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KONZERTE: Mal Bedrängnis – mal Entschleunigung

Studierende der Musikhochschule Luzern haben im Kulturzentrum Neubad am Zeitbegriff gerüttelt. Behilflich waren ihnen dabei hundert Metronome.
Simon Bordier
Das Ensemble Nachhall mit Silke Strahl (Saxofon), Léa Legros-Pontal (Bratsche), Sara Käser (Cello) und Raphael Loher, der dem präparierten Klavier spezielle Klänge entlockte. (Bild Philipp Schmidli)

Das Ensemble Nachhall mit Silke Strahl (Saxofon), Léa Legros-Pontal (Bratsche), Sara Käser (Cello) und Raphael Loher, der dem präparierten Klavier spezielle Klänge entlockte. (Bild Philipp Schmidli)

Simon Bordier

Die Stubenfliege kann einen schnell überfordern. Denn diese ist dem Homo sapiens bekanntlich in einem Punkt voraus: Sie kann mit ihren Rundum-Augen etwa 200 Bilder pro Sekunde verarbeiten, der Mensch hingegen bloss 20. Unsere Bewegungen erscheinen für sie wie in Zeitlupe.

Verwirrspiel zum Anfang

Das Fliegenfangen ist allerdings ein Klacks im Vergleich zur akustischen Herausforderung, welche die Besucher des Kulturzentrums Neubad am Freitagabend erwartete. Dort waren im Restaurant 100 Metronomgeräte aufgestellt, die von Studierenden der Musikhochschule Luzern schnell nacheinander angeschaltet wurden. Dabei hatte jedes Gerät eine andere Tempoeinstellung. Mit dem rund halbstündigen «Metronomkonzert» sollten die Besucher auf das Festival «Wege der Wahrnehmung» eingestimmt werden, das vom Studio für zeitgenössische Musik übers Wochenende im Neubad veranstaltet wurde.

Das 1962 vollendete «Poème symphonique pour 100 métronomes» von György Ligeti war ein viel versprechender Auftakt zum Thema Zeit. Denn es zeigte exemplarisch, dass selbst ein «objektiver» Taktgeber wie das Metronom letztlich von unserer Wahrnehmung abhängt: Lässt man 100 Geräte miteinander laufen, relativieren sich die Schläge. Am Freitag hörte sich das «Metronomorchester» am ehesten wie Regen an, der beim Autofahren auf die Frontscheibe niederprasselt. Leider ging das Stück im Restaurantlärm etwas unter.

Walgesänge im Pool

Relativiert wurde das Zeitgefühl kurz darauf im ausgemusterten Pool und heutigen Bühnenraum des Neubads. Dort wurde Gérard Griseys «Vortex Temporum» gespielt, ein dreisätziges Werk aus den 90er-Jahren, das die «Zeit des Menschen» zu derjenigen von Walfischen und Vögeln ins Verhältnis setzt. Die menschliche Zeit war insbesondere im Puls der Pianistin Talvi Hunt spürbar, die von zwitschernden Holzbläsern und gedehnt spielenden Streichern umschwärmt wurde.

Aufhorchen liess eine Solopartie von ihr: Es schien eine Art rhythmisches Vakuum zu herrschen, sodass ihre Hände von der Mittellage immer wieder abrupt nach links oder rechts ausscherten. Der zweite Satz, die «Zeit der Walfische», erwies sich sodann als paradox: Die Klaviermelodie war schreitend im Charakter, doch dabei schien sie zu den «Walgesängen» von Sofiia Suldina (Violine), Léa Legros-Pontal und Ilona Pohjola (Viola) sowie Lorena Dorizzi (Cello) immer weiter dem Ozeanboden entgegenzuschweben.

Katrin Szamatulski (Flöte) und Anastasia Braginskaya (Klarinette) spielten in der «Zeit der Vögel» wiederum mit so viel Druck, dass ihre Läufe zusehends verwischten, ja, dass ihr Klang quasi erstickte. Das Ensemble unter der Leitung von Michael Wendeberg bot damit eine Glanzleistung.

Entzückender Stillstand

Ein Zeichen in Sachen Entschleunigung setzte am Samstagabend Michael Surber, Master-Student der Kompositionsklasse, mit seinem neuen Stück «Hier und Jetzt». Bei der Uraufführung durch das Ensemble Nachhall liessen insbesondere die unberechenbar zwischen dem präparierten Klavier, der Bratsche, dem Cello und Saxofon gleitenden Klänge aufhorchen; ein Gefühl der Bedrängnis kam auf. Entzückende Momente des Stillstands wurden insbesondere mit metallisch glitzernden Klängen geboten. Gegen Schluss herrschte aber nicht ein Gefühl der Entschleunigung vor, sondern der Gedanke, dass das Stück mit schätzungsweise 40 Minuten zu lang ist.

Weitere Gelegenheiten zur Entschleunigung wurden dem Publikum am Freitag mit Morton Feldmans 75-minütigem «Piano and String Quartet» geboten, am Samstag mit dem raumgreifenden Saxofonstück «La bocca, i piedi, il suono» von Salvatore Sciarrino und gestern Nachmittag mit Minimal Music von Terry Riley. Zudem durften am Samstag moderne Klassiker zum Thema etwa von György Kurtàg, Olivier Messiaen und John Cage nicht fehlen.

Melodie 840-mal wiederholt

Erik Borgir, der Leiter des Studios für zeitgenössische Musik, und die Studierenden scheuten an dem anregenden wie vielseitigen Wochenende keinen Aufwand. Am Samstag erklang im Restaurant des Neubads gar das über zehn Stunden dauernde Klavierwerk «Vexa­tions» von Erik Satie. Die Klaviermelodie wurde wie vorgeschrieben insgesamt 840-mal wiederholt. Dazu waren zehn Pianisten nötig.

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