KOPF DES TAGES: Charles Linsmayer – Das literarische Gedächtnis der Schweiz

Als Herausgeber hält Charles Linsmayer die Erinnerung an die reiche Schweizer Literatur wach. Für sein Schaffen bekommt er den Vermittlerpreis des Bundes.

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Charles Linsmayer bedankt sich am 16. Februar 2017 in Bern für den mit 40 000 Franken dotierten Literaturpreis. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Charles Linsmayer bedankt sich am 16. Februar 2017 in Bern für den mit 40 000 Franken dotierten Literaturpreis. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Er ist ein Unikum in der Schweizer Literaturlandschaft. Ohne ihn wären Dutzende Autorinnen und Autoren der jüngeren Literatur vergessen, ihre Romane nur noch im Antiquariat aufzustöbern. Frisch, Dürrenmatt, Keller und Gotthelf brauchen Linsmayers Hilfe nicht. Aber wer erinnert sich an Kurt Guggenheim, Cécile Ines Loos, Paul Ilg? Legendär ist Linsmayers 30 Bände umfassende Reihe «Frühling der Gegenwart» im Verlag Ex Libris, in der er anfangs der 1980er-Jahre Werke von 177 Autorinnen und Autoren der Deutschschweiz herausgab. Mit diesem Engagement machte er bewusst, wie vielstimmig die Schweizer Literaturgeschichte ist – wenn man sie denn zur Kenntnis nehmen will.

Das Bundesamt für Kultur hat es gemerkt und dem 71-jährigen promovierten Literaturwissenschafter gestern Abend im Rahmen der Schweizer Literaturpreise einen Vermittlerpreis verliehen. Dotiert ist dieser Preis für das Lebenswerk mit 40 000 Franken.

Seine berufliche Laufbahn hat sich Charles Linsmayer ausserhalb der Universität selbst erkämpft – als Herausgeber und Literaturredaktor, später als freier Journalist, der bis heute für die Neue Zürcher Zeitung, aber auch für unsere Zeitung schreibt. In seiner Rolle als Kritiker verbindet er persönliche Bescheidenheit und grosses Einfühlungsvermögen in die Literatur. «Verrisse interessieren mich nicht», sagt er. Er sei ein neugieriger Mensch, der vor allem die Freude an der Literatur teilen wolle. Klartext spricht er aber, wenn er die Stellung der Literatur in der Schweiz beurteilt. Die geistige und künstlerische Arbeit werde in der kaufmännisch geprägten Schweiz seit jeher viel zu wenig ernst genommen, bedauert er.

Vielleicht geniessen gerade deshalb die sozial engagierten, humanistischen Autorinnen und Autoren die besondere Sympathie des Literaturhistorikers Linsmayer. Neben Romanciers von Gottfried Keller bis Urs Widmer stellt er Autoren wie Alfred A. Häsler («Das Boot ist voll», 1967) oder den Friedensaktivisten Leonhard Ragaz («Die neue Schweiz», 1918) vor. Diese hätten intensiv mit der Schweiz gerungen und sie geistig geprägt. Linsmayers publizistische Methode: biografische Nachworte mit zentralen Texten der Autoren in einem Band zusammenführen. Er fülle damit eine literaturhistorische Lücke – die Universitäten würden diesen Bereich leider vernachlässigen, meint er.

Seit 1987 macht Linsmayer unter dem Label «Reprinted by Huber» Werke von Annemarie Schwarzenbach bis S. Corinna Bille zugänglich. 1989/90 betreute er für den Suhrkamp-Verlag das 35-bändige «Weisse Programm Schweiz». 2005 bekam er von der Universität Basel den Titel eines Doktors honoris causa und 2007 wurde ihm in Weimar der Deutsche Sprachpreis überreicht. Neben seinen herausgeberischen Tätigkeiten widmet sich Linsmayer seit 2012 mit besonderer Liebe den von ihm ins Leben gerufenen Hottinger Literaturgesprächen mit Schweizer Autoren. Diese finden jeweils vor vollen Rängen im Zürcher Neumarkt-Theater statt.

 

Hansruedi Kugler