Konzert-Wochenende
Kammermusikreihen springen in die Lücke, die grosse Konzerte hinterlassen haben

Verhilft Corona Luzern zu einem weiteren Kammermusikboom? Antworten von einem dicht bepackten Konzert-Wochenende im Schweizerhof, dem Orchesterhaus und in der Lukaskirche.

Urs Mattenberger
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Grosse Gefühlsinfusion: Das Festival-Strings-Quintett im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof.

Grosse Gefühlsinfusion: Das Festival-Strings-Quintett im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof.

Fabrice Umiglia

Die Angst vor Long-Covid-Schäden geht auch in der Kultur um. Wenn Veranstaltern wegen der Einschränkungen der Schnauf ausgeht, so eine Befürchtung, gehen Musikern Plattformen für Auftritte verloren. Am Wochenende zeigte sich freilich in Luzern ein anderes Bild. Da nahmen seit langem bestehende Kammermusikreihen – in der Kunstkeramik und jene des Luzerner Sinfonieorchesters – ihren Betrieb wieder auf. Und nach der Lancierung 2020 starteten gleich drei Reihen neu, die während Corona in die Lücke springen für grosse Konzerte.

Erstaunlich war, wie gut sie sich letztere ergänzen. Die Solidarischen Klänge des Luzerner Sinfonieorchesters setzen den Akzent auf nationale Gäste (siehe separten Artikel). Die Kleinen Konzerte Luzern in der Lukaskirche präsentieren vorab lokale Musiker. Die Festival Strings Lucerne mischen in ihrer Kammermusikreihe im Schweizerhof «Special Guests» mit eigenen Musikern. Entstanden sind so neue Strukturen, die, wenn sie Bestand haben, die Kammermusik in Luzern in einer neuen Vielfalt verankern.

Orchestral im Sturm

Wo die Solidarischen Klänge mit Teo Gheorghiu am Samstag die Idee der Kammermusik zur solistischen Trance-Ekstase zuspitzten, fächerten die Festival Strings sie am Sonntagabend mit Streichquintetten ins Orchestrale auf. Das begann etwas unentschieden mit Beethovens Streichquintett, das die Truppe um Geiger Daniel Dodds mit opernhafter Dramatik aus dem munteren Konversationston riss. Verhalten blieben die Anklänge an eine verschattete Romantik. Ausgezehrt vom Lockdown konnte man es kaum erwarten, dass sie nach dieser Rarität in einem Meisterwerk fieberhaft ausbrach.

Dafür sorgte auf Anhieb Felix Mendelssohns zweites Streichquintett. Die Strings nahmen dieses Werk im Sturm, die hier virtuos geforderte Geige von Daniel Dodds schärfte mit der zweiten von Regula Dodds den Klang. Zwischen heftig aufflackernder Dramatik betörte das Cello von Alexander Kionke – im Adagio – mit mysteriösem Gesang, im Finale liessen die Bratschen die Melodien dunkel blühen und schnitten ihrerseits mit scharfen Akzenten dazwischen. Der lange Applaus im Zeugheersaal zeigte, wie sehnlich wir auf solche Gefühlsinfusionen gewartet haben.

Systemrelevante Wohltaten

Den äussersten Gegensatz zu solch grossen Gesten bildete das Kleine Konzert Luzern am Donnerstag in der Lukaskirche. Mit dem Neustadt Trio traten Musiker (zwei Frauen, ein Mann) auf, die man in Luzern aus anderen Kontexten kennt – wie die Geigerin Miriam Müller als Konzertmeisterin des 21st Symphony Orchestra oder an der Bratsche Claudia Kienzler, die man in einer Coronareihe am Fernsehen privat kennen lernen konnte. Familiär waren auch die Worte des Cellisten Joachim Müller-Crepon zum ersten Teil der «Goldberg-Variationen» von Bach.

Ganz ins Private verwies die Wiedergabe des Werks: Das Streichtrio nutzte die historische Aufführungspraxis – vom schlanken Silberton der Violine bis zum auch mal kernig knurrenden Cello – nicht für virtuosen Nervenkitzel, sondern für ein entspanntes Musizieren, das die musikalischen Metamorphosen federnd leicht hörbar machte.

Live-Dringlichkeit bezog es auch daraus, dass einmal ein Ton fragil in der Luft hängen blieb, bevor die Wiederholung der Aria in die meditative Ruhe des Anfangs zurückführte. Nicht nur musikalisch war diese Trance ganz ohne Ekstase eine Wohltat – und damit ein ganz anderes Beispiel für die Systemrelevanz von Musik.