KONZERT: Ein opulenter Saisonauftakt

Klangwuchtig und mächtig präsentierte sich das Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan. Und zeigte mit dem Pianisten Nelson Freire zusammen dennoch auch eine feinere Klinge.

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Der Brasilianer Nelson Freire spielte mit Grandezza und Leichtigkeit. (Bild: Pius Amrein)

Der Brasilianer Nelson Freire spielte mit Grandezza und Leichtigkeit. (Bild: Pius Amrein)

Fritz Schaub

Grosses, Neues, Wiederentdecktes versprach das Programm der 210. Saison des Luzerner Sinfonieorchesters. Diesen Anspruch löste es bereits im Eröffnungskonzert am Mittwochabend weitgehend ein. Zumindest Grosses stand mit dem «Ring» ohne Worte von Richard Wagner und Wiederentdecktes mit dem vierten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow auf dem Programm. Dieses steht bis heute im Schatten der drei andern Konzerte.

Es entstand eine beträchtliche Zeit nach seinen drei Erfolgswerken, und abgeschlossen war es eigentlich erst 1941, nachdem Rachmaninow von Hertenstein wieder in die USA zurückgekehrt war. Es war ihm anfänglich so sehr in die Breite gewachsen, dass er scherzhaft meinte, wahrscheinlich müsse das Konzert wie Wagners «Ring des Nibelungen» an einigen Abenden hintereinander aufgeführt werden. Nun stand – Zufall oder nicht – dieser «Ring» tatsächlich auf dem Programm, aber natürlich ein Mini-«Ring», arrangiert vom im vergangenen Jahr verstorbenen Stardirigenten Lorin Maazel. Daneben hatte das 1926 konkret gewordene Rachmaninow-Klavierkonzert schon deshalb spielend Platz, weil es von Rachmaninow schliesslich auf die Normallänge von 25 Minuten Dauer gestrafft worden war.

Ungewohnter Rachmaninow

Unterscheidet sich das Konzert stark von den Vorgängerwerken, bricht es gar zu neuen Ufern auf? Ja und nein. Ungewohnt ist der höchst direkte Eingang ins Werk, doch dann hört man im Klavier durchaus die Handschrift Rachmaninows und jene elegischen Streicher-Kantilenen, die Rachmaninow den Ruf des Salonhaften eintrugen. Raffiniert ist zweifellos die Behandlung des Orchesters, das sich bereits hier in «Ring»-Grösse präsentierte und doch den Solisten nie zudeckte. Dazu war Rachmaninow zu sehr Pianist, als dass er nicht immer wieder dem Solisten Freiräume liess.

Diese nutzte der Brasilianer Nelson Freire, der dieses Konzert ausdrücklich gewünscht hatte, mit flinken Fingern zu einem Vortrag von spielerischer Grandezza und Leichtigkeit. Er setzte quasi einen ruhenden Pol im häufig von hektischen Akzenten und dunklen Bläserfarben (sogar Tuba!) gekennzeichneten Orchesterpart, vor allem im langsamen, von Jazzklängen gefärbten Satz, während er im brillanten Schlusssatz äusserst wirkungsvoll den Virtuosen hervorkehrte.

Lauter Orchester-Highlights

Lukas Christinat (Horn) und Barbara Zumthurm (Englischhorn) hatten mit ihren Sololeistungen wesentlich die gegenüber dem früheren Rachmaninow neuen Aspekte mitgetragen und wurden vom Chefdirigenten James Gaffigan speziell herausgehoben. Mit dem von Lorin Maazel arrangierten Querschnitt durch Wagners «Ring des Nibelungen» knüpfte Gaffigan nahtlos an seine eigene «Parsifal»-Orchestersuite an.

Kann man sich Verdi ohne Stimmen vorstellen? Sicher nicht. Kann man Wagner ohne Stimmen aufführen? Schon eher, weil das Wesentliche sich im Orchester ereignet. Aber Lorin Maazel brachte nicht nur die bekannten Abschnitte, sondern auch andere rein orchestrale Partien und hängte sie in chronologischer Reihenfolge ohne Unterbrüche zu einem 75-minütigen Querschnitt zusammen.

Das Dumme ist nur, dass ein Hit wie «Wotan Abschied» aus der «Walküre» sich halt in erster Linie im Gesang des Wotan-Darstellers abspielt. Und das sich unendlich in die Länge ziehende Vorspiel zum «Rheingold» kann man sich fast nur in Verbindung mit Bühnenbild und Szene vorstellen. Das Geklingel bei der Szene mit den hämmernden Nibelungen wirkte etwas gar harmlos, dies eben auch, weil das gross besetzte Orchester selbst alle Register zog und in den von den Blechbläsern bestimmten Abschnitten zu einem voluminösen Klang von seltener Rundung und Leuchtkraft fand.

Sehr souverän

Die Streicher wiederum beeindruckten in den atmosphärischen Partien wie «Waldweben» aus «Siegfried» durch eine Zartheit und Homogenität sondergleichen. Im «Siegfried» und in der ohnehin opernhafteren «Götterdämmerung» nahm überhaupt das Drama eher fassbare Konturen an, sei es bei der Szene, in der Hagen seine Mannen zusammenruft (wo Lukas Christinat in ein veritables Stierhorn blies), sei es bei «Siegfrieds» Tod und natürlich bei der Schlussszene, dem Untergang der Götter mit dem Ansatz zu einem Neuanfang.

Etwas muss unbedingt noch erwähnt werden: wie souverän der stellvertretende Hornist Florian Abächerli hoch oben in einer Echokammer das von allen Hornisten gefürchtete Solohorn Siegfrieds in der «Götterdämmerung» blies.