertheit bei. Persönlichkeiten wie Martha Argerich zu begrüssen, ist unbezahlbar – und muss doch finanziert werden.

Katharina Thalmann

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