KOPF DES TAGES: Seraina Rohrer und die Kultur der Nähe

Seit 2011 ist Seraina Rohrer (39) die Leiterin der Filmtage Solothurn. Ihr sechstes Festival dieses Jahr unterstreicht, wie gut sie hier angekommen ist.

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Die 39-jährige Direktorin Seraina Rohrer an der Eröffnung der 52. Solothurner Filmtage. (Bild: Marcel Bieri/Keystone)

Die 39-jährige Direktorin Seraina Rohrer an der Eröffnung der 52. Solothurner Filmtage. (Bild: Marcel Bieri/Keystone)

Es war zugleich ein einfaches und ein schweres Erbe, als Seraina Rohrer 2011 die Stelle als Direktorin der Solothurner Filmtage von Ivo Kummer übernahm. Schwer, weil Kummer den Filmtagen seinen Stempel aufgedrückt hatte und sich öffentlich und kritisch zur Schweizer Filmpolitik verlauten liess. Leicht, weil die traditionsreiche Werkschau des Schweizer Films sich ihre tragende Position im Jahreskalender der Filmkultur längst erarbeitet hat.

Seraina Roher, die dieses Jahr ihre sechste Ausgabe der Filmtage verantwortet, hat rasch einen eigenen Weg gefunden und ist ebenso souverän wie uneitel zur Leiterin und Repräsentation des Festivals geworden. Sie hatte nie den Eindruck vermittelt, sie müsste hier einen bestens etablierten Anlass auf den Kopf stellen oder sich mit medienwirksamen Aktionen in Szene setzen. Aber Rohrer hat beispielsweise mit dem Programm «Upcoming» dem Nachwuchs einen Platz gegeben – und diese Blutauffrischung zeigt sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Publikum. Die Filmtage haben sich vom Branchentreffen zu einem Publikumsanlass entwickelt und konnten die Besucherzahlen kontinuierlich erhöhen – 2016 waren es rund 65 000.

Das Rüstzeug als Festivalleiterin hatte sich Seraina Rohrer, in Oetwil am See aufgewachsen, einerseits im Studium geholt: Sie studierte Filmwissenschaft und Publizistik. Anderseits lernte sie den Festivalbetrieb als Pressebetreuerin in Locarno (2003–2009) kennen und war in der Spielfilmkommission der Zürcher Filmstiftung tätig.

Zudem forschte und arbeitete sie in Mexiko sowie an der Universität in Kalifornien. Sie ist eine begeisterte und begeisternde Filmliebhaberin; das ist unabdingbar, wenn aus der riesigen Anzahl an eingereichten Arbeiten (2017 rund 650 Filme) jene selektioniert werden müssen, die während acht Tagen zu sehen sind – knapp 180 Filme sind es dieses Jahr. Zweifellos wirft sie dabei einen besonderen Blick darauf, was weibliche Filmschaffende zu bieten haben. Das spiegelt sich im Programm, das dieses Jahr mit Petra Volpes «Die göttliche Ordnung» nicht zum ersten Mal mit dem Werk einer Regisseurin eröffnet wurde; dennoch machen Rohrer und die Programmkommission daraus kein Dogma.

Zu den Aufgaben der 39-jährigen Direktorin gehört jeweils eine Rede an der Eröffnung, und Seraina Rohrer meistert diese Aufgabe stets mit pointierten kulturpolitischen Positionen, die sie mit Augenzwinkern und einem Lächeln serviert. Neben der Präsidentin der Filmtage-Genossenschaft, Christine Beerli, die jetzt nach zwölf Jahren von ihrem Amt zurücktritt, und den Grussworten von Bundesrätin Simonetta Sommaruga hatte Seraina Rohrer dieses Jahr eine ihrer bisher besten Ansprachen gehalten. Sie appellierte dafür, den Begriff der Enge neu zu denken. Enge nicht nur negativ, als räumliche oder geistige Enge zu sehen. Sondern in einer globalisierten Welt die Enge in der Schweiz als wertvoll und als Chance zu erachten. Weil sie eine in­spirierende Kultur der Nähe ermögliche, in der man sich besser zuhören und sich miteinander auseinandersetzen kann. Eine Nähe, wie sie auch die Solothurner Filmtage unter Seraina Rohrer vorleben.

Andreas Stock
kultur@luzernerzeitung.ch