KONZERT: Drei Sterne mit Freiheitsdrang

Das Luzerner Sinfonieorchester hat «Rising Stars» auf dem Weg nach oben begleitet. Das neue Konzertformat hielt schöne und böse Überraschungen bereit.

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Der englische Posaunist Peter Moore spielte unter der Leitung des
mexikanischen Gastdirigenten Carlos Miguel Prieto und dem LSO im KKL. (Bild Corinne Glanzmann)

Der englische Posaunist Peter Moore spielte unter der Leitung des mexikanischen Gastdirigenten Carlos Miguel Prieto und dem LSO im KKL. (Bild Corinne Glanzmann)

Simon Bordier

Manch ein Sternengucker käme in Verlegenheit, wenn er aus der Milchstrasse drei Sterne herausgreifen müsste – vor allem dann, wenn man nicht die hellsten sucht, sondern solche, die noch schwach blinken, aber vielleicht schon bald der Venus Konkurrenz machen.

Ähnlich delikat stellt man sich die Arbeit des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO) und der Maria-und-Walter-Strebi-Erni-Stiftung im neuen Nachwuchsprojekt «Rising Stars» vor: Orchester und Stiftung wählen jährlich aus der Heerschar junger Solisten ein paar wenige aus, damit sie sich in Begleitung des LSO präsentieren können. Bei der ersten Ausgabe von «Rising Stars» am Sonntag waren dies: ein brasilianischer Pianist mit rumänischen Wurzeln, ein englischer Posaunist und ein Marimbafonist aus China.

Rap zu Marimbaklängen

Am hellsten blinkte der chinesische Marimbafonist Le Yu (Jahrgang 1988). Das lag zunächst am Instrument, das vom Solisten geradezu akrobatische Leistungen mit vier Schlägeln abverlangte und damit Unterhaltung garantierte. Le Yu liess es in dem Concertino «The Waves» der japanischen Komponistin Keiko Abe denn auch nicht an virtuosen Läufen fehlen. Mehr als das: Er schien gleich zu Beginn mit einem Steigerungslauf den Wettstreit mit dem Orchester unter der Leitung des mexikanischen Gastdirigenten Carlos Miguel Prieto zu suchen.

Die Interaktion mit dem LSO und insbesondere mit dessen vier Schlagzeugern trug viel zum Erfolg des Auftritts bei und sorgte mitunter für Lacher im Publikum. Das Zusammenspiel fiel auch im ruhigen, mittleren Abschnitt auf: Wie sich etwa die Bratschen aus den schlummernden Marimbaklängen erhoben, war traumhaft. Das Stück von Abe, das im KKL seine Schweizer Erstaufführung erlebte, war abwechslungsreich, subtil und bot dem Solisten Spielraum. Dieser holte die vielen jungen Zuhörer im praktisch voll besetzten Konzertsaal nicht zuletzt mit seiner Zugabe ab: einem englischen Rap über groovenden Marimbaklängen, der keine Zweifel am Freiheitsdrang des Solisten liess.

Gewitter am Klavier

Mit Pomp wurde die «Grosse Fantasie über die brasilianische Nationalhymne» angestimmt, ein Klavierkonzert von Louis Moreau Gottschalk aus den 1860er-Jahren. Überraschend war, wie der brasilianische Pianist Cristian Budu die pompösen Orchesterklänge flugs in eine poetische Chopin-Welt überführte. Teils lockerte er den Klang mit fein ziselierten Läufen und Arpeggien auf, teils zeigte er im Wechsel mit dem Orchester ­brachiale Seiten. Theatralisch hörte sich insbesondere das Tremolo an, das lange im Hintergrund auf der Pauke brodelte, dann aber wie ein Gewitter am Klavier ausbrach.

Keinen einfachen Stand hatte der englische Posaunist Peter Moore (1996), da sich sein einstimmiges Instrument – anders als Marimba und Klavier – nicht ohne weiteres solistisch in Szene setzen lässt. Umso höher war es Orchester und Stiftung anzurechnen, dass sie das Blasinstrument berücksichtigt hatten. Peter Moore präsentierte dem Publikum Paul Crestons «Fantasie für Posaune und Orchester». Hierbei kam vor allem sein variantenreicher Posaunenklang zum Vorschein: Vom glatten, glänzenden Ton über luftige Vibratoklänge und ­weherfüllte Glissandi bis hin zu schränzendem Brass-Sound. In der Schlusskadenz legte ­Moore einen eindrücklichen Lauf hin. Im Vergleich mit den anderen Solisten hätte man dem Posaunisten noch mehr solch virtuose Passagen gewünscht.

Klangliche Transparenz

Mit dem Luzerner Sinfonieorchester hat man schon prickelndere Abende erlebt als am Sonntag unter der Leitung des Gastdirigenten Prieto. In der sinfonischen Dichtung «Sensemayá» von Silvestre Revueltas hörte man dem Orchester gerne zu, da es trotz zunehmender dschungelartiger Verdichtung bis zum Schluss eine erstaunliche klangliche Transparenz an den Tag legte.

In Arturo Márquez’ «Danzón Nr. 2» verströmte das LSO kubanisches Tanzflair. Doch der Zauber verflog immer wieder wegen Ungenauigkeiten im Zusammenspiel. So kamen etwa Federico Chuecas Vorspiel zu «El Bateo» und José Pablo Moncayo Garcías «Huapango» etwas verwackelt an. Die flatterhaften Bewegungen des Dirigenten schienen daran nicht ganz unbeteiligt.