KONZERT: «Luzern war meine erste Weltstadt»

Stephan Eicher (54) kommt mit einer Überraschung nach Luzern: Er dirigiert ein ganzes Orchester. Es besteht aus Automaten.

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Stephan Eicher dirigiert jetzt eine neue Band: eine aus Maschinen. (Bild: PD/Armando Roch)

Stephan Eicher dirigiert jetzt eine neue Band: eine aus Maschinen. (Bild: PD/Armando Roch)

Stephan Eicher, in Ihrem neusten Programm treten Sie mit Automaten auf: Was sind das für Instrumente? Wer steuert sie?

Stephan Eicher: Es sind alles akustische Instrumente wie Disklavier, Schlagzeug, Orgel, Glockenspiel, Xylofon und viele Perkussionsgeräte. Auch Tesla Coils habe ich dabei. Ich bediene also ein Sammelsurium von Instrumenten, die automatisiert Klänge erzeugen können und zum grossen Teil via Fusspedale gesteuert werden.

Wie muss man sich das vorstellen?

Eicher: Das Automatenorchester hat die Partituren meiner Songs einprogrammiert. Wir haben eine DJ-Software verwendet und sie umgeschrieben. So kann ich über die Fusspedale wie ein Dirigent auf die Arrangements, das Tempo, die Dynamik oder die Intensität des Orchesters Einfluss nehmen. Da komme ich mir ein wenig wie ein Magier vor.

Was hat Sie auf die Idee gebracht?

Eicher: Letztes Jahr hatte ich am Jazzfestival Montreux einen Auftritt mit einer Grossformation von rund 100 Leuten, zu denen unter anderen auch Mitglieder der Ebikoner Guuggenmusig Näbelhüüler gehörten. Das hat sehr gut funktioniert, und ich fragte mich: Was kommt als Nächstes? 200 Musiker? Nein, sagte ich mir und entschied mich für das Gegenteil, nämlich wieder alleine auf die Bühne zu gehen. Das habe ich schon in meinen Anfangszeiten um 1980 gemacht, und ich liebte es. Damals hatte ich Elektronik bei mir, jetzt sind es akustische Instrumente.

Wie kamen Sie auf die Automaten?

Eicher: Darauf brachte mich ein Film über die elektronische Musik in Belgien. Darin kam das Familienunternehmen Decap aus Antwerpen vor, das in einer langen Traditionslinie bis heute automatisch spielende Tanzkapellen baut. Ich besuchte sie und legte ihnen meine Ideen und Zeichnungen vor, wie ich mir das vorstellte. Ich wollte kein Automatenorchester im nostalgisch-musealen Sinne, sondern etwas Zukunftsweisendes. Decap hat dann mein Orchester gebaut.

Mensch und Maschinen – was ist das Faszinierende an dieser Verbindung?

Eicher: Dieses Mechanische und Repetitive löst irgendwo ein melancholisch-sentimentales Gefühl aus. Das passiert ja auch, wenn man nur schon eine Drehorgel hört, obwohl sie einem musikalisch gar nicht gefallen muss. Es ist vielleicht dieses Unverständliche oder Zauberhafte, das in diesem mechanisch-repetitiven Gestus zum Ausdruck kommt und berührend wirkt.

Wie verändert dieses automatisierte Orchester Ihre Songs?

Eicher: Die frühen Songs aus der Zeit von Grauzone oder meinem ersten Album «Les Chansons Bleues», die ich mit Elektronik gemacht habe, passen ausgezeichnet in diese Automatenumgebung. Ja sie bekommen fast etwas Amüsantes, wenn man sie so hört. Andere Songs erfahren wie eine Orchestrierung. Ein paar neue Songs habe ich spezifisch für die Automaten geschrieben.

Also kann man im KKL einen Querschnitt durch Ihre Songs aus 30 Jahren hören, bloss dass sie mit den Automaten gespielt werden?

Eicher: Das ist ein Teil. Es wird nicht einfach den ganzen Abend durchrattern. Ich spiele auch «Campari Soda» ganz alleine am Klavier oder schalte Songs dazwischen, die ich im intimsten Setting nur mit der Gitarre spiele und singe.

Ist die Rückkehr zur One-Man-Show mit den Maschinen auch eine Antwort darauf, dass Tourneen mit Bands immer kostspieliger geworden sind?

Eicher: Nein, im Gegenteil. Das Automatenprojekt ist die aufwendigste und teuerste Produktion, die ich bis jetzt gemacht habe. Es hat zwar keine Musiker mehr auf der Bühne, dafür ist das Team im Hintergrund grösser geworden.

Sie scheinen immer wieder eine neue Idee aus dem Ärmel zu schütteln, Ihre Musik über die Bühne zu bringen. Wie geht Ihr Publikum damit um?

Eicher: Es kann für einige Leute möglicherweise anstrengend sein, wenn sie sich stets wieder neu auf mich einlassen müssen. Eventuell sind sie auch überfordert. Aber ich muss das einfach machen. Es erfüllt mich mit Freude, wenn neue Ideen zünden und ich sie umsetzen kann. Im Verlauf meiner 30-jährigen Karriere ist mir etwas klar geworden: Ich darf nicht versuchen, etwas festzuhalten, wenn mir etwas gelungen ist. Wenn ich zufrieden werde, kann ich das Publikum nicht mehr mitreissen.

Planen Sie auch ein neues Album mit dem Automatenorchester?

Eicher: Nein. Von diesem Rhythmus des Veröffentlichens nach dem Diktat des Musikmarktes habe ich mich verabschiedet. Das will ich nicht mehr. Wir werden das Automatenorchester in der nächsten Zeit noch etwas weiter aufbauen. Gerade jetzt experimentieren wir mit einer Kügelibahn, die wir akustisch einsetzen können. Interessant wäre, dieses Orchester einmal andern Musikern zur Verfügung zu stellen.

Sie sind schon wiederholt in Luzern aufgetreten. Was haben Sie für eine Beziehung zu dieser Stadt?

Eicher: Ich ging in einem Internat in Hasliberg zur Schule, da war Luzern meine erste Weltstadt. Meine erste grosse Liebe war von Luzern. Einer meiner Söhne ist Luzerner. Mehrere Produktionen und Tourneen haben wir in Luzern geplant. Ich steige immer gerne in Luzern ab und bin auch oft hier. Ich kenne die Stadt ziemlich gut wie natürlich auch Engelberg oder Stans, die für mich ebenfalls wichtige Orte der Kreativität gewesen sind.

Interview Pirmin Bossart

Hinweis

Stephan Eicher und die Automaten: Dienstag, 19. Mai, um 19.30 Uhr im KKL, Luzern. Wir verlosen 3-mal 2 Tickets. Und so einfach funktionierts: Wählen Sie heute 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf, Festnetztarif) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert.